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3. Juni 2015 - von Claudia Posca

Das Folkwang-Diplom in der Tasche - Und dann? Wie kann man weiter Künstler sein?

Essen

Die Kreativwirtschaft boomt, Ausstellungen gibt‘s en gros. KünstlerInnen auch. Und jedes Jahr spucken die Kunst-Akademien, die Hochschulen für Kommunikationsdesign und andere Medien-Institute Hunderte diplomierter Jung-Künstler aus. Jeweils 25 Studierende für Industrial Design, Design, Kommunikationsdesign und Fotografie nimmt die Folkwang Universität der Künste in Essen pro Semester auf. Rund 1500 Studierende für Theater, Tanz, Gestaltung und Musik sind es insgesamt.

Jaebong Jung ist eine von ihnen. Eine private Kunstschule, ein anschließendes Kunststudium in Korea hatte sie schon vor ihrer Folkwang-Karriere hinter sich. „Lernen, neugierig sein“ wollte sie, jetzt hält sie das Diplom für Fotografie in der Hand. Eine Untermieterin für ihre Wohnung hat sie gerade gefunden. Im Internet unter www.freyaspalace.de ist ihre Kunst eingestellt. 2013 erhielt sie den DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen.

Alles bestens? Wie sieht die Zukunft für die frisch gebackene Kunstproduzentin aus? Noch dazu mit dem Abschluss einer der renommiertesten Ausbildungsstätten für Fotografie, als die die seit 1927 bestehende Folkwang-Schule international gilt, wo der bedeutende Nachkriegs-Fotograf Otto Steinert von 1959 bis 1978 lehrte.

Ich verabrede mich mit der in Seoul geborenen Jaebong Jung. Noch nicht lange ist es her, da hat die Koreanerin ihre Diplom-Abschluss-Ausstellung im SAANA-Gebäude auf Zeche Zollverein in Essen gezeigt: Fotografie-basierte Video-Kunst. Schwerpunkt: „Das Sehen. Warum bleibt mein Blick da und nicht dort hängen? Was bringen uns Bilder? Was gibt ein Bild mir?“

Jaebong Jung treiben Fragen um, die fundamental sind. Die Kunst, die dabei heraus kommt, ist für Jaebong Jung ihre Antwort auf philosophisch-konzeptuelle Überlegungen zur Wahrnehmung, zu sinnlichen Fähigkeiten.

Die Mitt-Dreißigerin hat bei Prof. Christopher Muller studiert. In den Atelierräumen der seit 2011 als Dependance der Folkwang-Uni gegründeten Galerie 52, Viehofer Straße 52, hat sie gearbeitet, sich einer meditativen, elementaren Video-Kunst verschrieben. 2012 war ihr Video-Kurzfilm „Eine Landschaft“ im Rahmen der Ausstellung „Kein Wort zu viel“ im Kunstverein Wilhelmshöhe in Ettlingen zu sehen. O-Ton des 1-minütigen Loops einer filmisch manipulierten s/w-Fotografie mit Baum-Impression: „Hey, guck mal. – Da. Da. – Ja, da. Kannst du Dir es da vorstellen?“ Ums Geschichten-Erzählen geht es dabei nicht. Stattdessen steht der akute Moment und die Betrachter-Reaktion im Fokus.

Ob sie Vorbilder habe? Ich denke natürlich an Nam June Paik.

„Mein großes Thema ist die Wahrnehmung. Ich arbeite mit der Visualität. Deshalb benutze ich auch keine Musik.“

Imponiert hat Jaebong Jung das Durchhaltevermögen der amerikanischen Künstlerin Elaine Sturtevant, die sie 2014 in der Düsseldorfer Julia-Stoscheck-Collection sah. „Diese Künstlerin war auch nicht v on jetzt auf gleich berühmt, hat aber ihre Kunst immer weiter verfolgt. Leider ist sie während der Laufzeit der Ausstellung gestorben.“

Ich verstehe, was Jaebong Jung mir signalisiert. In ihrem Leben geht es zurzeit vor allem ums Durchhalten. „Dass ich meine Sache weiter machen kann. Dass ich eine Chance bekomme. Wer kann Video-Kunst schon kaufen?“

Ich frage erst einmal nicht weiter nach, kenne die düsteren Zukunftsprognosen für Start-Up-Künstler.

Jaebong Jung überlegt: „Ich habe so viel Energie, meine Kunst zu machen. Jetzt kann ich frei arbeiten, kann mich bewerben. Mit einem Diplom ist das einfacher. Aber ich muss mich kümmern. Sonst bewegt sich nichts“, sagt sie ernst. Und erzählt, dass ihr das tolle Folkwang-Diplom in Korea kaum Vorteile bringen würde. Deshalb möchte sie in Europa bleiben. Und strahlt dabei so viel Zuversicht aus. Einen Praxis-Kurs „Kunst & Wirtschaft“ hat sie nicht besucht.

Da geht es ihr wie vielen anderen Jung-Künstlern. Wie man sich auf dem Markt etabliert, wie man Galerie-Kontakte knüpft, ein Netzwerk aufbaut, sich selbst promotet, das bedeutet für die allermeisten Learning-by-doing in der Realität, oft ein Leben lang. Nur rund 5 Prozent aller Kunst-Hochschulabsolventen können von ihrer Passion leben, obwohl gerade private Kunstschulen „Kunst und Ökonomie“ fördern. Dabei sind Kunstproduzenten selbständige Unternehmer. Wenn sie Glück haben, und nicht als Hobby-Künstler eingestuft werden, sind sie kranken- und rentenversichert über die Künstlersozialkasse

 „Wovon ich lebe, das ist nicht so wichtig. Aber die Kunst weiter zu machen, das ist wichtig!“

Ob sie auch Hochzeitsfotos machen würde? Oder Kinder-Portraits?

„Warum nicht? Um leben zu können. Aber meine Kunst würde ich dafür nicht aufgeben.“

Irgendwie bewundere ich diesen Optimismus. Trotz oder gerade wegen der träumerischen Lebensphilosophie. Dabei gibt es so viele Stolpersteine für Jaebong Jung: der andauernd finanzielle Engpass, Existenzsorgen, die deutsche Bürokratie, die auf zehn Jahre begrenzte Aufenthaltsgenehmigung, die fremde Sprache, und dass nicht immer alles rund läuft: Ihre Bewerbung für den Post-Graduate-Studiengang an der Kölner Medienakademie (KM) wurde abgelehnt. Von ihrem koreanischen Kunst-Lehrer erzählt sie: „Der hat mit 40 gesagt: Ich breche meinen Pinsel.“  Aber in Korea sei, „der hierarchischen Gesellschaftsstrukturen“ wegen, ein Neuanfang noch schwieriger, als in Deutschland.

Ob sie daran denkt, zurückzugehen? „Zur Familie? Die sagt, du musst langsam mal eine Familie gründen.“ Jaebong Jung zögert. Eigene Kinder? „Ja, vielleicht.“

Über Korea weiß ich nicht viel. Natürlich: Der Nord-Süd-Konflikt, der Diktator Kim Jong-Un, 1945 die Unabhängigkeit von Japan. Und dass Korea eine traditionelle Kultur hat, die von konfuzianischen Bräuchen, auch von buddhistischen geprägt ist. Und dass die Koreaner die chinesischen Handwerkskünste auf ihre Art weiter entwickelt haben, bekannt sind für Seiden- und Töpfer-Kunst.

Aber dass es in Düsseldorf eine koreanische, evangelische Gemeinde gibt, das wusste ich bis dato nicht. Jaebong Jung fährt manchmal dort hin. Sie organisiert sich ihre Umgebung so, dass die Motivation, weiter zu machen, von Gesprächen, von Ausstellungsbesuchen, von Landsleuten, von anderen Künstlern, vor allem aber vom Freundeskreis gefüttert wird. „The power of art leben“ nennt sie das lächelnd.

Angetan ist Jaebong Jung davon, dass Deutschland sehr kunstinteressiert ist, viele Kunstsammler hat. „Korea ist ein kleines Land. Für den kleinen Markt gibt es dort zu viele Künstler.“ Ihre Hoffnung: In Deutschland, in Europa bleiben zu können. „Was morgen passiert, weiß man heute nicht. Ich habe nie ein genaues Ziel gehabt. Der Prozess ist das Wichtige. Und dass ich nicht aufgebe.“

Ihre Überlebensstrategie? Ist das, was sie von einer freischaffenden Ex-Folkwang-Studentin hörte: Glück haben!

Ich wünsche es Jaebong Jung sehr!

Das Folkwang-Diplom in der Tasche - Und dann? Wie kann man weiter Künstler sein?