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29. Juni 2017 - von Claudia Posca

Das Bochumer Dach

Bochum

Achtung, Baustelle! Sanierung geschafft! Das Kunstmuseum Bochum hat ein renoviertes Dach. Gefittet, reloaded, endlich fertig. Wegen Baustellen-Charme aber schließen? Von wegen! Sowas kommt anderswo in die Tüte, in Bochum aber kam es nicht ins Haus.

Man trotzte dem Super-Gau geschlossener Museumspforten: „Wegen Baustelle geöffnet!“ Was nicht dasselbe ist wie „trotz Baustelle geöffnet“. Ich jedenfalls kenne kein Museum im Revier, das je Sanierungsplackerei positiv dachte. Wer mag schon Staub und Störung?

Sie etwa? Sehen Sie. Ich auch nicht.

Jedenfalls: Ich war bei so manchem Bochumer Kunstmuseumsbesuch der letzten Monate, gelinde gesagt, irritiert. Weil`s seit Oktober 2016 mächtig laut war, was da mit dem in die Jahre gekommenen Dach auf dem Museumsbau der dänischen Star-Architekten Bo & Wohlert passierte. Sie wissen schon, das sind die beiden, die das 1958 in Humlebaek am Ufer des Öresund nördlich von Kopenhagen eröffnete, weltberühmte Louisiana Museum of Modern Art bauten. Ja, Bochum hat da was Feines mit seinem Museum.

Aber hätten Sie`s gewusst?

Seit immerhin mehr als 34 Jahren belichtet, buchstäblich, das jetzt auf Vordermann gebrachte Dach den wunderbar hohen großen Ausstellungssaal in der ersten Etage des 1983 eröffneten Museumsneubaus. Viel gerühmt wurde es für Licht und Lichtung. Weil`s so besonders ist. Kein anderes im Revier, das dem Bochumer Dach ähnelt. Aus neun Metern Höhe zaubern zig Luken, „Reiter“ genannt, natürliches Licht in den Raum. Das Ooah-Staunen hat der famose Oberlichtsaal oft gehört.

Peter Spielmann, der Museumsdirektor bis 1997, beschrieb die architektonischen Besonderheiten folgendermaßen: „Die Decke des Raumes besteht aus geometrisch angeordneten Pyramiden, die nach unten offen und oben in Richtung Norden mit einem Fenster abgeschnitten sind.“

Sheddach-Architektur für Tages-Lichteinfall ist das. Blendfrei, ohne Bildung von Schlagschatten, das Idealste, wenn es um Raum-Ausleuchtung, um Werk-Beleuchtung geht. „Durch diese Fenster fällt das Licht in den Innenraum der Pyramide ein und zerbricht an den Wänden der Pyramide, so dass es völlig zerstreut hinab fällt. Im Gegensatz zu bislang bekannten Lösungen, bei denen das einfallende Licht durch mattes Glas oder aufgespannte Leinwand zerstreut wird.“

Ja, das Bochumer Dach hat was, macht Atmosphäre, ohne aufdringlich zu sein. Was nur ein Detail der Gesamtarchitektur ist, aber viel dazu beiträgt, dass Manfred Sack (1928-2014), einer der profiliertesten Architekturkritiker, 1983 in der „Zeit“ schreiben konnte: „…so hat Bochum ein Museum von gelassener Schönheit bekommen.“

Wofür nicht zuletzt auch die besondere Dacharchitektur verantwortlich zeichnet. Die im Übrigen spiegelt, was das ganze Haus beseelt: Öffnung, Transparenz und Austausch zwischen Innen und Außen, ein Bürger-Museum mit baulich anschaulich transportierter Kommunikations- und Vernetzungsstruktur.

Aber der Sanierungslärm? Den braucht kein Mensch. Wofür das arme Dach natürlich nichts kann. Und wir alle ja auch wissen: „Wat mutt, dat mutt.“

Deshalb hieß es zu Recht bis letzten Sonntag „wegen Baustelle geöffnet“. Denn in Bochum zählte: Es geht voran. Doofer Krach hin oder her.

Am Ende war es eine gute Baustelle. Das Ganze lief bei laufendem Museumsbetrieb. Ungewöhnlich. Außergewöhnlich.

Aber vor allem war es vorbildlich, bedenkt man, dass anderswo, wie zum Beispiel in Leverkusen, noch immer zur Diskussion steht, das stadteigene Museum Schloss Morsbroich zu schließen. Um Kosten zu sparen.

Dann doch lieber ein vorübergehend lärmendes Museum.

In Bochum hat man sich genau dafür entschieden. Trotz klammer Kassen. Rund eine Millionen Euro kostet das runderneuerte Museumsdach, die energetische Flottmachung ist inklusive. Schön, dass die Bochumer Bürger und viele darüber hinaus das Kunstmuseum am Stadtpark lieben.

Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1960 zurück. Damals wurde das Institut unter dem Namen „Städtische Kunstgalerie“ für Kunst nach 1945 gegründet, um, mit den Worten des aus dem Revier stammenden Kunstkritikers Albert Schulze-Vellinghausen (1905-1967) zu sprechen, ein „optisches Kraftfeld im Zentrum der Stadt“ zu schaffen. Was zeigt, dass es in Bochum ein schon frühes Bestreben gab, dem Publikum das Ruhrgebiet als Kulturlandschaft ans Herz zu legen. Für alle Zukunft.

Mit neuem Dach hat das jetzt erst recht Bestand. Am Ende habe ich die Baustelle als Zukunftssicherung schätzen gelernt. Auch weil sie das Denken ums Eck zu denken gedachte.

Forciert hat das Museumschef Hans Günter Golinski durch eine schillernde Idee: Die Baustelle als Thema und Bild, „wegen Baustelle geöffnet“. Um ins Hirn zu hieven, dass jedwedes Denken schließlich auch so eine Art Baustellenkreativität hat. Und dass es ohne Umbaumaßnahmen in Kopf und Leben weder Innovation noch Geschichte gibt.

Seither nagt der Baustellenfrust weniger am Gemüt. Nur mal so als Tipp. Für den Fall, dass die Nachbarschaft gerade baut.

Vergangenen Sonntag wurde gefeiert: Dachsanierung komplett, Full House buchstäblich. Im großen Saal saß großes Publikum. Voll war`s, schön war`s. Und sooooo leise. Gespannt lauschte man, was Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch von der Baustelle nach der Baustelle erzählte:

„Dazu zählt, dass in wenigen Monaten die Umbaumaßnahmen in der Villa Marckhoff-Rosenstein beginnen werden, um die eigene Sammlung zukünftig noch besser zeigen zu können. Dann werden wir dieses Haus so sanieren, dass wir einen würdigen Platz für die Präsentation der eigenen Sammlung in dieser Stadt haben…Ein großer Wunsch wird damit in Erfüllung gehen, dass zum 60zigsten Jubiläum 2020 das Kunstmuseum seine Sammlung in eigenen Räumen dauerhaft ausstellen kann.“

Klasse Perspektive. Und, wie wir jetzt wissen: Auch Baustellen haben Charme.

Noch aber ist`s ruhig im Museum. Gleich drei Ausstellungen unter einem Dach auf einen Schlag sind seit Sonntag am Start. Allen voran, neben der „junge westen“-Ausstellung und der Farbmalerei-Präsentation aus Eigenbestand, der großartige Parcours „Farbe tanken“ vom Meister aller Rottöne, Rupprecht Geiger.

In Rekordzeit wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Münchener Geiger-Archiv und der Enkelin des großen Farbmalers, Julia Geiger, gestemmt. Zum Teil zeigt die Schau noch nie gezeigte Werke des 2009 verstorbenen Künstlers. Und das so phantastisch präsentiert, dass eine wirklich wunderbare Farb-Bild-Malerei-Raum-Installation als kleines Gesamtkunstwerk herauskam.

Wer also wissen will, was Rot-Sehen bedeutet, dem sei der magische Oberlichtsaal mit den vierzig Geiger-Werken empfohlen. Einfach grandios. Auch, weil, - Einbildung oder nicht -, jetzt nach Dachsanierung Lichteinfall und Raumausleuchtung noch ein bisschen perfekter funktionieren. Die von Rupprecht Geiger benutzten Tageslicht-lichtleuchtenden Farbpigmente jedenfalls brauchen sich beim Strahlen kaum anzustrengen. Dank Oberlicht-Strahlung von oben, selbst wenn das Meiste ja kaum sichtbar vor allem hinter den Kulissen modernisiert wurde. 

„Dieser Raum mit seinem besonderen Licht ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal im Ruhrgebiet. Denn er lässt die Tageszeiten und deren Licht als beeinflussende Faktoren der Kunstpräsentation mit reflektieren“, bringt es Museumschef Hans Günter Golinski auf den Punkt.

Was so ein Dach doch ausmacht. Das Bochumer jedenfalls hat schon Geschichte geschrieben.

Das Bochumer Dach