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5. Januar 2017 - von Claudia Posca

Da tut sich was: Marl im Aufbruch

Marl

Neues Jahr, neues Glück. Und Ihnen ein friedvolles, gesundes, schönes 2017!

Das für mich mit Zeiten-Hopping durchstartet: von der Gegenwart in die Vergangenheit in die Zukunft hinein.

Und das geht so: Noch in 2016, ein paar Tage vor Weihnachten, klingelte das Handy: „Wir möchten Sie zu einem Hintergrundgespräch einladen (was mich sehr freute!), nach Marl (was mich ebenfalls sehr freute), für einen Info-Ausblick (was ich immer gut finde). Es geht um Kunst, Kultur, Stadtentwicklung. Und darum, dass  „Urban Lights Ruhr“ im Herbst 2017 Marl bespielt. Sie wissen doch: das von Urbane Künste Ruhr realisierte, zeitgenössische Lichtkunst- und Medien-Festival, zuvor schon in Bergkamen, Hamm und zuletzt in Hagen realisiert.“

Ja, ich erinnere mich gut. „Dunkle Welt, lichte Kunst“, - der Lichtkunst-Parcours hatte mir im Oktober 2015 Düsterzeit hell gezaubert. Ortsspezifische Highlights waren das, analytisch, poetisch, witzig implantiert an prekären Stellen, Plätzen, Unorten in Hagens City. Frei nach dem Motto: Funzeln an, Augen auf, raus aus dem Dunkel rein in die Öffentlichkeit. Für blitzgescheite Ein- und Übergriffe im urbanen Raum, eine ästhetische Einladung ans Publikum, „das Potential neu entstehender Stadtlandschaften zu erleben und zu aktivieren.“ Tatsächlich bescherte „Urban Lights Hagen“ wunderbare Leuchte-Kunst-Erlebnisse. Der Erinnerungswert: nachhaltig.

Ähnliches also soll es nun im Herbst 2017 im Innenstadtraum der 85.000-Einwohner- und Ex-Bergbau-Stadt Marl im nördlichen Revier geben, nächst des dort beheimateten, international bekannten Skulpturenmuseums Glaskasten.

 „Schöne Aussichten, ich komme!“

Erst einmal aber switche ich erinnerungstechnisch zurück: Mit dem Auto, oder, wie des Öfteren früher, mit dem Zug nach Marl reisen? Um, vom Zug-Steig kommend, durch den hässlichen „ Marler Stern“ zu wandern, seines Zeichens ehemals hypermoderne Shopping-Mall der 1970er Jahre mit weltgrößtem Luftkissendach drüber? Um dann auf dem nicht minder hässlichen „Creiler Platz“ zu landen, wo mitten in einem der wasserlosen Wasserbecken ein seltener Uhr-Koloss tristes Dasein fristet (ehrlich, es ist eine Uhr, kein Ur!), flankiert von zwei vor sich hin bröselnden Beton-Verwaltungstürmen, Teil-Architekturen des Marler Rathauses über dessen Sitzungssälen sich frei ein 60 Meter langes und 28 Meter breites Faltwerk mit 7 V-förmigen Falten spannt, dessen Dach aus einem Guss gefertigt wurde, „eine kühne Konstruktion aus Stahlbeton“, die echt futuristisch aussieht. Aber schön?

Sie merken schon, nach Marl fahre ich anderer Eye-Catcher wegen.

Doch die clever schmalfüßig angedeuteten Infos versprachen ja Marl in ein neues Licht zu rücken. Stichwort: städtebauliche Revitalisierung, RuhrModerne, „Urban Lights Marl“. Ich habe es der Tendenz nach so verstanden:  Zeitgenössische Kunst hilft beim Ausloten und Wertschätzen urbaner Tatbestände, die wiederum, von künstlerischer Vision profitierend, auf neuestem Stand modernisiert, saniert werden. Was eine Perspektive mit Herz ist, die das Marler Dorado für Skulpturen-Fans, Hochburg phantastisch vieler, phantastisch unterschiedlicher Skulpturen, noch besonderer macht.

„Für mich war es eine große Überraschung und Freude, als ich das hörte“, ist Skulpturenmuseums-Chef Georg Elben sichtlich angetan davon, dass Marl, samt und sonders seiner städtebaulichen Spezialitäten, der zeitgenössischen Kunst aufregende Wege offerieren wird, sich einzumischen: für gesellschaftliche, für ästhetische, für strukturelle Innovationen. Schließlich ist die „junge Kunstorganisation der Kulturmetropole Ruhr“ vor allem immer dort unterwegs, „wo sich etwas verändert, wo etwas passiert“ unterstreicht Katja Aßmann als künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr die Auf- und Umbruchstimmung in Marl. Und Bürgermeister Werner Arndt sagst den Marlern und der Welt zum Jahreswechsel im Internet-Grußwort: „Lange war Zukunft nicht mehr so greifbar wie heute… In der Tat erlebt unsere Stadt eine beeindruckende Dynamik, die mich an die Blütezeit der Stadtentwicklung in den 1960er Jahren erinnert… Unser Skulpturenmuseum Glaskasten ist Partner und Standort der international ausgerichteten Ausstellung „Skulptur Projekte Münster 2017“ und wird wenig später bei den „Urban Lights“ der Urbane Künste Ruhr erneut im Scheinwerferlicht stehen.“

Was zukünftig bedeutet: Neugierige, junge, internationale Kunst wird in die Winkel und Nischen einer Stadt kriechen, die ihre Blütezeit in den 1950er/60er Jahren den beiden florierenden Zechen in Hüls (Auguste Victoria) und Marl (Brassert) sowie der chemischen Industrie verdankt, in den 1960er Jahren Großstadtpläne mit Trabantensiedlungen, „Hügelhäusern“, einem Flugplatz und einem damals ziemlich avantgardistischen Rathausbau hegte, ja an eine exklusive Stadtmitte rund um das enorm moderne Rathaus für eine geplante 160.000-Einwohner-Stadt dachte, eine Schule von einem der namhaftesten Architekten seiner Zeit, Hans Scharoun, erbauen ließ und sich 1974 die Marler Mitte mit besagter Shopping-Mall leistete, und heute - nach dem Untergang des Bergbaus (die Zeche Brassert schloss 1972, Auguste Victoria 2015) - mutig über Neuorientierung, Auffrischung, den Blick nach vorn und städtebauliche Zukunftspläne nachdenkt.  

Da kommt „Urban Lights Marl“ gerade recht. Acht Künstler werden dafür ackern, Marler Urbanität zu definieren, einen ortsspezifischen Licht-Parcours im Innenstadtraum, begleitet von einer Ausstellung im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, ins Werk zu setzen.

Ein Stückchen Zukunft aber ist schon jetzt Gegenwart: Das Marler Rathaus-Architekturjuwel von 1960 aus dem Atelier des Architekten-Duos Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema - es sollte „Inbegriff demokratisch-bürgerlicher Selbstverantwortung sein, „ein architektonischer Ausdruck einer demokratischen Gemeinschaft“, heute berühmt für seine beiden „hängenden“ Türme - steht seit kurzem unter Denkmalschutz. Wenn das mal kein Leuchtturm-Projekt der so genannten RuhrModerne wird! Die nämlich steht ganz akut vor kunsthistorischer, gesellschaftspolitischer (Wieder-)Entdeckung. Spannend! Vier Millionen Euro jedenfalls sind schon mal fürs Marler Rathaus-Projekt bewilligt.

Da klingt, bei so viel tatkräftigem Ärmel-Aufkrempeln, der letzte Satz im informativen Stadt-Magazin „80 Jahre - Marl in Bildern“ nur mehr nur ein klitzekleines bisschen melancholisch: „Marl hat sich auf die Zeit nach dem Bergbau vorbereitet.“

Ich finde, 2017 hat Anfang des Jahres schon schön viel Glitzer.

Da tut sich was: Marl im Aufbruch