gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

28. April 2016 - von Claudia Posca

Da braut sich was zusammen!

Dortmund

Seelenverwandtes? Finde ich großartig. Sagen wir mal: von Kunst und Bier? Klingt schrägt? Macht neugierig! Sogar, wenn man, wie ich, Bier nicht mag. Gärung und Kreativprozess? Die Melange prickelt - ein reines Vergnügen!

Womit wir beim Thema sind: 500 Jahre alt geworden ist dieser Tage das Deutsche Reinheitsgebot. An sich schon ist es eine Art von Kunst. 1516 wurde es in der Bayrischen Landesverfassung niedergeschrieben, schrieb vor, dass nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser in der Braukunst zulässig sind und gilt bis heute als Qualitätsmerkmal weltweit.

Um Tresen-Thesen kommt man also nicht drum rum. Sie wissen schon: Hopfen und Malz - Gott erhalt‘s!

Vor allem kleinere Brauereien, so genannte Craft-Brauer, verstehen ihr Handwerk ästhetisch. Rund 5000 Biere soll es allein in Deutschland geben, Kenner schmecken als Bier-Sommeliers die verschiedenen Hefe-Varianten, die unterschiedlichen Hopfen-Sorten, gar ihre Anbaugebiete heraus.

Ob ich es doch noch mal probiere? Ein Weizen? Ein Pils schaumgekrönt? Schließlich gehört das „kühle Blonde“ zum Revier wie einst Kohle und Stahl. In den 1970er Jahren galt etwa Dortmund als Bierstadt Nr. 1 in Europa. Der 1926/27 von Emil Moog für die Dortmunder Union-Brauerei als erstem Hochhaus und als modernste Bierfabrik erbaute Gär- und Lagerhaus-Turm, Nähe Dortmunder Hauptbahnhof, ist eine kulturhistorische Rarität.

Die allerdings hat sich seither mächtig gewandelt. Heute sitzt Kunst und Kreativwirtschaft im markanten (und modernisierten) Dortmunder „U“-Turm. Weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt ist der Bierturm als Braukessel für innovative Impulse: Statt Kunst im Elfenbeinturm wird Kunst mit Wissenschaft, Design und Populärkultur dialogisiert.

Die neue Rezeptur? Stammt aus einem gesellschaftlichen Gärprozess: Aus Braukultur mach Kreativwirtschaft. Das Identifikationspotential ist hoch, Tradition und Moderne sieht man geschmeidig verknüpft. Mehr als 70 Meter über den Dächern Dortmunds, unter dem vierseitigen Gold-„U“ von Ernst Neufert - so mancher Bierfan ist sich sicher, die 9 Meter hohe Plastik habe schon mal um die eigene Achse rotiert, was aber nicht stimmt - lichtleuchtet die großartige Open-Air-Film-Installation „Fliegende Bilder“ von Adolf Winkelmann weithin sichtbar. Die Landmarke und das Wahrzeichen Dortmunds beherbergen eine brummende Kulturszene,- mit Ostwall-Museum und HartwareMedienkunstverein, mit Fachhochschule Dortmund und vielen anderen Institutionen mehr: Aktuelle Kunstgeschichte trifft vergangene Bierhistorie.

Da hätte mir doch längst schon mal das Rendezvous zwischen Phantasie, Vision und Gärprozess ins Auge springen können, weil das, was hier seit Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 unter einem Dach brodelt, tatsächlich eine „hohe Affinität zwischen kreativen Prozessen und den Vorgängen in einem Braukessel“ hat.  

Schön, dass mich Kurator Stefan Riekeles drauf bringt. Seine noch bis zum 1. Mai im Dortmunder „U“ zu sehende „Neu Gold“-Ausstellung mit 200 Artefakten aus Kunst- und Kulturgeschichte rund ums Bier seziert die Parallelwelt von Bierkunst und Bildender Kunst, hebt Ähnlichkeiten dazwischen hervor. In Kooperation mit dem Brauerei-Museum in Dortmund, Steigerstraße 14, zeigt der „U“-Parcours, was Kunst und Bier mit Wandel und Transformation im Revier zu tun haben. Herrlich alchemistisch, spannend nachvollziehbar: Strukturwandel quer gedacht aus schräger Perspektive. Dazu wird „Future Beer“ serviert. Schönen Dank für den „natürlichen Stickstoffkreislauf von Gerste-Malz-Urin-Boden-Gerste“, das Kunst-Bier wurde extra fürs Event gebraut. Doch reines Bier hin oder her, ich mag‘s nicht trinken.

Das Bier-Kunst-Gär-Konzept allerdings ist ein rechter Appetizer: Verwandtschaftliches fürs Hirn. „Businessinkubatoren, Innovationsinkubatoren und Kultur als treibender Wirtschaftsfaktor (Kreativwirtschaft) beruhen auf der Annahme, dass es vor allem talentierte Menschen (Human Ressources: Zutaten) und gute Bedingungen (Temperatur und Workflow: Liquidität) braucht, um ein innovatives Ergebnis zu erhalten: nach einer Phase, die sich mit Läutern, Kochen und Klären gut beschreiben lässt, kommt mithilfe eines Ferments, also dem zündenden Funken der Inspiration, der Prozess der Innovation, also die Gärung in Gang…Die Phase der Reifung rundet das Werk schließlich ab: Geduld und Durchhaltevermögen sind hier gefragt. Dann wird nochmals gefiltert und aussortiert. Und endlich ist es da: das Neue. Das Brauen ist eine Kunst.“ Sagt Stefan Riekeles.

Was mich drauf bringt, dass Gerstensaft in der Kunst tatsächlich eine nicht ganz kleine Rolle spielt. Bekannt vor allem ist das Motiv „Mönch mit Bier“, denn Mönche brauten für ihre Brüder, Pilger und die e igene Wirtschaft. Die Fastenzeit überstanden viele von ihnen gut und gern mit „Flüssigbrot“. Auch Rembrandt hat „a Maß“ zur Kunst gemacht, Pablo Picasso auch. Sein bekanntes Portrait des Dichters Jaime Sabartés von 1901, ein frühes Werk der Blauen Periode, zeigt den Freund mit einem großen Bierseidel.

Bei so viel Kunst rund ums Bier krieg‘ ich fast Bauchweh, dass Hopfen und Malz bei mir verloren sind. Tatsächlich aber ist das Gebräu so beliebt, dass 2014 jeder Deutsche statistische 107 Liter Bier jährlich konsumiert hat.

Doch statt herber Frische bin ich vor allem von des Trunkes Kunstfertigkeit beeindruckt. Eine raffinierte Lasurtechnik etwa zaubert Farbpigment-angereicherter Gerstensaft, weil er als Trägermaterial wie ein Bindemittel funktioniert. Insbesondere Marmor und Holzmaserungen werden so imitiert, ein Verfahren, das in der Theatermalerei und zur Restaurierung von Oldtimer-Armaturenbrettern zum Einsatz kommt. Von wegen „Krawallbrause“! Bier hat Stil.

Also doch: „Bier her! Bier her! Oder ich fall um?“

Eine Wissenschaftsstudie bescheinigt, dass durch mäßigen Alkoholkonsum zwar die Aufmerksamkeitskontrolle eingeschränkt ist, im Gegenzug aber Kreativprozesse stärker befördert werden als im nüchternen Zustand. Man hatte bei den Probanden den Blutalkoholwert um 0,7 Promille erhöht.

Na, wenn das so ist. Ich hab‘ mir gerade ein Radler bestellt. Von wegen Reinheitsgebot. Ab jetzt zählt Seelenverwandtschaft. Prost!

Da braut sich was zusammen!