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26. März 2015 - von Claudia Posca

Crossover der Künste - Das Kunsthaus Essen

Essen

Essen-Rellinghausen, Rübezahlstraße 33. Die Anschrift fällt auf, bringt Magie ins Spiel.

Seit 1980 ist hier im historischen Schulgebäude am Rande der ehemaligen Gottfried-Wilhelm-Zechensiedlung das Kunsthaus Essen beheimatet. Gegründet wurde es 1977 von kreativer Künstlerschaft. Mindestens fünf Ausstellungen Jungkunst aus der Region, aber auch internationaler Herkunft stehen auf dem Jahresprogramm. Die hauseigenen Ateliers zur Best-Miete sind begehrt, die Artist-in-Residence-Projekte auch. Und: Montag ist „Tontag“, seit 2010, jede Woche ab 21 Uhr bei freien Getränken gegen Spende gibt`s ein Konzert aufs Ohr. Wie man hört, gut besucht, ein festes Date.

Crossover? Nischen-Kultur? Künstlerhaus? Kunsthaus? Oder „Multi-Artist-Studios“, wie es im Kulturhauptstadtjahr 2010 hieß - um sich zu positionieren unter zahlreichen Museen, Kunsthallen sowie 300 Kunstvereinen deutschlandweit mit über 120.000 Mitgliedern? Schließlich brodelt das Revier: High- und/oder low-culture? Elfenbeinturm-Denken und/oder Publikumsnähe? Spagate dazwischen? Die Metropole Ruhr 2010 und in Folge die EMSCHERKUNST.2013 haben den „Wandel durch Kultur“ forciert, die „Kultur durch Wandel“ energetisiert. Und zwar nachhaltig: Bis heute wirkt, was Kooperation, Vernetzung, Grenzverschiebung und -auflösung, was Kommunikation und Dialog zwischen und auf vielen Ebenen anschoben. Mittendrin: Das Kunsthaus Essen, das auch ein Kunstverein und Mitglied im ADKV ist. (Dach- und Fachverband: Arbeitsgemeinschaft Deutscher KunstVereine)

Ich stehe vor einer imposanten, über 100 Jahre alten Architektur mit großen Sprossenfenstern, drei Ebenen, Kellergeschoss. Dass sich hier 13 Künstlerateliers befinden, steht an der Türklingel. Daneben: Der Jugendclub Rübe und ein Mütterzentrum. Und ein Bürgerverein. Und die Kulturloge Ruhr und eine Musikschule. Auf Ebene 2: Kursräume. Die Geschäftsführung sitzt im ersten Obergeschoss: Dr. Uwe Schramm.

Ich bin beeindruckt, Rübezahlstraße, das Kunsthaus Essen ist ein Riese. Bis dato hatte ich Kunst-/Künstlerhäuser als minimalistischer abgespeichert, reserviert für den Bereich Bildende Kunst, Orte, wo Maler, Bildhauer, Foto- und Video-Künstler leben, arbeiten, ausstellen. Mir wird klar: Im Kunsthaus Essen tickt man anders.

Ich werde neugierig. Denn der 1962 geborene Uwe Schramm ist gelernter Kunsthistoriker. Den Kunstverein Coesfeld hat er geleitet, den Kunstverein Dortmund auch. Imdahl-Schüler ist Uwe Schramm, hat an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Und - er ist Autor vieler Katalog-Texte. Jetzt steht auf seiner Visitenkarte: Directing Manager. Wo ist die Kunst geblieben?

„Ich glaube, dass man heute mit einem Kunsthaus nicht mehr so verfahren kann, wie in den 1970er/80er Jahren, wo man nur Bildende Kunst zeigte. Heute steckt man in vielen Legitimationszwängen, man muss das Haus verteidigen. Zu sagen, wir konzentrieren uns nur auf uns und das ist gefälligst zu unterstützen, so einfach kann man sich das nicht mehr machen. Die Bedürfnisse haben sich geändert“,  sagt der Mann, dem Kunst und Künstler am Herzen liegen. Allerdings steht zwischen den Zeilen: es geht vor allem auch um eine Akzeptanz in der Bevölkerung, in der Politik, um städtische und um private Fördermittel.

Kein leichter Job, wenn man Kunsthistoriker ist. Uwe Schramm ist jetzt Manager. „Ja, mancher kommt damit nicht klar, weil er sagt: ein Kunsthaus ist für Künstler da. Aber das widerspricht meiner Auffassung. Es geht um gesellschaftliche Verantwortung.“ Dabei spricht er so überzeugend, dass sich mein skeptischer Blick aufs Künste-Allerlei entspannt. „Sich nur in der eigenen Szene bewegen, darum geht es hier nicht.“

Der Kunsthaus-Chef weiß, wovon er spricht. Und er bringt es sympathisch rüber. Basis-Arbeit, Teamwork, Entscheidungen mit den Künstlern im Haus treffen, ist Programm: Ob und wer ein Start-up-Atelier bekommt, wer die nächste Ausstellung bestückt, welcher Künstler Artist in residence wird, „das ist Co-working-Space, wie es in der Kreativ-Wirtschaft so schön heißt. Da kann ich nur sagen, das gibt es bei uns schon lange.“

Seit 2006 ist Uwe Schramm Geschäftsführer des Essener Kunsthauses. Gespräche „übern Gartenzaun“ mit Anwohnern faszinieren ihn genauso wie die mit Künstlern. Neu dagegen ist der Austausch mit dem benachbarten Flüchtlings-Wohnheim. „Alles zusammen ist enorm wichtig. Das katapultiert mich aus der Routine. Brücken bauen, vermitteln ist nicht immer leicht. Da muss man sich selbst in Frage stellen. Und an diesem Punkt hat Querdenken mit der Lehre Max Imdahls zu tun.“

Uwe Schramm ist ein grandioser Netzwerker. Und wenn es sein muss, dann schützt er „seine“ Künstler auch schon mal vor alltäglichem Kleinkram, vor Publikum. Wohlwissend: „Kunst braucht Rückzug. Und Freiheit.“ Vom Kunst-Outback ganz verabschiedet hat sich Uwe Schramm nicht. Ich kann das Gefühl ferner Nähe gut verstehen.

Fakt aber ist: Multi-Tasking ist angesagt. Anders ist der Riese in der Rübezahlstraße nicht zu steuern. Uwe Schramm kennt das Koordinatensystem: „Alltag, Kunst und Kreativ-Wirtschaft, eine spannende Melange.“ Dafür coacht er das Kunsthaus als Künstler-, Atelier- und Ausstellungsort, als Tonstudio, Kleinkunstbühne und Café, als Begegnungszentrum und Generationen-Treff. „Ein sozio-kulturelles Zentrum. Das unterstützt natürlich auch die Lokalpolitik, parteiübergreifend.“

Zum Beispiel? „Mit Hilfe der Politik haben wir gerade einen neuen Boden in der Galerie legen können. Das wär mit eigenem Budget nicht zu stemmen gewesen.“

Wir gehen in die Ausstellungsräume, die Sonne strahlt auf hohe Weiß-Wände – atmosphärisch, makellos. Gerade wird die Ausstellung „Cool structures“ gehängt, mit Malerei von Karsten Konrad, Jan Muche und Tanja Rochelmeyer, zu sehen bis zum 3. Mai. Eine Etage darüber arbeitet der aus Israel stammende, in Berlin lebende Licht-Installationskünstler Idan Hayosh. Für sechs Monate ist er glücklicher Stipendiat des 2015 vom Kunsthaus Essen neu initiierten „KHE-Stipendiums“. Bedeutet: Kostenlos Wohnen, Leben, Arbeiten, Netzwerken und schließlich Ausstellen. Ich bin gespannt auf Idan Hayoshs Abschlusspräsentation im Herbst.

Und - ich kann es nicht lassen: Am Ort der Kunst stelle ich erneut die Frage nach der Kunst. „Wie fühlt man sich als Kunsthistoriker, der Directing Manager ist?“ Uwe Schramm lacht: „Man muss Menschen mitnehmen. Nur das bedeutet Teilhabe an Ideen.“ Ich gebe mich geschlagen, der Mann hat Recht!

Crossover der Künste - Das Kunsthaus Essen