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2. Januar 2019 - von Claudia Posca

Connect it!

Hagen

Auf ein famoses neues Jahr! In das Sie hoffentlich gut rein gerutscht sind. Mit oder ohne Vorsätze. Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen auch weiterhin guckig auf Kunst zu sein. Für traumschöne Funde, für schräge Ideen: Ob etwa Malerei schlaucht, weil Schläuche raus ragen?

Auf ein famoses neues Jahr! In das Sie hoffentlich gut rein gerutscht sind. Mit oder ohne Vorsätze. Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen auch weiterhin guckig auf Kunst zu sein. Für traumschöne Funde, für schräge Ideen: Ob etwa Malerei schlaucht, weil Schläuche raus ragen? 

Verrückt, denken Sie. Und dass ich komplett abdrehe?

Dann haben Sie noch kein Bild mit Tentakeln gesehen. Sowas gibt es tatsächlich. Und überhaupt: Was kann ich dafür, wenn die „Flachware“ (sorry, das ist Galeristen-Sprech) zu Schnüren, Schläuchen, Strings greift?

Nur so viel steht mal schon jetzt fest: Verblüffende Seltsamkeiten, wie Tentakel-Bilder, haben was. Sie verrücken die Welt. Sie liefern böse ab: Inspirationen, Fantasien, Widerspruch. Zumal sich Schnur und Schlauch als Schicksalsmetaphern lesen lassen, als „sinnhaftes Mittel der Gestaltung sowie Vergewisserung von Leben und Welt (…) Wie der Hand dienen dem Kopf Garne aller Art und Dicke zur Verbindung von zunächst Unverbundenem, zur Herstellung oder Sicherung von Zusammenhängen, zur Abmessung und Überbrückung von Distanzen, zur Umwicklung und Festigung von Labilem, Disparatem. Fäden und Kordeln, Seile und Schnüre beinahe jeder Provenienz arrivieren zu Bildmitteln, zu Metaphern der Ligation.“ Habe ich mal bei dem Soziologen, Ehrenmitglied an der Kunstakademie Düsseldorf, Hans Peter Thurn gelesen.

Da sehen Sie es also: Bilder mit Schnüren - seien diese gemalt oder echt - kommen vor. Und zwar gar nicht so selten. Und natürlich würde ich Ihnen ja auch niemals was vom Pferd erzählen. Fahren Sie nach Hagen ins Emil Schumacher Museum (ESM)!  Ich schwöre es, da sind bilderlose Bilder zu sehen, - noch bis 17. Februar -, die spucken Schnüre, Kabel, Fäden aus, haben Antennen fürs Außerbildliche. Was u. a. den Raum vor der Kunst und damit auch Sie und mich und die Welt drum rum betrifft. Connect it! Das kam nicht von ungefähr in den Sinn. Und damit zugleich das Motto: Geh mir weg mit der Linearität, her mit dem Assoziativen! Sogar bis in die Schnurspitzen hinein scheint es treffend. Was einigermaßen erstaunt, wo man doch annimmt, dass gerade Schnüre schnurgerade verlaufen. Diese hier aber tun das keineswegs. Im Gegenteil. Was man sieht ist außer- nur nicht ordentlich: krumme Schnüre, zittrige Bänder, ausgefranste Bilder! Als wäre das Leben nicht schon unordentlich genug. 

Na, Neugier geweckt? Ich kann nichts anderes berichten: Über kurz oder lang findet man sich in diesen Fäden gefangen. Ich vermute stark, dass auch Sie dem nicht entgehen. Einfach, weil`s packt, was sich da einer ausdachte, als er die Malerei mit technoiden Acrylschnüren piercte, Bilder in den Raum hinein verlängerte, sie anschlussfähig machte, um die Kunstwelt mit der unsrigen zu vernetzen, um eine Verschmelzung von Kunst mit Technik mit Alltag anzubahnen. Wieso, warum, wozu diese Verkabelung? Gar „eine virtuelle Zukunft des Informel“, wie das Heinz Althöfer (1925-2018) in dem Buch „Informel - Der Anfang nach dem Ende“ mit Blick auf die förmlich ausufernden Tendenzen dieser Bilder meinte?

Impressionen aus der Ausstellung "Epiphanias des Informell mit Werken von Gerhard Hoehme. Foto: © Claudia Posca Connect it! Die Malerei mit Schnur tut es auch. Unter Umständen können die „Magischen Kanäle“ des Medientheoretikers Marshall McLuhan (1911-1980) helfen. Gut möglich, dass seine Kernthese „Das Medium ist die Botschaft“ hilft verflixt Komplexes zu durchdringen.

Jetzt wollen Sie endlich wissen, von wem denn überhaupt die kühnen Experimente stammen? Oder ahnten Sie´s schon? Vielleicht, weil Sie vor 10 Jahren die große Retrospektive in Düsseldorf und Duisburg sahen, die wiederum 10 Jahre nach dem Tod des Künstlers im Jahre 1989 ihm zur Ehre gezeigt wurde? 

Der Mann fürs Bild mit Schnur heißt Gerhard Hoehme, wurde 1920 in Greppin bei Bitterfeld geboren, leistete von 1939 bis 1945 Kriegsdienst als Flugzeugführer (Jagdflieger), siedelte 1951 nach Düsseldorf um, war von 1954 bis 1957 Vorsitzender der Düsseldorfer „Gruppe 53“, nahm 1959 an der documenta II in Kassel teil und zählt zum Kreis des historischen Informel. Was aber nicht Hundertprozent passt bzw. nur phasenweise stimmt, gut zu sehen in der Hagener Ausstellung, die im Überblick vom Früh- zum Spätwerk neben den sogenannten „Borkenbildern“ auch Schriftbilder zeigt. Allerdings hat Gerhard Hoehme selbst viel zu kunsthistorischer Zementierung beigetragen. Der Hagener Ausstellungstitel „Ephiphanie des Informel“ geht auf ein gleichnamiges Bild aus dem Jahr 1977 zurück, das sich als Dauerleihgabe der Düsseldorfer Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung im Kunstmuseum Bonn befindet und jetzt in Hagen gezeigt wird. Impressionen aus der Ausstellung "Epiphanias des Informell mit Werken von Gerhard Hoehme. Foto: © Claudia Posca

Auch wieder so eine Verbandelung. Vermutlich hätte sie Gerhard Hoehme gefallen, schrieb er doch 1972: „Du kommst in ein Labyrinth. Es ist ein Labyrinth von Beziehungen, Verästelungen, Verknüpfungen, Verschnürungen, Abtastungen, Anschlüssen, Verknotungen, Auslösungen… und immer wieder Beziehungen und Verknüpfungen. Vergiss Deine vertrauten, auf ein Gegenüber gerichteten Erwartungen. Du bist Mittendrin.  (…) Du musst die Schnur nicht in sich selbst begreifen: Sie ist ein Sensor, ein Faktor, ein Mediator.“ Ich nehme das sehr ernst: Faden und Fädchen, an denen Leben hängt.

Was aber, wenn diese dünnen „Mediatoren“ die binnenbildlichen Farblineamente, die zahllosen malerischen Gesten aus dem Bild heraus in den Raum hinein ins Plastische übersetzen, das Gemalte also einer metamorphotischen Wandlung unterziehen? Nur mal so angedacht? Wäre das nicht ein schlaues Update von Malerei? Eins, das im Fahrwasser des Informel auf der traditionellen Basis des Tafelbildes Neues wagt, Neues gewinnt?

Als ich vor Jahren im Interview Margarete Hoehme (1922-2010) zur Bedeutung der Schnüre im Werk ihres Mannes befragte, erzählte sie folgende Anekdote: „Als Werner Schmalenbach einmal bei uns zu Besuch war, spielte mein Mann mit irgendeiner Schnur und sagte: „Wir leben doch eigentlich alle in Schnüren, das ganze Leben hat mit Schnüren zu tun.“ Und ich merkte, wie sehr er sich an diesem Gedanken entzündete. Von der BASF hat er sich dann später einen alten Extruder besorgt, mit dem er seine eigenen Schnüre herstellen konnte.“

Impressionen aus der Ausstellung "Epiphanias des Informell mit Werken von Gerhard Hoehme. Foto: © Claudia Posca Jetzt stehe ich in Hagen, gucke und staune. Möglicherweise sind diese Malereiverlängerungen aus dem Extruder sogar was noch ganz anderes? Regelrechte Fressspitzen, die sich den Raum einverleiben? Und zwar genau denselben, den Sie und ich mit der Kunst teilen. Was dazu führt, dass man auf metaphysische Weise mit einem Fremdkosmos eigener Gesetzmäßigkeit verkabelt wird. Mit allen Konsequenzen von Energiefluss bis Wechselstrom. Was doch bemerkenswert ist, beileibe kein Fake! Und wer weiß denn schon wirklich, was diese Bildantennen noch so drauf haben. Tasten?  Schmecken?

Sicher ist: Obwohl da in Hagen mittels von Schnüren Raum zur Vorratskammer nicht nur für explorative Malerei, sondern, im Zwiegespräch mit uns, für alles Mögliche verwandelt wird, schmatzen die Bilder in Erwartung köstlicher Malerei-Raum-Publikums-Verdrahtungen dennoch nicht. Dafür sind sie zu rational, behalten einen kühlen Kopf, haben Fassung und Konzept. Drin steckt die Überzeugung Gerhard Hoehmes, dass Kunst „Beziehungen hat zum Leben. Beziehungen jedenfalls zu dem, was vor ihr ist, vor der Bildfläche, als unmittelbares Stück Leben. Darin, das herzustellen, liegt einfach der moralische Sinn meiner Kunst.“  

Connect it! ist da ein guter Weg unterwegs zu sein, solange die Silberschnur des Irdischen hält.


Bilder: © Claudia Posca

 

Mehr zur Ausstellung "Epiphanie des Informel" im Emil Schumacher Museum HagenEmil Schumacher Museum Hagen Museum Hagen finden Sie in unserem Ausstellungskalender!

Connect it!