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9. Mai 2018 - von Claudia Posca

Chapeau RuhrKunstMuseen!

Ruhrgebiet

Eigentlich wollte ich immer das Superlativische meiden. Aber in diesem Fall? Nein wirklich, es geht nicht anders: Das vergangene Mega-, Mammut-, Marathon-, Super-Kunstausstellungseröffnungswochenende in den vereinigten RuhrKunstMuseen (RKM) rund um „Kunst & Kohle“ anlässlich des endgültigen Ausstiegs aus dem Steinkohlebergbau Ende des Jahres in Deutschland, was Präsentationen in 17 Häusern in 13 Ruhrgebietsstädten mit rund 150 künstlerischen Positionen sind, darunter 25 Prozent Kunstschaffende aus NRW, 25 Prozent internationale und der Rest nationale KünstlerInnen, auf 20.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, war „Bombe“. Womit das Revier „hammermäßig“, im Sinne von „absolut spitze“, meint, um Grandioses, Phantastisches, sondergleichen Sensationelles zu feiern.

Das Schöne daran: Es stimmt. Und: Es liegt nicht an den massiven Zahlen. Denn mit der Fülle monografischer und thematischer „Kunst & Kohle“-Ausstellungen als Teil der RAG-Initiative „Glückauf Zukunft“ sind Inhalte so reich und komplex verknüpft, dass meine höchstpersönliche To-do-Liste mächtig gepeppt ist. Das aber hätte auch anders kommen können. Weshalb ich den Rundum-Positiveindruck umso lieber teile: „Kommt!“ 

Auch, um zu sehen, wo sich das 2008 gegründete Netzwerk der RuhrKunstMuseen einst hin träumte, um genau dort anzukommen: als eine starke Gemeinschaft individueller Institute, unterwegs fürs Interesse von Kunst und Kultur an Emscher und Ruhr. Jetzt sind Präsenz und Schlagkraft da, das Netzwerk träumt nicht länger mehr. „Kunst & Kohle 2018“, – es ist DER gemeinsame Ausstellungsdiamant -, nimmt sinnlich und den Verstand in die Pflicht. Ein modernes Kapitel Kunstgeschichte des Reviers ist aufgeschlagen. Chapeau für ein traumschönes Jubiläum!

Nie zuvor einiger haben die RuhrKunstMuseen kooperiert. Herausgekommen ist, und das steht mal schon jetzt außer Frage, etwas Nachhaltiges: motivisch dicht, medial imposant, bewegend intellektuell. Sowas kann man ein großes Narrativ nennen. Was war, ist und sein wird mit der Kohle im Revier und darüber hinaus in einer globalisierten Welt wird in starken Bildern erzählt. Unmöglich diesen Reichtum, das Rückblickende, Prospektive und Visionäre auf dem Parkett von 17 Ausstellungshäusern in ein paar Zeilen stecken zu wollen. Sorry, das geht einfach nicht. 

Kunst und Kohle Bernd und Hilla Becher

Weshalb man am Tag der großen Pressekonferenz auf Schloss Strünkede in Herne unterm sackleinenverhüllten Dach des Documenta-Künstlers Ibrahim Mahama fürs Medienvolk kompakte Three-Pack-Bustouren für einen Drei-Stationen-Museumsbesuch mit je 30-minütiger Führung organisiert hatte. Meine Tour war Tour 3: Bottrop, Marl, Recklinghausen. Dass wir aber trotz schon abgespeckter Programmversion dennoch rundum geplättet platt nach Hause kamen, kann sich vorstellen, wer`s nachmacht. Nur zu! Es lohnt sich! Auch weil Kombi-Tickets bereit liegen: zum Sonderpreis von 25,- Euro (ermäßigt 15,- Euro), was den mehrmaligen Besuch aller (!) teilnehmenden RKM-Museen über den gesamten (!) Ausstellungszeitraum einschließt.

Aber, - mein Wort drauf: Bis Ende des Jahres, so lang nämlich können Sie „Kunst & Kohle“ satt erleben, werden an dieser Stelle Eindrücke, spezielle und persönliche, folgen. Vom kohlrabenschwarzen „Schwarz“ etwa. Oder vom „Schichtwechsel“, der einer Konfrontation von bergmännischer Laienkunst mit Gegenwartskünsten auf der Spur ist. Versprochen auch: Ich geh „Ideallandschaft: Industriegebiet“ gucken, reise zur „Essenz der Kohle“, besuche „The battle of coal“. Deal!

Den jeden Journalisten in die Verzweiflung treibenden Gigantenparcours hat Kollege Jens Dirksen fürs NRZ-Feuilleton mit einem Augenzwinkern „Kunst bis in die letzte Sohle“ genannt, - ein funkelnder Findefuchs-Titel, darauf anspielend, dass „Sohle im Bergbau ein Höhenniveau (eine meist horizontale Ebene) eines Bergwerks bezeichnet, auf dem Grubenbaue aufgefahren sind. Auch die Begrenzungsfläche eines söhligen (waagerechten) oder geneigten Grubenbaus mit der kürzesten Entfernung zum Erdmittelpunkt, im Allgemeinen also dessen „Fußboden“, wird im Bergbau als Sohle bezeichnet“, steht es auf www.wikipedia zu lesen.

Bis da hinunter also nehmen uns die RuhrKunstMuseen auf ihrer ganz unheiligen, aber durch und durch erhebenden Prozession zum „schwarzen Gold“ in Bild, Raum, Foto, Film, Musik mit. Vermutlich ist es ein weltweit einzigartiges Erlebnis, das da in unserer Metropole Ruhr vor der Haustür zu haben ist. Ein Jammer wär`s, das schöne Rudeln zu verpassen. Also die Einheit in der Vielfalt, was hochspannende Ausstellungen differierenden Temperaments und ebensolchen Kolorits sind. Vergleichbares jedenfalls wird es zukünftig so schnell nicht wieder geben.

Erste Planungen zu „Kunst & Kohle“ waren schon kurz nach dem Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 angelaufen. 750.000 Euro insgesamt hat die RAG-Stiftung dafür zur Verfügung gestellt, 200.000 Euro die Stiftung NRW. Viele weitere Unterstützer, darunter die Anneliese Brost Stiftung, das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie sowie das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW neben -natürlich den Kunstmuseen selbst - halfen mit, den Spiegel der Kunst fürs künstlerische Ausleuchten einer wahrlich historischen Zäsur des Steinkohlenförderendes auf facettenreichste Weise zu justieren. „2,5 Millionen Euro Gesamtetat hat „Kunst & Kohle“-AG-Sprecher, Prof. Ferdinand Ullrich, das Budget beziffert. Beeindruckendes wurde davon geschaffen.

Video Still zu Kunst und Kohle Ausstellung im Ruhrgebie

Hoch ästhetisch etwa geht es ab im Quadrat Bottrop, wo „Bergwerke“-Fotoserien von Bernd und Hilla Becher eine konzeptuelle Phänomenologie der Förderturm-Architektur schreiben. Politisch sensibilisierend ist es im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl umgesetzt, wo, u.a. Jeremy Dellers „reflektiertes Reenactment der aufgeheizten Situation zum Ende des englischen Kohlebergbaus mit eingeschobenen Interviews“ anpackend den „Kampf um die Kohle“ filmisch inszeniert, während es in der Kunsthalle Recklinghausen gilt, eine sehr besondere „Heilige Barbara“, die ja bekanntlich die Schutzpatronin der Bergleute ist, in einer das gesamte Haus gestaltenden Rauminstallation der Zwillingsbrüder Gert & Uwe Tobias zu entdecken. Und und und. Einzelheiten folgen. Gucken, zumal eines Großprojektes von künstlerischer Gravität, braucht Weile. 

„Es ist eine einzigartige Leistung eines selbstgegründeten Netzwerkes, auf das dieses Netzwerk der RuhrKunstMuseen sehr stolz sein kann“, hat es die Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, Dr. Ursula Sinnreich, auf der Pressekonferenz gelobt: „Ich bin absolut begeistert, dass es diesem Netzwerk gelungen ist, sich als solches ein Standing zu verschaffen, das eigene Projekte möglich macht und damit verdeutlicht, dass das Revier nicht nur eine Kulturregion, sondern gelebte Überzeugung ist. (…) In diesem Sinne ist „Kunst & Kohle“ ein Zeugnis einer einmaligen Kunst- und Netzwerkinitiative von Kulturschaffenden, die nicht von der Politik angestoßen wurde. Auch die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 konnte schon auf dieses Netzwerk aufsetzen. Was wir heute hier erleben, ist nicht nur in NRW, sondern auch bundesweit ein Zukunftssignal.“

Das, wer will, obendrein historisch füttern kann, so man „das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ auf dem Welterbe Zeche Zollverein in Essen mitnimmt. Und damit auch noch eine parallel zum „Kunst & Kohle“-Marathon laufende, riesige „Gemeinschaftsausstellung von Ruhr Museum und Deutschem Bergbaumuseum Bochum“ gesehen hat.

Kunsthalle Recklinghausen im Zuge der Kunst und Kohle Ausstellung

Jaja, so viel schwarzes Gold in der Kunst war nie. Und so viel Kooperation im Revier auch nicht.

„Das ist uns heute hier – und da möchte ich ein großes Kompliment aussprechen – hervorragend gelungen“, betonte es Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Mitglied im Vorstand der RAG-Stiftung. „Wenn in 13 Städten in 17 von 20 Museen eine Sonderausstellung, eine besondere Ausstellung zum Thema „Kunst & Kohle“ auf die Beine gestellt wird, kann ich nur sagen: großartig. Das hat mit Kirchturmsdenken, was dem Revier und den Revierstädten oft nachgesagt wird, wirklich nichts zu tun.“

Vermutlich sieht das genauso auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er hat die Schirmherrschaft für das größte städteübergreifende Ausstellungsprojekt übernommen, „das je zu diesem Thema umgesetzt wurde.“ (Medieninfo der Ruhr Tourismus GmbH).

„Mannomann! So viel Promi-Faktor, Kunst-Glammer, Koks-Kunst und Wow-Effekt auf einen Haufen. Wer soll das denn schaffen?“

Ganz einfach: Spätestens, wenn es in die Synapsen kriecht, dass das „Kunst & Kohle“-Projekt Kind eines gelingenden Strukturwandels ist, ist klar, dass gut Ding Weile braucht. Und dass Bewegung der Ursprung aller Existenz in Vergangenheit und Zukunft ist.

Wie`s geht, haben die RuhrKunstMuseen vorgemacht. Trotz manchem Zweifler. Oder gerade jedem Zweifler zum Trotz.

Standing ovation!

 

Chapeau RuhrKunstMuseen!