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27. Februar 2018 - von Claudia Posca

Celebrate It!

Gelsenkirchen

Nur mal angenommen, Sie wären Chef bzw. Chefin eines Kunstvereins, der in diesem Jahr ein halbes Jahrhundert alt wird, eine echte Adresse auf dem Kunstparkett ist, auf zig Ausstellungsevents rückblickt, junge Kunst - und zwar nicht zu knapp - seit 1968 auf die Starrampe hievte, inzwischen 700 (!) Kunstschaffende im Freundeskreis listet, und jetzt vor der Aufgabe steht: Ein Jubiläumsfest muss her!

Was in echt und Wirklichkeit ein Hoch auf den Gelsenkirchener Kunstverein ist. Cin, cin, salute! Und Glückwunsch zu 50 Jahren Vollblut-Engagement in Sachen zeitgenössischer Kunst im Revier und darüber hinaus!

Die Herausforderung: Eine Schau zum Jubiläum managen, die all das Großartige und Bedeutende, das Kontinuierliche und das Passionierte aus fünf vergangenen Jahrzehnten nahe bringt, sei`s mittel- oder unmittelbar dargestellt, dies auf jeden Fall vergnüglich, aber nicht oberflächlich tut und mit den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten im Kunstmuseum Gelsenkirchen klarkommt, die nicht klein, aber klar, natürlich begrenzt sind.  

Wow. Manch einer wäre verzweifelt.

Blog Celebrate It Doch Profiverein durch und durch, seit Ende der 1980er Jahre sogar vertraglich abgesichert ausgestattet mit schönsten Räumen in der ans Museum angeschlossenen Alten Villa, dabei beruhend auf bürgerschaftlichem Ehrenamt zu 100 Prozent und mit Ulrich Daduna als 1. Vorsitzenden seit über 30 Jahren glücklich ausgestattet, wurde dem derzeit 240 Mitglieder starken Kunstverein Gelsenkirchen beim Planen bald klar: Die Historie beeindruckt. Erschlagen aber tut sie nicht.

Von wegen lähmender Schockstarre!

Jetzt erst recht: Celebrate it, was Herausforderung heißt und gute Tradition ist.

Aber wie?

„Einen Rückblick zeigen? Ein Best-of aus 50 Jahren Kunstverein? Eine Ausstellung mit historischen Materialien? Oder oder oder?“ Kunstvereinsleiter Ulrich Daduna kennt das Kopfkarussel. Sein Stopp-Konzept dagegen: Zuversicht, Herz und Verstand an den Start schicken.

„Sowas wie ´Nägel mit Köppen machen` meinste?“

Naja, wie man`s nimmt. Sicher, dass auch das Anpackende stimmt. Aber einfach mal eben, ist eben mal nicht einfach. Und Komplexes siedelt bevorzugt irgendwo zwischen Kopf, Bauch und Vision. Auf jeden Fall reicht es nicht, den runden Geburtstag nur mehr mit Überlegungen zum möglichen Ausstellungszeitpunkt im Megajahr von „Kunst & Kohle“ stemmen zu wollen. Und es endet auch nicht mit der Projektierung eines zwar ungewöhnlichen, mindestens nicht üblichen „Kunst aus`m Karton“-Projektes. Lass es Dir gesagt sein.

„Hast Du tatsächlich von Kunst aus der Kiste fürs Goldjubiläum gesprochen?“

Jaja, die Gelsenkirchener Kunstfreunde haben sich Besonderes einfallen lassen. Auch, um Künstlern und Künstlerinnen zu danken für trotzig schöne gute Kunst. Eine Auswahl von 120 Adressen wurde angeschrieben, ohne Vorankündigung, mit Überraschungseffekt. In der Pressemitteilung liest sich das so:

„Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Schaffen und ihren Visionen sind die Existenzgrundlage, ja die wesentliche Existenzberechtigung eines jeden Kunstvereins. Zur 50-Jahr-Feier sollen sie deshalb selbstverständlich auch im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen. Deshalb hat der Kunstverein nun jene Künstlerinnen und Künstler, mit deren Werken, Aktionen und Ideen er in seiner bisherigen Tätigkeit in Interaktion getreten ist, zum Mitmachen eingeladen. Dazu wurde ihnen ein Karton zur Verfügung gestellt, den sie als Ausstellungsexponat nach Belieben entweder als Mal- und Gestaltungsgrund bearbeiten oder auch zum Objekt umgestalten konnten.“

Kunstveren Gelsenkirchen Ein T. Shirt gab`s obendrein dazu. Auch das zur freien Bearbeitung.

Wie frei, ist bis zum 8. April in allen erdenklichen Varianten in 77 Schachtel-Welten von 84 Teilnehmenden als cooles Kisten-Kartonage-Kaleidoskop und irgendwie auch als räumliches Gesamt-Environment aus Tisch- und Wandpräsentation auf der Grundlage identischer Rahmenbedingungen für alle zu sehen. Heimisch und international wirkt das, mixed-media-gemixt ist es, vereint Malerei, Zeichnung und  Skulptur en miniature.

Wem da nicht klar wird: 50 Jahre Kunstverein sind kein Pappenstiel. Qualität steckt drin, Amüsantes,  Herrliches und Seltenes.

Aber Obacht! Viele Guck-Kisten brauchen viel Guck-Zeit. Erst wenn der Blick in die Box kriecht, öffnet das Umdeuten schnöder Pappkartons Wunderkammern und Tagebücher: politische, lustige, verspielte, konstruktive, schräge, ironische.

Diese Lust an Nischen, Ecken, Zwischenräumen? Sie ist auch symbolisch zu verstehen. Am Zeitgeist kratzen, zählt bis heute zur Grundüberzeugung des Gelsenkirchener Kunstvereins. Mainstream können andere.

Hut ab also fürs Kunst-in-Kisten-Stecken. Auf das es rappelt im Karton, um ein halbes Jahrhundert  Identitätsformung im Revier zu feiern.

Mit von der Partie für die Party sind Profis. Unter anderem dabei: Klaus Staeck, Gereon Krebber, Stefan Pietryga und Norbert Thomas. Ihr Bekenntnis: Kante zeigen für einen der ältesten Kunstvereine im Revier. Nur wenige andere an der Ruhr, wie der Bochumer (1957), der Mülheimer (1956), der Oberhausener (1950/53) oder der Essener Kunstverein (1950) sind noch länger am Start.

Kunstverein Gelsenkirchen Am 17. Februar 1968 wurde der Kunstverein Gelsenkirchen als „Kreis Gelsenkirchener Kunstfreunde“ aus der Taufe gehoben. Ganz maßgeblich hat ihn die Grande Dame der Revierkunstszene, Anneliese Knorr (1918-2003), zusammen mit Ulrich Daduna geprägt. Als hochmotivierter Bürgerverein mischte man rege mit in der turbulenten Kunstgeschichte der 1960/70er Jahren, wo Konzertflügel im Pianohaus Kohl von Günther Uecker benagelt wurden, eine stilbildende Theaterarchitektur von Werner Ruhnau 1959 am Gelsenkirchener Kennedyplatz eröffnet hatte, die ZERO-Künstler Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker mit Licht und Kinetik Kunstgeschichte schrieben und in der Künstlersiedlung Halfmannshof die Avantgarde zwischen Op Art, Konstruktivismus und Konkreter Kunst eine Heimstätte hatte.

Da wäre es doch echt staubtrocken geworden, hätte der Gelsenkirchener Kunstverein zum Goldjubiläum statt bunter, querer Faltkartons historische Dokumenten-Leporellos aufgefaltet, oder?

Celebrate It!