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12. November 2015 - von Claudia Posca

Carpe diem, Architektur!

Ruhrgebiet

Plaudern aus dem Nähkästchen. Aus aktuellem Anlass. Erinnern Sie sich? Die Kulturhauptstadt Europas, Ruhr 2010, hatte das Motto auf dem Schirm: „Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel“. Was nichts anderes bedeutet, als dass Ästhetik und Lebensentwurf in den Fokus rücken. Derzeit noch einmal mehr im Kontext der Flüchtlingsdebatte.

Oma und Opa haben das längst begriffen: Es geht um alternative Lebensformen. Sie wollen  in eine Alten-WG ziehen. Könnten sich aber auch den Einzug in ein Mehr-Generationenhaus vorstellen. Und gestern erzählte mir eine Freundin vom neuen Urban-Gardening-Projekt. „Dafür brauche ich keinen Privatgarten, kann aber Obst und Gemüse ernten. Und verschönere noch dazu die City.“ Ergänzend zu diesem modernen Urban-Ville-Modell fällt mir noch Car- oder Bike-Sharing ein. Auch dabei geht‘s ums Teilen. Sharing Economy nennt sich das. Und ist inzwischen für Städte, die die Ökonomie des Teilens zulassen, ein echter Standortvorteil im Ranking um kulturelle Attraktivität.

Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel - in den Köpfen, im Alltag, im Revier tut sich was. Die Visionen der Ruhr-Metropole 2010 sind flügge geworden. Und reagieren auf eine sich rasant verändernde Gesellschaft, die künftig noch bunter, noch multikultureller werden wird. So wie unsere Lebensentwürfe. Weil wir immer älter werden, weil die Geburtenrate sinkt, weil die Flexibilität in fast allen Lebensbereichen obligatorisch ist, weil sich eine Art Landflucht breit macht, weil die Cities boomen, weil bezahlbare Stadt- und Altenwohnungen knapp sind, weil die Mieten steigen und weil hunderttausende Flüchtlinge dringend ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf brauchen und ihre Kulturen mitbringen.

Das sind extrem viele, extrem diverse Bedürfnisse. Mit Norm- und DIN-Maßen hat das nichts zu tun. Viel allerdings damit, wie wir künftig leben wollen, angesichts des engmaschigen Knäuels kultureller, sozialer und politischer Herausforderungen.

Dass das keine rein soziologische Aufgabe, sondern eine umfassend kulturelle ist, versteht sich von selbst. Es geht uns alle an, wie man sich in der aktuellen Wandel-Gesellschaft positioniert, was man für die (Teil-)Lösung diverser Schieflagen visioniert, und ob man danach fragt, was angesichts der prekären Alltags- und Lebensaufgaben, Stadtplaner und Architekten so treiben.

Denn gerade sie müssen mit ins Boot, um eine Ästhetik der Urbanität voranzutreiben. Schließlich wird in diesem Moment entschieden - unter dem Druck der Erfordernisse, mehr  Lebens-, Wohn- und Arbeitsraum schaffen zu müssen - wie unsere Städte in der Zukunft aussehen werden. Banlieues und Ausgrenzung? Oder die soziale Stadt? Das ist hier die Frage. Nicht nur schnelles Bauen tut not, sondern auch ein Plan: Carpe diem, Architektur!

Den öffentlichen Raum hat Public Art vielfältig schon thematisiert: Kunst bloß als Deko für den Stadtraum? Ist verschenkte Vision. Und so könnten Kunst und Architektur gemeinsam Ideen schmieden, gemeinsam ihr feines Analysepotential scharf sezierend einbringen. Zur Ergänzung herkömmlicher Stadt- und Gesellschaftsplanung. Und um Denk- und Handlungs-Gewohnheiten aufzubrechen.

Fakt ist: Unsere Gesellschaft im Umbruch braucht alternatives Denken, braucht alternatives Bauen. Mit Groß-Architektur, mit Bilbao-Effekt oder Elb-Philharmonie-Ästhetik hat das nichts zu tun. Es geht um Masse. Denn nicht erst durch die Flüchtlinge ist das Marktangebot günstigen Wohnraums knapp geworden. Die Gentrifizierung mit einhergehender Verdrängung sozial Schwacher bei gleichzeitigem Zuzug von wohlhabender Bevölkerung hat in vielen Städten zum Mangel an bezahlbaren Wohnungen beigetragen. Viel also muss neu gebaut werden. Aber auch die Bauten für viele haben ein Recht auf Qualität und Wohlfühlatmosphäre.

Dabei steckt in der extremen Wohnungsnachfrage eine Chance: Schon steht - weil die Zeit drängt - der säulenheilige Bau-Standard auf dem Prüfstand. Oft sehr hinderlich für die Einbringung neuer Ideen, könnte, müsste, sollte es jetzt doch möglich sein, weil weichere Bau-Gesetze es hoffentlich bald erlauben, dem gesellschaftlichen Wandel nicht nur ein Irgendwie-Dach über den Kopf zu zimmern, sondern ein schönes, menschenwürdiges Zuhause zu zaubern. Sprich: Die Zeit ist günstig, bezahlbare Wohnungen als Lebensart zu kreieren. Und nicht als neue Währung. Ob es immer die Standard-Formel x Zimmer, Küche, Bad sein muss? Noch dazu übereinander gestapelt, nebeneinander geschachtelt?

Der Gedanke der griechischen Agora etwa, als Zentrum und Platz fürs Quätschchen übern Gartenzaun im Café umme Ecke, könnte im alternativen Kunst-Architektur-Diskurs eine Rolle spielen. Oder die Idee: ein paar Wohnungen rein ins Gewerbegebiet, das Gewerbe in Teilen: ab in die Stadt. Oder eine so genannte Hybrid-Architektur, die flexibel Geschäft, Arbeit, Wohnen und Gemeinschaftsraum unter ein Dach packt bzw. Side-by-Side miteinander ins Gespräch bringt.

Bauen in der Masse, ja. Aber mit Klasse: Bedürfnisorientiert, flexibel, atmosphärisch. Denn bis dato hat die Architektur-für-viele, nicht viel für Qualität übrig. Das Resultat sind Plattenbauten, Hochhaus-Silos, Wohnghettos, seelenlose Containerstädte. Wollen wir das? Kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck hat angemahnt: „Kein Reihenhaus, keine Terrasse, ja: keine Garage ist zu unbedeutend, um nicht mit Witz und Ideen, mit Anmut und Charme gestaltet zu werden.“

Was aber heißt das? Stünden überall farbleuchtende Hundertwasser-Häuser oder anthroposophische Organik-Bauten oder Schwarzwald-Häuschen, wär‘s auch nicht im Sinne des Erfinders, sondern eher ein gruseliges Durcheinander ohne Aussicht auf Identitätsstiftung für den Einzelnen, für die Kommune.

Und so liegt klar und auf der Hand, dass die in nächster Zeit neubauende Stadtplanung in einer Gesellschaft des Wandels eine klug bedachtsame, eine vorausschauende sein muss, die heute die ästhetischen Koordinaten für morgen setzt. Gäbe es einen Robin Hood des Bauwesens, er wäre unterwegs mit Herz, Verstand und Plan für ein soziales, für ein menschliches Antlitz unserer Städte.

Carpe diem, Architektur!