gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

7. August 2018 - von Claudia Posca

CARBON

Unna

Warum ich ausgerechnet an diesem glühendheißen Sommer-Sonntag ins ferne Unna fuhr, wo`s noch nicht mal einen City-See hat, es aber 106 Kilometer und 1 1/2 Stunden Fahrt braucht, um hin und zurück von Hattingen ins östliche Ruhrgebiet zu kommen?

Ja warum? Hat mit dem Spruch von damals zu tun: Nur die Harten, komm`  in` Garten. Und wer will schon schlapp machen? Hitze hin oder her.

Darüber hinaus? Kann ich auch pragmatisch. Besonders, wenn Zeit eine Rolle spielt. Gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, macht Sinn. „Cash value“ sozusagen. Diesmal aus folgenden Gründen.

Punkt 1: Das Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna in der ehemaligen Lindenbrauerei hat Katakomben, - prima Dunkelkammern für prima Lichtkunst mit prima kühlem (!!!) Klima. Derzeit gibt`s dort im Rahmen von „Kunst & Kohle“ drei neue Lichtinstallationen zu sehen. Die Magischste darunter: Eine rosa Licht-Leucht-Wolke der niederländischen Künstlerin Dorette Sturm aus feinstem Segeltuch. „Breathing cloud“, die atmende Wolke hat Leben; man hört, sieht und spürt den Himmel. Kurioserweise unter Tage, eine Wolke Sieben.

Punkt 2: Die Autofahrt nach Unna versprach frisch, jedenfalls frischer zu sein als die derzeitige Slow-Motion-Tristesse im heimisch heißen Garten zwischen 13 und 18 Uhr. Mein treues Gefährt hat nämlich ´Klima`.

Punkt 3: Für gewöhnlich sind sonntags Autobahnen im Revier nahezu leer. Deshalb auch hat`s geklappt mit einer Straight-on-Fahrt ohne Stau nach Unna.

Punkt 4 und ausschlaggebend: ein Gastspiel des Dresdener Figurentheaters „Cie. Freaks und Fremde“, direkt neben dem Lichtkunstzentrum Unna im „Kühlschiff“ (!!!) stand auf dem Programm: „CARBON – Eine kleine Weltreise der Kohle“. Ich hatte davon gehört. ´El hombre`, der Mensch, die Puppe spielt eine große Rolle. Und die Geschichte des Grubengolds – zeitgerafft, bildmächtig komprimiert.

Das Figurentheater der besonderen Art für Erwachsene und Kinder ab 12 Jahren ist eine „Auftragsproduktion finanziert durch die RuhrKunstMuseen und die FIDENA Bochum“, gefördert durch den Fonds Darstellende Künste, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden.“ 2015 wurde die „Freaks und Fremde“-Compagnie mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden ausgezeichnet. In mehr als 15 Ländern der Welt ist ihr Spiel schon zu sehen gewesen, zuletzt noch auf der „Fidena“, dem Figurentheater der Nationen des „Deutschen Forum Figurentheater und Puppenspielkunst (dfp)“ mit Sitz in Bochum.

Was ich aus dieser Sparte wusste? Noch immer liegen Welten zwischen Darstellender und Bildender Kunst.

„Cie. Freaks und Fremde“ aber stehen fürs grandiose Sparten-Hopping dazwischen. Für virtuose Verknüpfungen, für Brückenschläge und Experimente, für eine kluge Mischung aus Installation, Musik, Performance, Puppenspiel und Message. Ihre Kunst hat Scharfblick, - hinter die Kulissen politisch-gesellschaftlich-globaler Verstrickungen: „Brauchen wir Wachstum? Verbessert technischer Fortschritt unser Leben? Was braucht der Mensch, um ein ´gutes Leben` zu führen?“

Selbst Phlegma, meinen inneren Schweinehund, hat das überzeugt. Unna war gebongt, Karten fürs Figurentheater unter der Regie von Sabine Köhler und Heiki Ikkola reserviert. Warum wissen Sie jetzt.

Dass es allerdings nicht nur kolossal cool wurde, sondern ich - trotz Hitze - Gänsehaut bekam, weil`s viel mehr noch gnadenlos phantastisch, ja berührend bewegend war, konnte keiner ahnen. Weshalb ich Ihnen „CARBON“ ans Herz lege. Unbedingt. Am besten, Sie reservieren gleich morgen ein Ticket. Für „ein Theaterzelt. Ein Labor. Eine Zeitmaschine. Eine Schaubude. Eine Installation. Ein Museum.“ Wirklich, es ist alles das. Und noch viel mehr.

„Ja, aber was soll das Ganze denn nun sein? Ein Puppenspiel? Objekt- oder Materialtheater? Ein Schattenspiel? Eine Stunde Performance? Kunst als Theatrum Mundi?“

Tja, wenn das so einfach wäre. Ich würde mal sagen: Hereinspaziert. Es ist an der Zeit, sich irritieren zu lassen. In diesem schwarzen Zelt, wo man dicht an dicht sitzt und gespannt auf „eine kleine Weltreise der Kohle“ wartet, dabei aufs mechanische ´Theater der Dinge` guckt, das - halb Traum, halb Wirklichkeit -, visionär und real von der Puppe „El hombre“ und zwei Mimen moderiert wird.

Der Style? Ist poetisch schonungslos. Wirkt zwischen Nostalgie und Aufklärung, projiziert versiert, Wort-Bild-performt wunderbar, - schwer in Worte zu fassen.

„Hmm, das ist zu merken. Da scheint es  ja auf parallel vielen Ebenen eindringlich abzugehen: Bild, Wort, Klang, Projektion, Symbolik, Mythos, Mechanik, Performance, Erzählung, Analyse, Kritik, Licht- und Schattenseiten des Grubengolds?“

Ja, stimmt. Ein kleines Gesamtkunstwerk ganz groß. Buchstäblich fabelhaft entlarvend. Die Trickkiste historischer Theaterkunst macht`s möglich. „Cie. Freaks und Fremde“ haben sich köstlich kreativ bedient.

Tatsächlich greift „CARBON“ - fein gestrickt und transformierend – zur bildarchaischen Wunderkammer des 19. Jahrhunderts, wo auf Jahrmärkten in Schaubuden ein „Theater im Theater“ die Welt als Welttheater spielte. Im Einzelnen waren das bunt bemalte Blech- oder Pappfiguren, auf Laufschienen über die Bühne gezogen, durch Exzenter-Räder und raffinierte Übersetzungen ruckelnd bewegt. Auch auf sogenannte „Buckelbergwerke“ hat man für „CARBON“ geguckt. Was Mini-Bühnen waren, von invaliden Bergleuten aus dem Erzgebirge auf dem Rücken getragen, um Geld fürs Leben zu verdienen.

Haben Sie von sowas gewusst? Hab` ich zu viel versprochen? Sie müssen das sehen. Es ist Bildzauber pur, ohne Plüsch, ohne Kuschel. Stattdessen hat das Puppenstubenformat Dechiffrierungsqualität, haut dem Weltmarkt Kohle eins auf den Kopf:

„Wir erkunden den Wandel in Kohle-Regionen und landen bei den Recherchen in Kolumbien, wo der größte Steinkohletagebau der Welt die Kohle für deutsche Kraftwerke fördert. Was wir aus unserer täglichen Wahrnehmung gern verdrängen, wird hier offenbar: der Dreck, den wir vor der eigenen Haustür nicht mehr haben, wird jenseits des Atlantiks aufgewühlt. Puppen, Masken, Projektionen und eine Theatermaschine werden in Gang gesetzt, um zurückzuschauen, wie Prometheus den Menschen das Feuer brachte und ihnen die Gabe verlieh, Bodenschätze zu nutzen. Wir sehen im Theatrum Mundi Industrielandschaften entstehen und vergehen, und reisen gemeinsam mit den Zuschauern nach Kolumbien. Wir treffen die Leute von Tamaquito, Tabaco und Chancieta, Dorfgemeinschaften von Wayuú-Indigenen und Afrokolumbianern, die die Orte ihrer Vorfahren verlassen müssen, ihre Unabhängigkeit aufgeben und eine völlig neue Lebensform erlernen sollen“, beschreibt die „Cie. Freaks und Fremde“-Compagnie den bohrenden Erzählkosmos von „CARBON“.

„Na los, sag`s doch schon: Was sich in diesem Zelt ereignet ist großartig, oder?“

Ja. Großartig und schön zum Nachdenken.

 

Die nächsten Termine:

12.8.    15.00 Uhr, Lehmbruck Museum Duisburg

31.8.    18.00 Uhr, Josef Albers Museum  Quadrat Bottrop

5.9.      18.00 Uhr, Kunstmuseum Gelsenkirchen

6.9.      19.30 Uhr, Kunstmuseum Bochum

9.9.      12.00 Uhr Kunsthalle Recklinghausen

16.9.    14.00 und 16.00 Uhr, Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr


Fotos mit freundlicher Genehmigung von Cie. Freaks und Fremde

CARBON