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12. Mai 2016 - von Claudia Posca

Bus oder Laster - das ist hier die Frage

Ruhrgebiet

Ja, ich bin wieder da, Urlaub vorbei, schön war's, nur viel zu kurz. Weshalb ich schon jetzt übers weitere Reisen spekuliere: Travel-Art & Co, Reisen als Kunst, die Kunst des Reisens, Kultur-Hopping. Weil genau betrachtet, alles Existieren unterwegs sein ist. Zu Hause nicht anders als in der Ferne.

Wie ich drauf komme? Schuld dran war ausgerechnet Spaniens goldene Sonne, die mir spanisch vorkam, als sie unverfroren auf Reisen ging. Hatte wohl für zwei von sechs Tagen lieber Wolken- statt Wellenbaden im 300-Tage-Sonnenschein-Land gebucht. Da hatte ich viel Zeit. Mit der Folge: Was keiner in der Fremde wirklich sein will, ich wurde es. Ein 100-Prozent-Tourist, Typ: Open-Air-Doppeldecker-Busreisender.

Hop-on, hop-off: Quer durchs zauberschöne Valencia, drittgrößte Stadt Spaniens reiste ich, rund 320 km südöstlich der Landeshauptstadt Madrid an der Mündung des Turia gelegen, unterwegs auf prachtvollen Boulevards, auf zweiter Etage im Sightseeing-Bus sitzend. Erhaben über den Rummel im Souterrain mediterranen Turbo-Verkehrs, flankiert von Palmen und Orangenbäumen, vorbei an noblen Art Déco- und unglaublichen Jugendstilfassaden. Hin zum valencianischen Weltkulturerbe der Seidenbörse aus dem 15. Jahrhundert, seltener Profan-Spätgotik-Stil. Und zum atemberaubenden Futuro-Architektur-Zentrum „Ciudad de las Artes y de las Ciencias“ vom weltberühmten Santiago Calatrava. Unter anderem. Was aber eine andere Geschichte ist.

In dieser hier spielt vornehmlich der Bus, mein treuer Begleiter in unbekannter Stadt, eine Rolle. Vehikel-Philosophie sozusagen. Mit Urquell im heimatlichen Revier. Weil ich dort eine  LKW-Fahrt vor Abflug ins Land von Torero und Turron (= Mandelköstlichkeit) ausgiebig verkostet habe: „Truck Tracks Ruhr“-Spezialität Oberhausen. Was gleichkommt mit einer Fahrt im Laderaum eines Lasters. Reservierung erforderlich, Erlebnis gebucht! Kunst-Reise und Reisekunst inklusiv. Kunst in Valencia dagegen kostet extra.

Bus oder LKW - in Valencias City-Hopper sitzend, stellte ich mir die Frage. Wie eigentlich reist der Mensch? Zu Hause hatte die international gefeierte Theatergruppe „Rimini Protokoll“ mit ihrem wandernden Laster ähnliche Gedankenexpeditionen inszeniert. Das Autoren-Regie-Team dahinter ist preisgekrönt. Vor allem für die Sparte "Neue Realitäten".

Und auf die hat es „Urbane Künste Ruhr“, die junge Kunstorganisation im fünften Jahr unter der Leitung von Katja Aßmann, abgesehen. Sie lud zum „Rimini Protokoll“ unter dem übergreifenden Motto „Wir bauen eine neue Stadt“ ein. Neunundvierzig weitere KünstlerInnen sind am LKW-Reise-Projekt beteiligt. Städte, Winkel und Nischen des Alltags lassen sie beim Laster-Reisen zur experimentellen Bühne mutieren: Wir und das Revier.

Ein Jahr lang bis März/April 2017 gibt es die Offerte: Brummi-Brummen durch den Pott. Sieben Erlebnis-Touren, keine Touri-Runde darunter. Demnächst werden Recklinghausen, Duisburg, Dortmund, Mülheim, Bochum, Essen bereist.

Es ist das derzeit wohl hippeste Reise-Unternehmen zwischen Emscher, Lippe und Ruhr: LKW-Fahren statt Bus-Touren - ein aufregend anderes Reise-Feeling mit Tiefgang ohne Tauchmanöver. Oder kennen Sie sich mit Van-Trips aus? Wie das wohl wäre mit dem „Truck Track Ruhr“-Truck durch Valencia zu trekken?

Zumal dieser Ruhr-LKW eher eine begradete, will heißen, entrundete Arena ist, denn als herkömmlicher Laster taugt. Fast zwölf Meter lang, rund 13,5 Tonnen schwer ist das Kunst-Mobil, hat eine 2,5 Meter hohe, 10 Meter lange, spiegelverglaste Fensterfront. Neunundvierzig Leute finden drin Platz auf längsgestreckt eingebauter Zuschauertribüne: Drauf platziert, aber ganz anders als ich im Valencia-Bus, ist Reisen angesagt. Dazu wummert es Soundtracks, ein Road-Movie ist Film-Kunst-Projektion. Sprach-Text-Collagen gibt es, wenn das Gefährt stoppt und die Filmleinwand drinnen aufrollt. So mancher guckt da ziemlich verdutzt in die Nester des Reviers: Brachen, Müll-Deponien, Mensch-Maschine-Fit-Mach-Studios, Shopping Malls und Fress-Paläste. Sightseeing aus anderer Perspektive, quer und schräg geguckt, widerständig und gut.

Was die Welt draußen zu bemerken scheint. Staunend kriechen Außenblicke rein ins Seltsam-Gefährt. Wer hier Voyeur, wer Zootier, wer Attraktion ist? Was Hörspiel, was Theater, was Kunst ausmacht? Das Reise-Performance-Truck-Track-Programm spinnt es zur spannenden Geschichte: Frame-Art durchs Schaufenster. Mit Publikum davor, mit Publikum dahinter. Eine herrlich andere Landschaftskunst im herrlich anderen Bildformat!

Das inszenierte Vexierspiel ist tollkühn, Kunst durch und durch. Wer nimmt hier teil am anderen und wie? „Truck Track Ruhr“ ist kein Touri-Frontal-Programm, erscheint surreal-fiktiv, ist aber empirisch-real, ein Schmelztiegel für Kunst und Leben. Und greift auf, was hohen Stellenwert hat: Reisen. Ich liebe Reisen.

„Von den Deutschen wollen 88 Prozent in diesem Jahr verreisen. Für die meisten bleibt der Urlaub die populärste Form des Glücks. Der Urlaub ist nach Immobilie und Auto die drittgrößte Geldausgabe“ schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Aha, daher also das Reisefieber. Ob sich die „Truck Track Ruhr“-Kunst angesteckt hat? Vielleicht sogar gewollt, um gesellschaftspolitisch-kritisch unterwegs zu sein? Treibt sie die performative Wende in den Künsten weiter voran? So. Oder so?

Oder anders?

„Eine Bildende Kunst, die sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer stärker theatralisiert und sich der Aktion und dem Ereignis zuwendet, sowie die zunehmende Inszenierung und Ästhetisierung von gesellschaftlichen Ereignissen deuten darauf hin, dass das von der jüngeren Kultur- und Theaterwissenschaft als performative turn bezeichnete Phänomen die Grenzen zwischen den Künsten ins Wanken gebracht hat. Produktionen des inzwischen verstorbenen Theaterregisseurs Christoph Schlingensief beispielsweise, oder Arbeiten von She She Pop, Gop Squad, Showcase Beat le Mot, Rimini Protokoll, Turbopascal oder Fräulein Wunder AG sind nicht mehr eindeutig als Theaterstücke im klassischen Sinne zu definieren, sondern integrieren Strategien von Aktionskunst, Happening und Performance Kunst“ wird die ästhetische Melange von „Kulturelle Bildung online“ pointiert.

Hätte ich gedacht, so etwas im Urlaub zu denken? Wo ich doch eigentlich nur kurz mal weg sein wollte? Ausgereist zur Sonne, zur Freiheit. Für Spaziergänge mit Seele.

Hätte ich nicht!

Aber wie heißt es so schön: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Hat schon Matthias Claudius' Urian gewusst bei seiner „Reise um die Welt“. Meine ging nur bis Valencia, war aber - siehe oben - dank „Truck Track Ruhr“ höllisch Revier-infiziert.

Bus oder Laster - das ist hier die Frage