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3. September 2015 - von Claudia Posca

Brauchen Bilder Namen?

Duisburg

Die Welt hat Namen: Pina, Otto, Isegrim. Oder Schrank, Hund, Kunst. Nicht auszudenken, wenn das anders wär. Babylon? Anarchie? In der Kunst tragen Werke Titel. "Ohne Titel" ist auch ein Name. Wozu aber Eklärungen neben dem Bild? Weil wir Begriffs-Junkies so gepolt sind, dass Lesen über Gucken triumphiert?

"Den Augen zu trauen, haben wir fast verlernt." Hörte ich neulich beim Künstlergespräch. Schmökern aber ist gelernt. Am Ende stimmt: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.

Tatsächlich sind Schildchen verführerisch: Künstler, Titel, Entstehungsjahr, Material, Aufbewahrungsstätte. Aha, die Fakten sind schnell konsumiert. Das Bild vermeintlich auch. Zurück bleibt ein unverstandenes Werk.

„Und was haben wir gesehen? Lesend gingen die Leute mit dem Info-Heft durch die Räume. Geguckt wurde nur zur Bestätigung. Da haben wir uns angeguckt: So wollen wir das nicht.“

Die mir das erzählen, heißen Dirk Krämer und Klaus Maas, sind Sammler seit 45 Jahren und hatten schon mal die Idee, im Museum wohnen zu wollen. Von 1999 bis 2011 betrieben die Sammler aus Leidenschaft eine Schaufenster-Galerie im Duisburger Innenhafen. 2009 schließlich bauten sie sich ihr eigenes Museum: das DKM in Duisburg, Nähe Hauptbahnhof, Nähe Wilhelm Lehmbruck-Museum. Vorsicht! Parkplatz-Not.

DKM - die Initialen des Sammlerpaares - geben den Namen für das 51-Raum-Gebäude auf 2700 Quadratmetern in der Güntherstraße 13 bis 15, wo derzeit rund 1200 Stücke alter und neuer Kunst zu sehen sind: aus unterschiedlichen Kulturen, Gattungen, Medien und Religionen. Präsentiert in besonderer Architektur mit wunderbaren Ausblicken in gemäldeartige ZEN-Garten-Kunst-Landschaften. Was die DKMler mir gerade berichtet haben, sind Impressionen ihres Kölner Kolumba-Museumsbesuchs.

Das Thema ist klar: Krämer & Maas setzen auf Wahrnehmung. Audio-Guides? „Hassen wir!“ Die Besucher ihres Museums sollen „mit den Augen gucken, sich von der Inszenierung vereinnahmen lassen.“

Im DKM zielt die atmosphärische Präsentation auf Achtsamkeit. Sitzgelegenheiten gibt`s überall: für Meditation und Muße. Ungewöhnliche Werk-Konfrontationen sind gewollt. Es knistert spannungsreich. Giuseppe Spagnulos krallig sich aufbäumende Eisenbrammen vor dem filigran ausdrucksintensiven Finger-Hände-Grafik-Zyklus Eduardo Chillidas etwa. Mehr anschauliche Evidenz geht nicht. Hut ab dafür!

Braucht es da Beschriftungen? Info-Tafeln?

„Bilder brauchen keine Namen! Optisch stören Schilder. Immer.“

Weshalb es im Duisburger DKM keine gibt. Oder wenn, dann notgedrungen, unauffällig, fast versteckt. Bei Leihgaben etwa, die kenntlich gemacht werden müssen. Grundsätzlich aber gilt: So wenig Info-Schild wie möglich.

In welchem Ruhrgebiets-Museum sonst gibt's sowas? Das kann sich auch nur ein Privatmuseum leisten. Vom öffentlichen Bildungsauftrag ist man frei gestellt. Wie schön, dass es das gibt. Ich bin fasziniert. Von der Beharrlichkeit, mit der DKM ihr Konzept einer sinnlichen Ästhetik verteidigen. Durchs Nadelöhr der Wahrnehmung geht hier alles.

Von dirigistischer Museumspädagogik, von einer Bevormundung des Publikums spricht natürlich niemand. "Guck hin, guck genau hin, guck so": mit Zuckerbrot und Peitsche.

Trotzdem hätt` ich mir hier und da ein Info-Schild mehr gewünscht. In den ausliegenden Katalogen zu blättern, braucht Zeit, ist umständlich. Mein Einwand gegen den Info-Schild-Ausschluss: 

Das eine tun, ohne das andere zu lassen. Sprich: in aller Ruhe gucken und dann den Fakten-Input lesen. Nach grandiosen Raum-Erlebnissen à la Ernst Hermanns oder zauberschönen Neu-Entdeckungen, wie den 3000 Jahre alten Tier-Abstrakt-Miniaturen aus dem iranischen Amlash. „Das ginge doch auch?“

„Sicher geht das. Aber Info-Schilder verführen zu spontanem Lesen. Und schon ist der Erstkontakt zur Kunst kein Augenkontakt. Wir selbst merken, dass wir abgelenkt sind, wenn ein Schild neben einem interessanten Bild klebt. Dann will man wissen, was drauf steht. Und schon ist der Raum-Eindruck weg.“

Da ist was dran. Kürzlich noch las ich im Bochumer Museums-Gästebuch, dass die dezent platzierten Infos viel zu tief positioniert seien. Klar, dass man in der Knie-Beuge kaum mehr auf kuratorische Finessen wie Blickachsen, Raum-Atmosphäre achtet.

„Sag ich doch! Schilder stören immer.“ Dirk Krämer meint das aus tiefster Seele. Ich bin überzeugt, dass er mit den beiden Philosophen Gilles Deleuzes und Felix Guattari die Rede von der ´imperialistischen Anmaßung der Sprache` teilt. „Und außerdem“ - der Mann kann sympathisch spötteln – „ist auch nicht jeder Museumsbesucher kunsthistorisch interessiert.“ Ein kleiner Seitenhieb auf meinen Wunsch nach klitzekleiner Zusatz-Information.

„Die Besucher sollen die Kunst so erfahren, wie wir es tun. Wenn wir Kunst irgendwo sehen, sei`s auf der Messe oder in einer Galerie, wissen wir oft nichts über das Stück, das uns gefällt. Aber es zieht uns in seinen Bann. Und erst dann beschäftigen wir uns mit seiner Geschichte.“

Gucken wie die Sammler? Mich erziehen lassen?

Klaus Maas klingt pragmatischer: „Die Menschen sollen einfach Freude an den Stücken haben. Stress im Leben gibt es genug. Wir wollen Atmosphäre schaffen. Und dass die Besucher mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause gehen.“

Das gefällt mir. Die „Linien stiller Schönheit“ pur entdecken ist ein guter Deal. Hat klassische Züge.

Tatsächlich gucken Krämer & Maas in letzter Zeit verstärkt durch die Brille der Antike. „Hat wohl was mit dem Älter-Werden zu tun.“

Neue Maßstäbe?

„Ja. Immer weniger zeitgenössische Kunst erreicht diese. Wir orientieren uns am Unvergänglichen. Politische Kunst werden Sie bei uns ausnahmsweise nur finden. Und nur, wenn die Ästhetik stimmt.“

Verdammt imdahleske Züge hat das. Nach jenem Bochumer Ruhr-Universitäts-Professor Max Imdahl (1925-1988), dessen Lehre die Unersetzbarkeit des Bildes, Augenarbeit, Entschleunigung, sehendes Sehen und das Vertrauen in die Sinne wissenschaftlich etabliert hat.

„Direktkonfrontation mit der Sache selbst“, „Anschauungstatsachen eigener Art“, die Liste ist lang. Für gegenstandslose Bildwerke gab Max Imdahl zu bedenken, dass „Fragen, die sonst wissenschaftlich belangvoll sind, entfallen, etwa Fragen der Zuschreibung, der Datierung, auch der Rekonstruktion längst vergangener und womöglich schon fremd gewordener historischer Situationen.“  Keine Info-Schild-Kultur also neben dem Bild. Tatort: Kunst.

Die Herausforderung nehme ich an. Das DKM ist ein rechter Ort dafür, sich aufs Phänomen zu konzentrieren. Eine Stecknadel kann man fallen hören. Publikum im Dauerlauf gibt`s nicht. Wer gucken will, muss sich anmelden. Oder während der begrenzten Öffnungszeiten kommen. Das DKM ist etwas Feines. Ästhetik forever.

Dazu „brauchen Bilder keine Namen!“ Dirk Krämer und Klaus Maas sind Überzeugungstäter.

Basta! Und Schluss.

Portrait: Dirk Krämer und Klaus Maas, © Stiftung DKM, Foto: Werner J. Hannappel, © VG BILD-KUNST, Bonn 2015

Brauchen Bilder Namen?