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30. August 2016 - von Claudia Posca

Bittere Zeiten

Schwerte

„Hast Du schon gehört? Den Kunstverein Schwerte gibt es nicht mehr.“ Kann das wahr sein? Darf das wahr sein? Nach 29 Ausstellungsjahren? Mit internationalen Star-Künstlern von Josef Beuys, Rune Mields, Rosemarie Trockel über Erich Reusch, Emil Schumacher und Dorothee von Windheim bis hin zu Kazuo Katase, Thomas Klegin, Jürgen Paas, Johan Tahon, und, und, und? Nicht zu vergessen die vielen Präsentationen junger und jüngster Kunst. Ganz zu schweigen von der umfangreichen Sammlung selbst produzierter Kataloge, Plakate, den Kunstreise- und Musik-Offerten. Aus und vorbei? Für immer? Ich kann es kaum glauben.

Aber es stimmt. Im Internet auf der Startseite des Kunstvereins steht es kurz und knapp nachzulesen: „In der Sitzung vom 25. Februar 2016 hat die Mitgliederversammlung beschlossen den Kunstverein zu schließen.“

Ich will Genaueres wissen. Gut ein Jahr ist es her, dass ich den in der Revier-Kunstszene fest verankerten, angesehenen, 2012 für den renommierten ADKV-Preis des Dachverbandes deutscher Kunstvereine nominierten Kunstverein Schwerte im Wuckenhof-Haus besuchte. Und mit Kunstvereinsgründer Ulfried Weingarten gesprochen habe. Und darüber staunte, was ein damals knapp 120-köpfiger Kunstverein so alles stemmt - ehrenamtlich, bürgerschaftlich, mit nur knappen Fördermitteln aus dem Schwerter Stadtsäckel unterstützt. Damals hatte ich einen Joseph Beuys-geprägten Kunst-Enthusiasten kennengelernt: „Sehen lernen, bedeutet Entscheidendes fürs Leben tun. Unseren Verein machen wir nicht als geschlossene Gesellschaft, sondern es kann jeder -  auch Nicht-Mitglieder teilnehmen - oder auch auf den Exkursionen mitfahren“, hatte mir Ulfried Weingarten sympathisch einladend vermittelt.

Noch immer bin ich fassungslos. Wie kann so etwas einfach so zu Ende gehen?

„Wir haben zu spüren bekommen, was uns von Anfang an vorgeworfen wurde: Dass wir zu elitär seien. Aber einen weniger elitären Verein als den Kunstverein Schwerte kann man kaum finden“, deutete Ulfried Weingarten die Situation am Telefon an.

Ich fahre nach Schwerte, treffe mich erneut mit dem Mann, ohne den Schwerte ein No-Art-Land im Revier geblieben wäre, keine Kunst großer Namen im öffentlichen Raum, keinen Kunstverein von überregional strahlender Wirkkraft gehabt hätte. Die Gründungsvision von 1987: „So etwas zu machen, wie die von Jan Hoet 1986 in Gent gezauberten, attraktiven „Chambres d`amis“: Kunst im Wohnzimmer, öffentlich zugänglich - gegen den Kunst-Tod in der Stadt.“

Jetzt ist der Kunstverein Schwerte tot. Klar, dass ich wissen will, warum.

„Es hat damit zu tun, welchen gesellschaftlichen Stellenwert Kunst überhaupt noch hat. Es geht schon in der Schule los. Kunstunterricht läuft unter ´ferner liefen`. Konsequent führt das dazu, dass viele Menschen immer weniger bereit sind - auch durch die Event-Förderung - sich einzulassen. Sich wirklich einzulassen, auf das, was da ist. Und was die eigenen Sinne ausmacht, sie also ernst zu nehmen. Um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, was eine Auseinandersetzung mit Kunst bringen kann.“

Wenn Ulfried Weingarten vor den gepackten Bücherkisten in leer geräumten Ausstellungsräumen steht, - „vom Kunstverein wird wohl nur übrig bleiben, was vielleicht mit Kunstvereinsstempel in der Stadtbibliothek landet“ - merkt man, wie nahe es ihm geht, „dass man sich nicht, zumindest nicht in effektiver Weise gegen den Ruf, ein Verein für Elitäres zu sein, hat durchsetzen können.“

Mir schießt sofort durch den Kopf: Wer eigentlich macht Stimmungsmache? Regionale Kunstschaffende vor Ort? Eine nur an großen Namen, nicht aber an Inhaltlichkeit interessierte Politik? Dazu noch die weit verbreitete Überalterung des Kunstpublikums, die Sorge, dass zu wenig junge Leute „ihren“ Kunstverein kennen, vielleicht sogar toll finden. Geldsorgen? Schwindende Energie der schließlich ja auch älter werdenden „Macher“-Generation, die immer mehr mit immer weniger leisten muss, damit „ihr“ Kunstverein überleben kann?

„Letztendlich ist es so gewesen, dass es einen zunehmenden Besucherschwund gab.“

Aufgrund des Rufes?

„So direkt kann man das nicht sagen. Aber bemängelt wurde z.B. auch, dass es ein Kunstverein mit solchen Öffnungszeiten ja wohl nicht ernst meinen könne. Dabei haben wir vier Mal die Woche die Räume fürs Publikum geöffnet. Die Ehrenamtlichen, die das ermöglichten, haben dafür kein noch so kleines Honorar bekommen. Aber sicher kann man über Öffnungszeiten diskutieren.“

Ulfried Weingarten sortiert noch einige Exemplare des quadratischen Leporellos zur Ingrid Langanke-Großskulptur an der Schwerter Bethunestraße auf einen Haufen. 1995 wurde die dreifarbige Stahlskulptur von der Kulturstiftung der Sparkasse gekauft, damals noch war anvisiert, Schwerte zu einer Skulpturenstadt zu machen. „Das ist auch so eine Sache: Hier in Schwerte kümmert sich heute keiner um die installierte Kunst. „das ding“ von Ingrid Langanke ist zugesprüht, die Baumpflanzungen drum rum mindern seine Wirkung. Das hat der Kunstverein nicht in den Griff bekommen. Aber wenn von verantwortlicher Seite mit Kunst im öffentlichen Raum so umgegangen wird, kommt doch rüber, dass Kunst nichts wert ist, keinen bedeutenden Stellenwert hat. Das hat nicht nur unserem Publikum, sondern auch uns Ausstellungsmachern über die langen Jahre ständigen Rechtfertigungsdruckes, den Eindruck vermittelt, dass wir gegen Windmühlen ankämpfen.“

Sagt einer, der 29 Jahre mit großem, schier unermütlichem Engagement und einem ebenso tatkräftigen Vereinsteam angetreten war, mit und durch Kunst bewegende Impulse in und für Schwerte zu setzen. Nur dadurch ist die Stadt ein Teil des bekannten „Hellweg ein Lichtweg“-Projektes geworden, hat Kunstwerke international bedeutender Künstler im öffentlichen Raum, denkt heute, von Kunstinteressierten Bürgern angeregt, darüber nach, das Schwerter Ruhrtal-Gymnasium in Rosemarie-Trockel-Gymnasium umzutaufen.

Was echt bizarr erscheint: Den eigenen Kunstverein lässt man austrocknen, mit den großen Namen aber will man sich schmücken.

Was wird mit dem Wuckenhof als Kunstvereinshaus passieren? Gibt es Zukunftspläne?

„Soweit ich weiß, soll auch das in der ersten Etage ansässige Kultur- und Weiterbildungsbüro ausziehen. Damit das ganze Haus dann demnächst für Kultur zu Verfügung steht.“

Heißt das im Ernst, dass das Kunstvereinshaus als Haus der Kultur geräumt wird für Kultur?

„So isses. So sieht`s aus.“ Ulfried Weingarten blickt in die Ferne. „Möglich, dass die Zeit einfach vorbei ist, mit und durch Kunst impulsgebend zu wirken. Vielleicht wollen die Menschen keine Anreize, keine Diskussionen mehr. Obwohl…“- Ulfried Weingarten ist eben doch Optimist - „vielleicht  sieht es in fünf Jahren wieder ganz anders aus. Und es ist nicht alles auf unfruchtbaren Boden gefallen.“

Ich fahre nachdenklich nach Hause. Denke, dass es den Schwertern noch gar nicht bewusst ist, dass sie etwas sehr Wichtiges haben sterben lassen, gerade jetzt, in Zeiten gesellschaftlich-kulturellen Umbruchs.

Bittere Zeiten