gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

10. November 2016 - von Claudia Posca

Bilde, Künstler, rede!

Duisburg

Special: Der jüngste Professor der Düsseldorfer Akademie, Gereon Krebber, geborener Oberhausener und Bildhauer mit Steilkarriere, lädt nach Duisburg ins DKM ein: Künstler-Führung durch die eigene Ausstellung. Fast hätte ich mich am Kaffee verschluckt. Der Kunstproduzent als museumspädagogische Vermittlungsinstanz? Spannend.

Von Gereon Krebber hört man sagen, er habe eine umwerfend fröhliche Rede. Beileibe nicht jeder Künstler pflegt „sowas“. Oft vernommen, der Satz: „Dann brauche ich keine Kunst zu machen, wenn ich sie im Anschluss Sprach-übersetze.“ Was ja auch einleuchtet.

Die Ansicht ist etabliert: Kunstschaffende sollen Bilder produzieren, zu ihren Werken besser schweigen. Ganz nach Maßgabe des großen Goethe: „Bilde, Künstler, rede nicht.“ Bis heute gespenstert der Satz hartnäckig herum. Übrigens auch in meinen Synapsen. Schließlich ist ´sehendes Sehen` mein Ideal.

Tatsächlich aber ist das eingängige Goethe-Zitat nur eine Halb-Wahrheit: Weil`s nämlich weiter geht: „Nur ein Hauch sei Dein Gedicht!“

Was prompt, anstelle des Kunstschaffenden, dessen geschaffenes Werk in den Blickpunkt rückt. Goethes Rat fürs Ästhetik-Metier: Hüte Dich davor Deine Kunst so zu gestalten, dass sie in Form und Bildlichkeit aufgesetzt, marktschreierisch, lautpolterig daher kommt, - zum Wohle einer Poesie jenseits vom Geschwätz. Was aber gar nicht in Abrede stellt, dass Künstler zur eigenen Produktion redend, Erhellendes mitteilen können. Und ob jemand das beispielsweise Joseph Beuys oft vorgeworfene „Zutexten von Kunst“ als Drama empfindet, hängt letztlich doch wesentlich davon ab, ob (er)klärende Aufklärung willkommen ist.

Mein ´Bilde, Künstler, rede nicht`-Vorurteil jedenfalls beginnt beträchtlich auszufransen.

Die Chance: Künstlerrede aus Insidersicht selbst erleben, noch dazu an einem Ort, wo Infoschild und –text verpönt sind, weil die Devise gilt: Bilder brauchen keine Namen.

Am Allerheiligen-Dienstag fand die exklusive Krebber-Künstler-Führung statt. An die drei Dutzend Leute warteten gespannt, mit Sicherheit einige darunter, die des Künstlers witzig-systemkritisches Kunst-Bastel-Angebot unter www.gereonkrebber.net wahr genommen haben: „Do it yourself - build your own Krebber sculpture with this papercut and enjoy it on your wall.“

Ernst gemeint oder nicht? Gereon Krebber liebt das Widersprüchliche. Warum also nicht Bastelbögen in die Welt schicken, um Werkbegriff und Originalitätsanspruch der Kunst zu piesacken?

Aus Köln, wo der Mann lebt und arbeitet, reiste Gereon Krebber an. Studiert hat der 1973 in Oberhausen geborene Künstler an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg, bei Hubert Kiecol, dann am Royal College of Art in London. Schließlich war er Gastprofessor für Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, bevor er, 39 Jahre jung, den Orientierungsbereich Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf als Professor übernahm.

Derzeit startet Gereon Krebber mächtig durch. Vor wenigen Wochen weihte er in Bochum seine 2-teilige Monumental-Bronze „Limp“ auf dem Campus des Neubaus der Hochschule für Gesundheit ein. Jetzt besetzt eine exemplarische Auswahl aus den letzten fünf Schaffensjahren die gesamte 500-Quadratmeter-Wechselausstellungsfläche des Duisburger DKM. Eine diesjährige Schau im Folkwang Museum Essen ist vorausgegangen.

Im koproduzierten Katalog der beiden Insitute steht zur Düsseldorfer Lehrerschaft, typisch Krebber-Syntax-zitiert: „Tony ist ´ultramorph`. Hubert ist ´archimorph`.“ Jeder, der die beiden Bildhauer-Professoren Cragg und Kiecol kennt, schmunzelt. Man ist sich einig: Da redet ein Künstler spitzbübisch-eloquent. Von wegen, ´Künstler, bilde, rede nicht`! Antagomorph“ heißt die DKM-Schau.

Die Wortschöpfung ist - wie sollte es im Krebber-Kosmos anders sein? - präzise offen, verbandelt Antagonistisch-Gegensätzliches mit dem Morphologisch-Gestalthaften. So, wie es der Künstler in seiner Kunst verhandelt: Dem Widersprüchlichen ein Bild geben, ist eine Regel. Die andere: Lass` das Sowie neben dem Sowohl-als-Auch argumentieren.

Wie Gereon Krebber es dabei schafft, sich kein Debatten-Gefängnis zu bauen, bleibt faszinierend unerklärlich.

Alles klar? Wohl nur für jenen, der zulässt, was des Künstlers liebstes Material ist: Anmutungsmomente, Irritationen, Überraschungen. Eine fabelhafte Melange.

Das Thema der Führung durch einen „Parcours voller Materialschrecken und -freuden“ (O-Ton Gereon Krebber)?

Wird zur Klärung der Wirrnis vielgestaltiger Bildwerke folgendermaßen abgesteckt: „Bin ich es als Person, die das alles zusammen hält?“ Die immense Bandbreite von Werkstoff und  Form etwa, zwischen Klebestreifen, Gelatine, Spiegel, Kokelholz, Beton, Acrylharz, Sprühfarbe und Zuckerguss, zwischen Spaghetti-Faden und Wurm-Gewimmel, zwischen Schwarzwurzel-Abstraktion und Eisberg-Sterilisationsfolien-Raum-Installation, darin es stets um einen „plastisch gewordenen Zwiespalt“ gehe, der zudem mit und gegen die Architektur des DKM arbeite, weil für Gereon Krebber gilt: „Gegebenheiten sind Gelegenheiten.“

Wir marschieren los. Im Blick auf „Surrogate“ an der Wand, in denen zig Schichten Klebeband über eine Folienfüllung gespannt, durch Hitze versengt und abschließend mit Farbe besprüht wurden, so dass ein bunter Kosmos kosmischer Wurmlöcher kissenartig-handlich, allerdings wenig kuschelig, Augen einlädt, rein zu kriechen, erklärt Gereon Krebber, dass es ihm um Kunststoff geht, „der eine bestimmte Transformation erlebt hat“. Anderes, wie die aus schwarzer Folie modulierte ´Rüben-Versammlung`, gewickelt „hin zu eigenartigen Kokons, vielleicht auch zu „Steinzeitkeulen“, vergleicht er mit Blick auf die Wirkmacht seiner Kunst mit „einem Stück Seife, das aus der Hand glitscht.“

Sabotage im Museum? Attacke auf unsere Wahrnehmungserwartung?

Ja, sicher, weil ein „Copy-Paste der Wirklichkeit bei mir nicht funktioniert.“ Und: „Ich bin jemand, der daran geht, die Narration in Ihrem Kopf abspulen zu lassen.“

Wenn Gereon Krebber redet, stabilisiert sich fast magisch jenes seltsam fluide Zwischenreich eindeutiger Uneindeutigkeit.

Und: Weil schön gesagt, halb gewonnen ist, ist klar, dass es kein Hexenwerk ist, wenn die vor Bildcharme sprühenden Künstlerkommentare zwischen launigem Gedankenblitz und philosophischem Entertainment den Weg ebnen für eine Neukontextualisierung der Welt. „Ja, aber man darf es nicht übertreiben, sonst läuft das Großhirn weg.“

Der Frage zuvor kommend, ob das nicht ziemlich manieristisch sei, was er da so treibe auf der Partitur von Wort und Bild, kommt entwaffnend zurück: „Das muss ich mir schon anziehen. Aber denken Sie immer daran, ich könnte Sie auch belogen haben!“  

Bilde, Künstler, rede!