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16. Juli 2015 - von Claudia Posca

Biennale-Kurator Florian Ebner auf dem Essener Campus

Essen

Es stand schon seit Wochen im Kalender: Florian Ebner treffen. Der täglich sozusagen ums Eck zur Arbeit ins Essener Folkwang Museum geht. Chef der Fotografischen Sammlung ist er, Nachfolger der großen Ute Eskildsen. Seit 2012.

Wie aber an ihn herankommen, dem derzeit die Welt die Türen einrennt? Weil er auf der diesjährigen Biennale-Ausstellung den deutschen Länder-Beitrag kuratiert hat. Für jene „Mutter aller Biennalen“, mit ihrem Alleinstellungsmerkmal der „Nationalen Pavillons“, unter inzwischen 160 internationalen Kunstbiennalen weltweit. Am 6. Juni wurde eröffnet, seither stehen alle Beteiligten im gleißenden Rampenlicht.

Student müsste man sein. Am besten an der Universität Duisburg-Essen. Die Studierenden hier haben es gut. Für sie gibt es „Werkstattgespräche“. Das allererste ist grad vorbei. Mit Florian Ebner, ich war dabei.

Die Aktuell-ganz-neu-Reihe will zukünftig Prominente aus der Kulturszene des Reviers und NRWs einladen: Talk auf Augenhöhe. Zwischen Podiums-Diskussion und Publikums-Dialog. Organisiert von Dr. Alma-Elisa Kittner, Katharina Bruns und Meike Wiedemann vom Institut für Kunst und Kunstwissenschaften. Um Einblicke in den Kunst- und Kulturalltag zu geben - aus erster Hand. Spektakulär neu ist das nicht, Ähnliches gibt es anderswo auch. Aber es ist ein richtiges, ein wichtiges Format.

Fand auch Florian Ebner.

Dabei ist der Mann derzeit schwer zu kriegen. Verständlicherweise. Der 1970 in Regensburg geborene Fotograf und Kunsthistoriker dürfte bis mindestens noch Biennale-Laufzeit-Ende und vermutlich weit darüber hinaus einer der gefragtesten Foto-Spezialisten/-Kuratoren auf internationalem Parkett sein. 2013 wurde seine Ausstellung „Kairo. Offene Stadt“ von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes zur Ausstellung des Jahres 2013 gewählt. Ein Jahr war er da schon Leiter der Fotografischen Sammlung am Essener Folkwang Museum. Vergangenes Jahr schließlich wurde er zum Kurator des Deutschen Pavillons auf der alle zwei Jahre in Venedig ausgetragenen Biennale di Venezia ernannt. Eine große Ehre, viel Arbeit.

Seine „Fabrik“ in Venedig mit fünf Foto- und Video-Künstlern argumentiert auf hohem Niveau. „In all diesen Arbeiten geht es auf unterschiedliche Weise um das Zirkulieren von Menschen, Bildern und Waren heute. Neben dieser ökonomisch-politischen Dimension findet man im Pavillon jedoch auch die unterschiedlichen Aggregatzustände der Bilder heute, das fotografische, gedruckte Bild in Zielonys Arbeit, das synthetische, sich stets metaphorisierende Bild in Steyerls „Factory of the sun“, das theatralisch-filmische Bild in der Video-Installatiion von Metwaly & Rizk sowie die reale Aktion durch Nicolas lebendige Figuren auf dem Dach des Tempels, die auch als revoltierende Figuren unseres Medienzeitalters gelesen werden können“ hat es Florian Ebner im „Kunstforum International“ eher akademisch beschrieben.

Jetzt gab‘s Biennale-News griffiger - vergangene Woche bei der Premiere der neuen „Werkstattgespräche“: Im Glaspavillon R 12, Eingang übern Brunnenplatz mit den vielen roten Säulen. Florian Ebner live und einfach so. Ohne Organisationsstress.

Das Schöne daran: Die Essener „Werkstattgespräche“ sind öffentlich, jeder kann kommen. Und sie sind gratis.

Rund 41.000 Studenten zählt die 2003 aus der Fusion der Gerhard-Mercator-Uni Duisburg und der Universität-Gesamthochschule Essen hervorgegangene Universität Duisburg-Essen. Und ist damit eine der zehn größten deutschen Unis. Das Institut für Kunst und Kunstwissenschaften gehört zum Fachbereich Geisteswissenschaften, bildet Pädagogen aus, umfasst auch eine interne Kunstpraxis, eine Art Mini-Akademie.

Mehr Berufs-Orientierung will man geben. Die Werkstattgespräche sind ein zusätzlicher Schritt. Streit-Kultur ist erwünscht! Auch die Kulturpolitik ist Option im WS 2015/16. Zukunftsmusik.

Für heute ist der Saal voll. Über Hundert Ebner-Fans sind gekommen. Enorm für ein erstes Mal. Auch Ältere sind darunter. Auffällig viele Frauen, maximal ein Viertel Männer.

Sie wollen wissen „wie er so rüber kommt“, „Fragen stellen“, „ihn mit der Kritik des „offensiven Selbstwiderspruchs“ der gesamten Biennale konfrontieren.“ Das Publikum ist fachkundig. Einige sind schon auf Biennale-Trip in der Lagunen-Stadt gewesen, eine „gigantische Ausstellung“. Florian Ebner dort treffen? Unmöglich.

Der Mann ist gefragt. Nicht nur in Essen, nicht nur im Ruhrgebiet. In Braunschweig hat Florian Ebner das Museum für Photographie geleitet. Und von 2008 bis 2009 war er kommissarischer Leiter der fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie. Auf der Karriere-Leiter steht er hoch im Kurs.

Und ist sympathisch geblieben. Gerne hätte ich ihn nach dem Haifischbecken Biennale gefragt. Aber es gibt so viele Fragen an diesem Abend.

Für das Gesamtpaket der 56. Biennale zeichnet Okwui Enwezor verantwortlich. 2002 hatte dieser die documenta 11 in Kassel kuratiert. Jetzt ist er Biennale-Macher mit einer 136 Künstler präsentierenden Hauptausstellung, 89 nationalen Pavillons sowie 44 „Kollateralen Events“. Da ist man gespannt, was „einer aus dem Stuff“ berichtet.

„Herr Ebner, wie muss man sich ihren Umbau des Deutschen Pavillons vorstellen?“

Der Kurator ist gelassen, stellt erst einmal seine Arbeit und die ausgewählten Künstler im Bild-Vortrag vor. Dass „die Kunst aktuell wieder auf die Welt guckt“ ist ihm wichtig. Und: „Kunst ist stärker politisch geworden in der digitalen Welt.“

Da könnte man jetzt so richtig einsteigen, aber die Zeit drängt. Von „journalistischen Arbeiten“ im Kontext seiner Künstler-Auswahl mag Florian Ebner nicht reden. „Die Mittel der Kunst“ sind ihm wichtig, die „Frage nach der Autorenschaft von Bildern, die „Authentizität des Bildes.“

Und dann sagt er doch noch etwas zum Pavillon-Umbau: „Es gibt kaum eine Ausstellungssituation, die derart vom Ort determiniert ist.“ Und meint damit, die Nazi-Architektur-Ästhetik des deutschen Pavillons. Durch Innen-Einbauten hat er sie verändert, aufgebrochen.

An diesem Abend ist der Biennale-Kurator sehr nah. Greifbar, nicht offensiv, er ist kein Frontmann. Aber einer, der auch im Revier studiert hat: Kunstgeschichte, Geschichte, Romanistik an der Bochumer Ruhr-Universität. Besonnen spricht er, viele empfinden seine ruhige Art als meditativ, - einer der weiß, wovon er spricht: „Gibt es die eine große für alle sprechende und für alle stehende Figur? In unserer Zeit, die so stark rund um die Frage des Bildes kreist, geht es womöglich nicht darum, sich großer Namen wie Thomas Demand, Andreas Gursky oder Wolfgang Tillmans zu bedienen. Wesentlicher schien mir die Frage: Was ist heute das Fotografische? Wie kann Fotografie helfen, so etwas wie Bildkultur zu denken?“

Für 1 ½ Stunden sitzen die Studierenden an der Quelle. Es ist ein Privileg. Hilft dabei, klarer zu kriegen, was international in der Szene „so geht.“ Tatsächlich ist die Bilder-Welt weit weniger weit weg, wenn Florian Ebner erzählt.

Man spürt, es muss ihm wichtig gewesen sein, die neuen „Werkstatt-Gespräche“ auf dem Essener Campus in Fahrt zu bringen. Denn Zeit hat Florian Ebner derzeit nicht, die Biennale di Venezia dauert noch bis Ende November. Chapeau und Danke!

Biennale-Kurator Florian Ebner auf dem Essener Campus