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11. Mai 2017 - von Claudia Posca

Bei der VHS spielt die Musik

Ruhrgebiet

Moment mal. Wann ich das letzte Mal in einer Volkshochschule, kurz VHS, gewesen bin? Drei Jahrzehnte mindestens ist das her. Klampfe-zupfen-lernen wollten wir damals. Meine Freundin war begnadet. Ich war begierig: sinnlicher Hype statt übel langweiliger Klaviatur-Theorie im Schulunterricht. Die VHS - sie war unser Retter in der Not.

Solange jedenfalls bis die Lebensspur wechselte. Dann war Schicht im Schacht mit VHS und Kurs. Für lange Zeit. Und was die Saitenmusik angeht, leider bei mir auch für immer.

Was aber Kunst und Kultur angeht, da hat mich das Volkshochschulwesen wieder. Seit letzter Woche. Schuld dran ist Essen, die Stadt mit der besonderen VHS.

„Besonders? Anders? Weil sie die „Neue Galerie“ hat? Für angesagte Raumkunst?“

Genau die meine ich. Schlimm nur, dass ich den 2004 am Burgplatz, Nähe Essener Dom eröffneten Glaskubus erst jetzt entdecke. Aber wie gesagt, das Sesam-öffne-Dich der schönen Künste im Pott ist gnadenlos reich an Schatz und Perle. Und wer traut Volkshochschulen schon aktuell-zeitgenössische Präsentationen zu? Töpfern und Makrammee sicherlich. Aber Profi-Kunst? Die Vorurteile stauben mächtig.

Warum eigentlich? Schließlich wird (Kultur-)Bildung heute als „organisierte Form des lebenslangen Lernens“ verstanden. „Volkshochschulen stellen dabei einen Beitrag zur Verwirklichung des Rechts auf Bildung und der Chancengleichheit dar. Ihren Bildungsauftrag leiten sie aus Prinzipien der Aufklärung und den Menschenrechten ab. Die weltweiten gesellschaftlichen Veränderungen zeigen, welche Bedeutung den Volkshochschulen in Zukunft beizumessen sein wird“, - steht`s im Internet notiert.

Das muss man sich nur mal klar machen. Gut und wichtig, dass dafür VHS-Projekte à la „Neue Galerie“ stehen, die genau das, und in diesem Fall sogar buchstäblich transparent, transportieren.

Gerade hat die famose Installationskünstlerin Danuta Karsten einen Komplett-Raum-Zauber mit 4000 aufgefädelten Papierstreifen vom Boden bis zur Decke in schönster Reaktivität auf Wind, Wärme, Licht in Essens „Neuer Galerie“ initiert: ein „Luft-Feld“ zwischen Poesie und Serialität. Wer Zeit hat, genießt die meditative Stille der windhauchaufgescheuchten Flirr- und Flatter-Linien im Raum. Möglich ist`s von innen und von außen zu gucken, dank aufgelöster Wände im Bauhaus-Architektur-Stil. Nur mehr sieben Meter Mauerwerk begrenzen das Fensterflächen-umbaute Raumvolumen. Was schwierig für Malerei und Zeichnung, perfekt aber für Installationskunst ist.

Das Gütesiegel der bis dato gezeigten Projekte? Ist ortsspezifisch, immer temporär.

Dazu gibt`s vier Mal im Jahr Einblicke ins zeitgenössische Raumphilosophieren. Inzwischen haben über fünf Dutzend Künstler und Künstlerinnen Essens exklusiver VHS-Galerie die Ehre erwiesen. Und mitten im Großstadt-Einkaufstrubel atmosphärische Kontrapunkte gesetzt. Ich sag`s ja, bei der VHS spielt die Musik.

120 Quadratmeter gläserner Kubus, 5,70  Meter hoch, die „Neue Galerie“ ist ein Hingucker, top gelegen mit ein bisschen Grün-Oase vor der Tür. Da, wo derzeit, wenn`s dunkel ist, der Haupteingang der VHS magisch leuchtet: mit „GRowEEN“, dem ambitionierten Pflanzen-Klima-Licht-Textil-Projekt von Jens J. Meyer im Rahmen der Grünen Hauptstadt Europas, die Essen in diesem Jahr ist. Einmalig im Revier, von dem - immerhin nur, aber leider noch immer - die halbe Welt glaubt, dass es grau ist. Chapeau Essen, du bist wunderschön grün!

Und - du hast diese Rarität einer eigenen VHS-Galerie. Welche Stadt, welche Volkshochschule kann so etwas schon bieten?

Ich bin verabredet mit der „Neuen Galerie“- Leiterin Ariane Hackstein, deren Name im Revier für passionierte Kunstvermittlung steht. Viele Kurse Kunstgucken an verschiedenen Instituten hat sie über Jahrzehnte gestemmt. 1958 kam sie in Hagen-Eppenhausen auf dem bekannten Karl Ernst Osthaus-Hohenhof-Wohnsitz am Stirnband (damals zwischen 1946 bis 1962 Frauenklinik) zur Welt. Kunstgeschichte hat sie in Bochum beim legendären Kunstprofessor Max Imdahl studiert. Jetzt ist Ariane Hackstein seit 2004 mit einer halben Stelle fest an der VHS Essen engagiert: Fachbereich kulturelle Bildung. Dass sie zudem Reiseleiterin in Sachen Kultur ist? Geschenkt. Die sympathisch natürliche Kunst-Frau kennt sich aus in den Metropolen der Welt: New York, Chicago, Namibia, Marokko, Argentinien, Brasilien.

Besonders erstaunlich: Nicht immer bringt sie das Flugzeug dort hin. Hochsee-Segeln ist eine zweite Leidenschaft. Neben Kunst und VHS-Galerie. Der nächste Turn? Ariane Hackstein lacht: „In den Ferien. Ja, Kunst und Reisen gehören bei mir zusammen. Fremdes, Neues. Da ähnelt sich so manches.“

Dass sie die aktuelle Installation der polnischen Künstlerin „mit aufregenden optischen Sensationen“ grandios findet, merkt man sofort. Dann blitzen die blauen Augen besonders.

Was wiederum mit Ariane Hacksteins Kunst-Liason zu tun hat: „Mein Zugang ist, dass ich die Welt durch Kunst sehe. Ich lerne durch Künstler immer wieder Neues kennen, erfahre Differenziertes.“

Kann Kunst deshalb für jeden wichtig sein? Ich denke an den Bildungsauftrag von Volkshochschulen.

„Ja, unbedingt. Künstler denken über Grenzen hinaus. Sie halten nicht an. Sie verwandeln das Bekannte, den Alltag, gehen weiter. Das befreit das Bewusstsein. Zumindest ist das bei mir so. Also - ein Beispiel: So, wie Sabine Schellhorn in der vorausgegangenen Ausstellung mit Satellitenblick auf die Erde geschaut hat und Systeme kapillarer Vernetzungen entdeckte, macht Danuta Karsten in ihrer aktuellen Ausstellung etwas völlig Unfassbares im Raum sichtbar.“

Nämlich?

„Sie zeigt Wetter. Die Künstlerin bringt das auf eine frappierend klare Kurzformel: Luft + Bewegung = Wind; Wind = Klima; Klima = Klimawandel. In der „Neuen Galerie“ sind es Licht, Luft, Bewegung und der Betrachter, die das Spiel der 4000 aufgefädelten Papierstreifen in eine Kinetik des Raumes verwandeln. Das Phantastische dabei ist: Es kommen unglaublich viele Farben zustande, von rötlich über rosa bis hin zu Grau- und Blautönen, die das monochrome Weiß, industriell hergestellt, aber per Hand von Danuta Karsten in Streifen geschnitten, beleben. Bedeutet: Mit jedem Öffnen der Tür zieht ein Luftzug durch den Raum, der je nach Wetterlage und Windrichtung eine unterschiedliche Farb-Licht-Dynamik der wie Wimpel oder Seismographen reagierenden Papierstreifen auslöst.“

Wind, Wimpel, Klima - jetzt wird klar, wo der subtile Bezug des „Luftfeldes“ zur Grünen Hauptstadt Europas liegt. Da sage noch einer, abstrakte Kunst schwebe über allem. Oder die „Neue Galerie“ der VHS Essen sei abgehoben, Marke: kompliziertes Glasperlenspiel für Eingeweihte.

Richtig ist: Viele VHSler, die nicht unbedingt Museumsgänger sind, gehen Kunst im Essener Kubus gucken. Manchmal eher en passant. Oft aber auch bewusst, intensiv. Mit oder ohne Kopftuch, jung oder alt, Frau, Mann oder Kind. Die VHS ist ein interkulturelles Forum, der zeitgenössische Agora-Marktplatz ein Treff für Dialog und Vernetzung.

Allen voran hat das die Künstlerschaft erkannt. Man schätzt das Arbeiten vor Ort frei von kommerziellen Gesichtspunkten, kuratorisch betreut am spannenden Ort einer gläsernen Halle, die so ihre Tücken hat: Spiegelung unendlich und überall, Späher von allen Seiten. Wer den White Cube liebt, ist am kommunikativen Platz verloren. Supernerds der Raumkunst dagegen lieben ihn.

Bedeutet: Die Visitenkarte der VHS-Galerie leuchtet mächtig. „Inzwischen kommen Künstler auf Empfehlung anderer Künstler, aber eigen-initiative Bewerbungen sind nicht ausgeschlossen“, sagt Ariane Hackstein. Und ist dabei ein bisschen stolz.

Was ja auch angebracht ist, wenn man es schafft zu überzeugen, dass bei der VHS Essen die Musik für Kunst längst schon spielt.

Bei der VHS spielt die Musik