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3. April 2018 - von Claudia Posca

Beach closed

Recklinghausen

Als es passierte, ging es durch Mark und Bein: trashy-trockene Obertöne, kurzer Sustaine. Womit die Länge des Ausklingens gemeint ist, nachdem der Schlagzeuger das Splash-Becken angeschlagen hat. Nur, dass der Drummer in diesem Fall gestolpert war: Kawumm und Schreck. Ergibt in der Summe: Dark Crash Sound. Was ein kleiner Schritt daneben war, aber einen großen fürs Programm bedeutete.

Jedenfalls kam so die Recklinghäuser Ausstellung des Maler-Musikers Markus Willeke zu ihrem Namen: „Dark Crash Sound.“ Ein Titel, über den übrigens auch ich gestolpert bin, weshalb Sie jetzt drüber lesen.

Hinter dem markanten Motto steckt markante Malerei. Mit einer Prise Abgrund. Dazu später mehr.

Von wegen aber: Die Malerei ist tot.

Diese hier ist quicklebendig, stammt von einem 1971 in Recklinghausen geborenen Künstler, der heute in Berlin lebt, an Münsters Kunstakademie studierte und seine erste museale Ausstellung derzeit im Ruhrgebiet in der Kunsthalle Recklinghausen hat. Finissage ist am 8. April ab 11 Uhr. Danach bleibt`s ein Rätsel, ob das Heck eines Autos auf einen zurollt oder nicht. Eine ganze Serie hat Markus Willeke dem ´Fahrzeug von hinten` gewidmet.

Über den Recklinghäuser in Recklinghausen steht geschrieben: „Markus Willeke ist vor allem Maler. Seine Motive spiegeln die Macht medialer Bilder und den kulturellen Einfluss Amerikas auf die Symbolik unseres Alltags. So greift er immer wieder die Unholde des Horrorgenres auf, malt bizarre Zeichentrickfiguren und tätowierte Körper. Genauso faszinieren ihn Szenarien, in denen sich Kriminalität und Verbrechen widerzuspiegeln scheinen, die geheimnisvolle Lichterwelt nächtlicher Städte oder Fast-Food-Restaurants und Schulbusse, deren hermetischen Abbildern man augenblicklich misstraut.“

Spuren statt Fakten? Fake-Pictures an der Wand? Abbilder, die keine sind?

Von beispielsweise einer Achterbahn, die zwar der begehbaren Landmarke der 20 Meter hohen Großskulptur „Tiger & Turtle – Magic Mountain“ auf der Heinrich-Hildebrand-Höhe in Duisburg-Angerhausen ähnelt, in Wirklichkeit aber ein gemaltes Standbild aus einem Kinofilm ist, gebannt auf Leinwand von einem Maler, der „vor allem Maler ist.“ Und der die Malerei mit den Mitteln der Malerei - um der Malerei willen - thematisiert, dabei Bilder malt, die Abbilder vorgeben zu sein, aber eben diese, der Malerei wegen, nicht sind. Was aber im Falle der Achterbahn vielleicht sogar doch, aus der Ferne, eine malerische Erinnerung des Wahl-Berliners an die alte Heimat gibt.

Verwirrt?

Die Verwirbelungen haben Konzept. Technisch raffinierte noch dazu. Flott, flotter, schnell gemalt sieht das aus, hat realistische Züge, zentriert das Bildmotiv mittig, blendet Umgebung und Details aus, ist Oberfläche durch und durch – eine Hommage an die zweidimensionale Kunst. 

„Das ist fast schon plakativ. Der Betrachter kann nicht ins Bild eintauchen. Das Augenmerk wird auf das gelenkt, was mich am meisten interessiert: wie das Bild gemacht ist, was die Malerei an sich ist.“

Markus Willeke ist ein Maler, der vom Malen von Oberflächen spricht. Obwohl oder gerade weil er für seine Bilder mit der Kamera auf Motivsuche geht, um nach der Identität und den Grenzen von Malerei zu fragen.

Die Schüler der Recklinghäuser Kunsthallenbande sehen das so: „Sind das Fotos oder Malereien? Ein Künstler, der erst Sachen sieht und davon begeistert ist, sie dann kauft, kaputt macht, fotografiert und schließlich mit einem Pinsel malt.“

Tatsächlich manipuliert Markus Willeke das, was ihn reizt: Kinofilmszenen, Plattencover, Tattoos, Comics, Werbung, Plastiktüten, Fensterscheiben.

Ade Realismus, Welcome Malerei sozusagen.

Die Plastiktüten-Portraitserie etwa entstand, weil Faltenwurf und Lichtreflex faszinierten. Und weil sich mit einer brennenden Plastiktüte ein vereitelter Terroranschlag in London im letzten Jahr verband.

Das ist natürlich nicht zu sehen, lauert aber, wenn man`s weiß, im Hintergrund. „Es ist ein Code, den Künstler und Betrachter miteinander teilen können - aber nicht müssen“, schreibt Thomas Niemeyer im Katalog.

Bleibt noch die Frage: warum Markus Willeke das Großformat bevorzugt?

„Weil es eine Herausforderung ist. Das malt man nicht jeden Tag. Da muss der Tag schon gut anfangen, alles muss stimmen, bevor ich mich ins ´Chaos` begebe. Das ist auch eine körperliche Anstrengung“, sagt ein Künstler, der vereinzelt Fußspuren im Bild hinterlässt. Weil er nah dran mitten im Bild arbeitet, das auf dem Boden liegt.

Wenn Markus Willeke erzählt, ist es fast so, als würde man ihm beim Malen über die Schulter gucken. Ich kann kaum glauben, dass diese Riesenformate von bis zu 5 Metern Kantenlänge in kurzer Zeit entstehen.

„Das ist eine Nass-in-Nass-Malerei in Öl. Die Offenheit der Farbe, - wie sie verstreichbar ist, wie sie ineinander fließt -, dieses Potential ist selbst bei der Ölfarbe zeitlich begrenzt. Man hat maximal 24 Stunden. In diesem Zeitraum bewege ich mich. Insofern bin ich ein Schnellmaler. Allerdings ist da schon vieles lange im Voraus geplant. Das Bild selbst, die Malerei wird in einem Rutsch realisiert.“

Und die Motive?

Sein Wuppertaler Galerist Rolf Hengesbach sieht sie „aus der europäischen Jugendkultur der Achtziger und Neunziger hervorgehen. (…) Willeke schafft in der physischen Direktheit und in dem Ungestümen seiner Malerei einen Gegenpol zur amerikanischen Pop-Art. Seine Bilder nähren sich nicht von den graphischen Rastern der großen Billboards, der Werbetafeln oder des Comic, sondern von einem gestischen Pinselschwung, der eher der Impulsivität des Graffiti und der Streetart entlehnt ist.“

Stimmt. Schön zu sehen etwa beim Blick auf die malerische Imitation einer Totenkopf-Quadriga als figürlicher Fingermalerei auf beschlagener Scheibe – selbstverständlich auch die gemalt. Was ja ursprünglichstes Graffiti ist: Fenster anhauchen, Finger zücken, Bilder malen. Als Kind hab ich`s geliebt.

Doch Vorsicht! So harmlos sind Willeke-Bilder nicht. „Selbst scheinbar unverdächtige Motive werden zu Boten unvorhersehbarer Ereignisse, die den Betrachter in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen“ schreibt die Berliner Galerie Rasche Ripken.

Nicht ohne Grund: Oder gucken Sie etwa ohne Grusel in leere Kapuzen, aus denen heraus starrt, was nicht da ist? 

Genau so etwas hängt in Recklinghausen an der Wand. Sogar exklusiv. Die Galerie bunter Hoodies ist so frisch, dass der Atelierduft nasser Ölfarbe durchs Kunsthallenhaus zieht.

„Ich bin mit amerikanischen Filmen aufgewachsen. Das hat mich geprägt“ seziert der passionierte Kinogänger seine Kunstgeschichten. Die auf Online-Portalen gefundenen, jüngsten Anorak-Motive wurden von der US-amerikanischen Animationsserie „South Park“ inspiriert, in der einer der Hauptprotagonisten, Kenneth „Kenny“ McCormick, einen orangenen Parka mit über den Kopf gezogener Riesenkapuze trägt und eine Zeitlang in jeder Folge stirbt, um bei der nächsten wieder mit dabei zu sein.

Schwarzer Humor? Böse Satire? „Beach closed“? Wie`s auf der gemalten Bretterwand steht?

Da ist es wieder: dieses Raunen von Dark Crash Sound. Ohne Möglichkeit es zu packen. 

Beach closed