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17. Juli 2018 - von Claudia Posca

BBB sind schön

Duisburg

Da stimmt doch was nicht? Drei Bs statt magischer zwei. Sie wissen schon: BB für Brigitte Bardot. Aber BBB? Wie Sie, bin ich drüber gestolpert. Allerdings: BB und BBB haben etwas gemein. Beide katapultieren uns in die Wirtschaftswunderjahre.

Wie das geht, geht so: 2018 ist Weltkulturerbejahr, großes Kino also für historische Baukultur. Weil „diese Zeugnisse Inspiration für eine gemeinsame Zukunft sein können“. Was, ganz klar, eine Horizontverschiebung ist. Die Nachkriegsmoderne auf dem Laufsteg? Der Blickwinkel ist neu. Die Wertschätzung auch. Wir sehen die Historie Geschichte schreiben.

Nur, - wer kann sich sowas vorstellen, wenn kaum wer was davon weiß? Tatsächlich leben wir mitten drin im Weltkulturerbejahr! Wusste ich das? Wissen Sie`s? Da kommt das Projekt BBB gerade recht. BB dagegen ist raus.

Denn nur für die drei Bs hat die Europäische Kommission, koordiniert durch die Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Kooperation mit der Landesinitiative StadtBauKultur NRW und der Technischen Universität Dortmund (Fakultät Raumplanung, Fachgebiet Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung) einen Award ins Leben gerufen: And the winner is: Big Beautiful Buildings. Die drei Bs vor Ort, nebenan ums Eck in Ihrer Stadt, in meinem Städtchen, zeichnen besondere Architekturen aus. Es ist ein Ehrenpreis.

„Warum, weshalb, wozu, wer denn zählt zum erlauchten Kreis der BBB?“ Meine Kollegin ist neugierig geworden. 

Deshalb Grundsätzliches zuerst. BBB leben unter uns, sind Schulen, Unis, Rathäuser, Kirchen, Kaufhäuser, Wohnsiedlungen. Oft sind sie experimentell in Tektonik, Material, Struktur. Damals, als sie zwischen 1950 und `70 erbaut wurden, sollten sie eine bessere Zukunft aufbauen: Neues Leben, neues Bauen. „Nun sind sie das Erbe der Vergangenheit. Es ist an der Zeit, dass wir dieses Erbe annehmen!“ wirbt die augenöffnende Unternehmung fürs Sichten. Sensibilisierung ist angesagt.

Später werde ich von Prof. Dr. Thorsten Scheer erfahren, dass die Nachkriegsmoderne „eher als Teil einer ungeliebten Gegenwart erscheint (…) Der Mangel an Beurteilungskriterien für die Begründung einer Unterschutzstellung macht nachdrücklich deutlich, dass sich die Bauten dieser Zeit den bestehenden Maßstäben, nach denen etwa Barockkirchen und -Schlösser oder Renaissance-Rathäuser beurteilt werden, entziehen. Jenes Instrumentarium scheint die Eigenschaften der Nachkriegsarchitektur kaum angemessen zu erfassen. Und man muss anmerken, dass meine Profession, die Kunstgeschichte, bisher entschieden zu wenig zu der Lösung des Problems beigetragen hat.“

Das Big-Beautiful-Building-Projekt arbeitet dran, es zu ändern: Wo welche BBB historisch beispielhafte Baukultur verkörpern, soll lokal, international aufgespürt werden. Das Motto: BBB auf die Bühne! Analog, digital, vernetzt.

Um ´The big Three Bs` im Alltag hervorzuheben, gibt`s ein großes, weithin sichtbares Label dreier ineinander-übereinander geblendeter Initialen auf die Fassade. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, kurz MIR genannt, hat schon eins. Jetzt ziert das Label seit Juli 2018 auch das Duisburger Lehmbruck Museum. Gratulation dazu! „Geben Sie gut drauf acht.“ Festredner Prof. Dr. Thorsten Scheer liegen Häuser wie dieses, aber auch die weniger prominente Nachkriegsmoderne am Herzen. 

Weit mehr als zeitlos sei der einzigartige Museumsbau, den der Sohn des berühmten Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), Manfred Lehmbruck (1913-1992), in Gestalt einer großen Glashalle und des Lehmbruck-Traktes mit den grandios geschwungenen Betonwänden 1964 seinem Vater zur Ehre gezaubert hat. Und so herrsche „keine Zeitlosigkeit, die dieser Architektur bis heute immer wieder unterstellt wird“, sondern „es ist gerade die Zeitgebundenheit“, die das Lehmbruck-Museum und viele andere BBB auszeichnet. „Die auf abstrakten Beziehungen basierende Wirkungsmacht der Nachkriegsmoderne ist in ihrer gesellschaftlichen Dimension nur verständlich aus der Gegenüberstellung zu den baulichen Idealen des tausendjährigen Reiches. Sie bietet dagegen das Bild einer Gesellschaft, die um den Ausdruck von Offenheit, Anschlussfähigkeit und humanistischen Werten im Allgemeinen bemüht ist.“

„Wow, der hat aber genau geguckt. Eine interessante These! Es geht also um eine architekturgewordene Gesellschaftsvision.“

Stimmt. Und die ist verknüpft mit einer Wirkungsgeschichte, darin Materialität und Ästhetisierung bis hin zur Veredelung der Form eine Rolle spielen. 

Einer, der das ganz groß schrieb, ist der aus Aachen stammende Architekt Mies van der Rohe (1886-1969), der im nächsten Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Unter dem Postulat „weniger ist mehr“ favorisierte er einst als Architekt des Minimalismus eine konstruktive Logik und räumliche Freiheit. Haus Lange/Haus Esters (1927-1930) in Krefeld etwa, gehen auf sein Konto, die berühmte Neue Nationalgalerie (1967) in Berlin. 

Die Nachkriegsmoderne der 1960er/70er Jahre blieb nicht unbeeinflusst, machte Eigenes draus: Big Beautiful Buildings. Ich bin gespannt, welche Bauten zukünftig noch das Ehren-Label erhalten.

„Genau. Schließlich hat das Revier eine Menge zu bieten: Marl könnte eine Fundgrube sein. Oder die Ruhr-Uni, das Heinz-Hilpert-Theater Lünen, das Schauspielhaus Bochum.“

Tatsächlich steht, obwohl BBB europäisch ausgerichtet ist, es im Herbst 2018 einen internationalen Kongress auf den Spuren der Nachkriegsmoderne rund um deren Werte und Utopien geben wird, die Metropole Ruhr obenan auf dem Programm. Ich zitier mal aus der Infobroschüre: „Denn wie kaum eine andere Region ist das Ruhrgebiet durch Gebäude und Siedlungsstrukturen der Nachkriegszeit geprägt. Seine unentdeckten Bauwerke und die „Alltagsbegleiter“, die die Bewohner des Ruhrgebiets täglich sehen und nun aus einem neuen Blickwinkel entdecken können, laden dazu ein, die Architektur des Wirtschaftswunders neu zu entdecken.“ Kannste auch als Download auf https://bigbeautifulbuildings.de/ueber/broschuere nachlesen.

Und es gibt weiteres Besonderes. Auf das wär` ich, trotz Festrede, gar nicht gekommen: „Mit diesem Themenjahr fordert die Europäische Kommission auf, dazu beizutragen, Europa den Europäern wieder ein Stück näher zu bringen. (…) Unser Motto: SHARING HERITAGE“,- was so viel heißt, wie das gemeinsame Erbe entdecken, um jenseits der eigenen Kultur anschlussfähig zu sein.

Jetzt guckt meine Kollegin perplex: Big Beautiful Buildings sind nicht nur schön, sondern schön europäisch?

Lass Dir vorlesen: „Im Fokus des Kulturerbejahres steht das Gemeinschaftliche und Verbindende Europäischer Kultur. Wo erkennen wir das europäische Erbe in unseren Städten, Dörfern und Kulturlandschaften wieder? Was verbindet uns? Was wollen wir verändern? Was können wir lernen? Was entdecken wir neu und überrascht uns? Wir möchten das Bewusstsein für dieses reichhaltige Erbe fördern und die Bereitschaft zu seiner Bewahrung wecken“, steht`s auf https://sharingheritage.de/kulturerbejahr/ notiert. Klingt nach feinstem Nachdenken in die Zukunft.

Womit klar ist: Sexy Schönheit ist nicht limitiert. Die neuen Stilikonen heißen BBB. Europaweit.


Abbildungen:
[1] Foto: Bernd Kirtz © Lehmbruck Museum
[2] Geschäftsführer der Landesinitiative StadtBauKultur NRW Tim Rieniets mit der Museumsdirektorin Dr. Söke Dinkla © Lehmbruck Museum

Lesen Sie mehr unter:
https://bigbeautifulbuildings.de/
https://sharingheritage.de

 

BBB sind schön