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22. Januar 2019 - von Claudia Posca

Auszug, Umzug, Einzug

Mülheim an der Ruhr

Das passt zum Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019: eine aufgelöste Wandfläche, eine große Fensterfront und drinnen ein Raumvolumen, behutsam gestaltet durch wenige eingezogene Wände. Jaja, man guckt, egal wo, schon jetzt Bauhaus. Das umfangreiche Medien-Info-Briefing wirkt. Aber Bauhaus in Mülheim an der Ruhr mitten in der City auf der unteren Schlossstraße? Hab` ich mich verguckt?

Das passt zum Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019: eine aufgelöste Wandfläche, eine große Fensterfront und drinnen ein Raumvolumen, behutsam gestaltet durch wenige eingezogene Wände. Jaja, man guckt, egal wo, schon jetzt Bauhaus. Das umfangreiche Medien-Info-Briefing wirkt. Aber Bauhaus in Mülheim an der Ruhr mitten in der City auf der unteren Schlossstraße? Hab` ich mich verguckt?

Sagen wir mal so: Ich habe assoziativ selektiv fokussiert. Und dabei stimmt, dass hinter der bodentiefen Fensterfassade ein knisterndes Experiment Fahrt aufnimmt. Voilà: Sie gucken mit mir durch eine gläserne Front rein ins KUNSTMUSEUM TEMPORÄR. Was eine jüngst in einem ehemaligen WMF-Geschäftslokal  gegründete Dependance des Kunstmuseums-Stammhauses in der Alten Post ist, das derzeit und für mindestens zwei Jahre auf den neuesten Stand von Heiz- und Klimatechnik saniert wird, und also für die Öffentlichkeit geschlossen ist. 

Klappe zu, Affe tot? Und dann? Sollte das Kunstmuseum Mülheim, eines von zwanzig RuhrKunstMuseen, tatsächlich für geraume Zeit in der Senke verschwinden, um dereinst - 24 Monate können verdammt lang sein! - als frisch getünchter Phönix wieder aufzusteigen? Da macht man sich Gedanken. Denn das griffige ´ich bin dann mal weg` kann schnell bedeuten: Futsch ist futsch. Weil oft stimmt: aus den Augen, aus dem Sinn. Und sowas wünscht keiner einem Kunstmuseum, noch dazu einem ältesten des Reviers! 

1909 wurde das Mülheimer Kunstmuseum aus der Privatsammlung des Heimatforschers Robert Rheinen (1844-1920) heraus gegründet, ab 1922 setzte der erste hauptamtliche Museumsdirektor Werner Kruse den Akzent auf Ausstellungen der Gegenwart. „Von den Rückschlägen durch die Beschlagnahmung ‚entarteter‘ Kunstwerke konnte sich das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr erst 1970 wieder erholen als es in einem eigenen Gebäude unterkam“ heißt es auf www.ruhrtourismus.de.Heute beherbergt das seit 1994 im denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Hauptpost am Synagogenplatz beheimatete Museum Kunstschätze auf Weltniveau: Hochkarätiges aus der Expressionisten-Sammlung Ziegler und eine der größten Heinrich-Zille-Kollektionen außerhalb Berlins.

Nur, wohin mit den Juwelen, wenn`s staubt und ungemütlich wird? 

„Ganz einfach“, Museumschefin Dr. Beate Reese lacht, „die Sammlung Ziegler geht auf Tournee.“ Halle und Emden heißen die Stationen. Was nicht auf Reisen geht, wird eingelagert. „Aber es stimmt schon, zwei Jahre, vielleicht bei Bauverzögerung noch länger, aus dem Stadtbild verschwinden? Das wollte ich auf keinen Fall.“

Ausstellung "Im Fokus: Kunst im Öffentlichen Raum" im Museum Temporär in Mülheim an der Ruhr, ©2019 Claudia Posca. Und genau deshalb sitzen wir zusammen in der aktuellen Ausstellung des MUSEUM TEMPORÄR, das im Untergeschoss des Hotels Noy, Hausnummer 28-30 auf der Mülheimer Schlossstraße, Interimsquartier bezogen hat. „Kunst im öffentlichen Raum“ hängt fotodokumentiert von Ralf Raßloff (*1965 Mülheim a.d. Ruhr) und Walter Schernstein (*1956 Mülheim a.d. Ruhr) an den Wänden des jungen, nun ja, nicht wirklich bauhausähnlichen Galerieambientes. Bemerkenswert finde ich trotzdem den längsgezogenen hellen Raum mit dem Museumsshop im Entreebereich und dem Dialog zwischen Drinnen und Draußen. City-nah, anti-museal, Hemmschwellen-niedrig kommt das Gesamtpaket rüber. Passend schaut ein Passant herein, Laufkundschaft: „Wollte mal sehen, was hier abgeht.“ Dabei ist es 11 Uhr morgens an einem Werktag, Pressekonferenz-Zeit. Es wird über „Abgänge“ geredet, wie das Entsorgen, wie die Zerstörung von Public Art im Amtsdeutsch heißt. Sogar eine Architektur des britischen Star-Architekten Norman Foster riss man in Mülheim ab. Auf dem Welterbe Zeche Zollverein in Essen hat der Mann das Red Dot Design Museum gebaut. Nur mal so angemerkt. Unglaublich eigentlich. Aber Fotos lügen nicht, diese hier jedenfalls nicht. Weiteres Spannendes aus dem Mülheimer Nähkästchen der Geschichte ist zu erfahren. Dass die Stadt mit der Schließung des Bergwerks Rosenblumendelle 1966 zur ersten bergbaufreien City im Revier wurde etwa. Und wie sich der Umbau Mülheims zur Handels- und Einkaufsstadt gestaltete. Und was das mit dem öffentlichen Raum, mit der Kunst darin machte. Den Bogen sieht man bis hin zum 2003 gestarteten „Ruhrbania“-Stadtentwicklungsprojekt gespannt. Was eine gute Vorbereitung für die im März startenden StadtKunstTouren ist, wo nah dran zu erfahren sein wird, wie Kunst und Bauwesen das Gesicht Mülheims prägen. 

Schon guckt wieder jemand durchs Schaufenster. „Ja, das MUSEUM TEMPORÄR wird inzwischen richtig gut angenommen.“  Ausstellung "Im Fokus: Kunst im Öffentlichen Raum" im Museum Temporär in Mülheim an der Ruhr, ©2019 Claudia Posca.

Die Sache hat Konzept. Aus der Not eine Tugend machen: ausziehen, umziehen, einziehen - Beate Reese setzt die Vision eines ambitionierten Museums en Miniatur mit Herzblut um. Um die 250 Quadratmeter groß ist das neue Ausstellungsforum, hat Lagerräume für den Museumsshop, für Bilderrahmen und die museumspädagogischen Utensilien, wird als Meeting-Point des Mülheimer Kunstvereins und des Förderkreises genutzt. In dieser Woche noch, am 24.1., findet hier der Neujahrsempfang des Kunstvereins statt, es folgt die Mitgliederversammlung des Förderkreises. „Aber dies ist darüber hinaus ein Ort, wo ich die Chance für Experimente sehe. In einem Museum hat man immer eine große Verantwortung für die Sammlung. Im MUSEUM TEMPORÄR lassen sich neue Wege ausprobieren.“ Das heißt was? „Zum Beispiel können Künstler hier weitaus zwangloser raumbezogen arbeiten. Und: Mit dem TEMPORÄREN MUSEUM haben die Leute eine Anlaufstelle, wissen, wo das Museum während der Umbauphase, wenn auch gewissermaßen reduziert, zu finden ist. Umgekehrt können wir das Publikum unmittelbar informieren, zeitnah, vor Ort. Auch darüber, was mit und im Hauptgebäude passiert. Da muss man nicht groß recherchieren, sondern kommt kurz mal vorbei. Gut möglich, dass wir darüber sogar neue Kunstfreunde gewinnen. Also: Das TEMPORÄRE MUSEUM ist im Grunde eine Standortverschiebung mit der Chance für die eigene Sache, für Kunst und Museum einzutreten. Minimal gedreht, mit hoffentlich maximaler Wirkung.“ 

Ich finde das ist eine schlaue Idee. Schlank und gleichzeitig opulent. 

Ausstellung "Im Fokus: Kunst im Öffentlichen Raum" im Museum Temporär in Mülheim an der Ruhr, ©2019 Claudia Posca. Ob das TEMPORÄRE MUSEUM eine bleibende Außenstelle des Kunstmuseums Mülheim wird? „Das ist Wunschdenken. Sein könnte natürlich alles. Derzeit schauen wir erst einmal, wie das Projekt auf Dauer angenommen wird. Alles andere wird man zu gegebener Zeit überlegen müssen.“ Also keine feste Planung nach 2020? „Nein, das ist nicht angedacht. Das MUSEUM TEMPORÄR ist als zeitlimitierte Dependance konzipiert. Denn natürlich birgt das Ganze auch ein Risiko. Schließlich ist eine Miete, entsprechend der Preise hier in der Stadt, zu entrichten. Es ist ein großes Ladenlokal. Gottseidank unterstützt uns der Förderkreis. Außerdem ist die untere Schlossstraße nicht wirklich gut frequentiert. Aber die Räumlichkeiten sprechen für sich. Und wir wollten ein Zeichen in der Stadt setzen, zeigen, dass in Mülheim was passiert. Schon jetzt sehen wir, dass ein anderes Publikum kommt. Viel mehr Mülheimer schauen vorbei. Warten wir mal ab, wie sich das weiter entwickelt. Ich bin da guter Dinge“ sagt`s eine Museumschefin, die das Kunstmuseum Mülheim seit 2009 splendid voran gebracht hat, den freien Fall der Besucherzahlen stoppte, um rund 10.000 Museumsbesucher (2017) steigerte. 

Wenn das mal keine gute Prognose fürs MUSEUM TEMPORÄR ist! Und Ihnen und mir die reizvolle Einladung beschert, am 7. Februar um 18 Uhr an der Podiumsdiskussion über den Stand der Kunst im öffentlichen Raum Mülheims und darüber hinaus teilzunehmen.

 Wo? Na ist doch ganz klar: Man sieht sich im MUSEUM TEMPORÄR!

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