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10. Juli 2018 - von Claudia Posca

Auf Kohle inszeniert

Recklinghausen

Gibt`s das? Ein Mythos, der Wirklichkeit ist? Obwohl doch gemeinhin zwischen dem Phantastischen und der Realität ein "Und", ein "Oder" liegen? Ja, richtig. Aber. Es gibt Ausnahmen. Von der Regel. Und sowieso und überhaupt im quirligen Klein-New-York-Metropolrevier zwischen Emscher und Ruhr. „Geht nicht, gibbet nicht.“ Der Ruhri im Allgemeinen, vor allem aber der im Besonderen packt an. Das zählt zum Mythos dazu.

Worauf ich hinaus will?

„Auf den grünen Hügel“. Was Recklinghausens Ruhrfestspielstätte im Stadtgarten ist, wo Jahr für Jahr, jetzt zum zweiundsiebzigsten Mal, jener im Nachkriegsdeutschland wurzelnde, quicklebendige Revier-Mythos wirkt.

Auf Kohle inszeniert ist er, „Kohle für Kunst“ liegt ihm als legendäre Historie zugrunde. Ein hochgeachtetes Theaterfestival „auf dem grünen Hügel“ kam heraus: die Ruhrfestspiele. Alljährlich erinnern sie jenen eiskalten Winter 1946/47, als Hamburger Schauspieler auf zwei Holzgasbetriebenen Lastern durchs Ruhrgebiet zogen, um Heizkohle zu ergattern. Von der A2 aus sah man die Schlote einer Zeche in Recklinghausen qualmen. Das versprach Rettung. Die Geschichte schrieb einen Mythos.

Wie Wirklichkeit draus wurde, steht auf www.geschichte.nrw.de/chronik nachzulesen:

„Der Verwaltungschef der Bühne rumpelt persönlich mit einer LKW-Kolonne durchs Ruhrgebiet. Vergeblich: Legal ist kein Brikett zu bekommen. Doch die Kumpel der Zeche „König Ludwig 4/5“ in Recklinghausen spendieren – ohne Wissen der Besatzungsmächte – eine größere Ladung, und in Hamburg läuft der Theaterbetrieb weiter. Als Dank gastieren drei Hamburger Bühnen vom 28. Juni bis zum 2. Juli 1947 in Recklinghausen. Die Bevölkerung nimmt das Dankeschön begeistert an: „Kohle für Kunst – Kunst für Kohle!“  Aus illegaler Aktion wurde großes Theater.

Bis heute lebt der Mythos, ist die Basis fürs Recklinghäuser Theaterfestival von internationalem Renommee. Stets im Mai erfindet es sich neu, seit 2004 mit beeindruckend steigenden Zahlen. „Heimat“ stand vor sechs Wochen als Themen-Schwergewicht auf dem Programm. Ein Jahr davor hieß das Motto „Kopfüber Weltunter“, 2016 fragte man „Mittelmeer – Mare nostrum?“ Die Ruhrfestspiele sind politisch auf neuestem Stand. Grandiose über 83.000 Besucher hat`s 2018 beschert. In nur sieben Wochen! Das lässt sich sehen. Auch wenn Zahlen nicht alles sind: Selbst ein Mythos wird dran gemessen.

Die verlorene Oper. Ruhrepos, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Staatsschauspiel Hannover Bild v.l.n.r: Katja Gaudard, Mathias Max Herrmann, Maximilian Grünewald, Aljoscha Stadelmann Foto: (c) Katrin Ribbe

Außerdem: Großes Publikum wollte man schon in schwieriger Nachkriegszeit fürs Theaterspiel begeistern. Sagenhafte Sätze sprach der damalige Hamburger Bürgermeister Max Brauer 1947 von der Förderbrücke runter zur Zechenbelegschaft: „Ich kann mir eine andere und neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele nicht nur für Literaten und Auserwählte, sondern Festspiele inmitten der Stätten harter Arbeit. Ja, Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen.“

Heute erinnert in Hamburg vor dem Gewerkschaftshaus eine halbe Seilscheibe aus dem Bergbau ans legendäre „Kohle-für-Kunst“-Tauschgeschäft. Was für eine Geschichte! ´Auf Kohle geboren` macht stolz. Rund 30 Prozentsatz Ruhrfestspielfans beziehen ihre Eintrittskarten über eine DGB-Mitgliedschaft.

„Eine Besonderheit des Festivals liegt sicher darin begründet, dass es nicht „von oben“, also von einer höheren Instanz oder Institution oktroyiert wurde, sondern vielmehr „von unten“ geschaffen wurde, hervorgegangen aus einer einzigartigen Allianz. Das Festival hat sich stets mit seiner Geschichte und der engen Verbindung zum Kohlebergbau identifiziert. Seine Heimat war und ist das Ruhrgebiet“, packt Dr. Werner Müller, Vorsitzender des Vorstands der RAG-Stiftung bis Mai 2018, die Seele des Mythos beim Schopf.

Was bedeutet: Die Ruhrfestspiele sind die Ruhrfestspiele. Basta. Seit 1950 sogar mit eigener Kunstausstellung.

uhrfestspielhaus Recklinghausen,©Torsten Janfeld

Die wird parallel im Kunsthallen-Bunker, Große-Perdekamp-Straße, Nähe Hbf Recklinghausen, gezeigt. In diesem Jahr sind die Zwillingsbrüder Gerd & Uwe Tobias mit einer assoziativen Drei-Etagen-Gesamtkunstwerksinstallation zu Gast. Die Schutzpatronin der Bergleute, die Hlg. Barbara, spielt eine Rolle. Die inhaltliche Klammer zu den Ruhrfestspielen: „2018 endet die Steinkohleförderung und damit eine für die deutsche Geschichte der letzten 150 Jahre prägende Epoche. Der Kohleausstieg veranlasste die RuhrKunstMuseen städteübergreifend das größte je zum Thema „Kunst & Kohle“ realisierte Ausstellungsprojekt umzusetzen. Damit kehrt auch die diesjährige Kunstausstellung der Ruhrfestspiele zum Ursprung des Festivals zurück.“  

Da habe noch einer Zweifel, dass nicht alles mit allem zusammenhängt. Was übrigens auch so ein Mythos von Wirklichkeit ist.

Jedenfalls steckte vor Kurzem ein dickes Buch handlichen Formats, unter DIN A4-groß, 303 Seiten schwer, in meinem Briefkasten. „A world stage“ stand drauf. „Auf Kohle geboren“ auch. Drin blätterten sich 14 Jahre Ruhrfestspiele unter der Intendanz des aus Luxemburg stammenden Regisseurs Frank Hoffmann auf, der in diesem Jahr auf eigenen Wunsch die Recklinghäuser Bühne verlässt, nachdem er ihr mit 85,8 Prozent Besucher-Auslastung das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der Ruhrfestspiele gezaubert hat. 

Für 2018 sind das im Detail 107 Produktionen in 305 Aufführungen an 18 Spielstätten, darunter zwölf Uraufführungen, eine Europapremiere, eine deutschsprachige Erstaufführung, sechs Deutschlandpremieren und  26 FRiNGE-Produktionen (engl. Randbereich) , - neben dem traditionellen Kulturvolksfest am 1. Mai, das rund 70.000 Menschen besucht haben. Chapeau dafür! Auch ein Mythos braucht Zahlen. Zumal es andere Zeiten gab, 2004, als unter Hoffmanns Vorgänger Frank Castorf die Statistik in den Keller gerutscht war, den Ruhrfestspielen ein finanzielles Aus drohte.

Dr. Frank Hoffmann, Festspielleiter Ruhrfestspiele, Recklinghausen GmbH, ©Ruhrfestspiele

Frank Hoffmann aber hat gut kalkuliert, Glanz und volle Häuser sind mit seiner Ära verbunden. Internationalisierte Ruhrfestspiele, exzellente Koproduktionen auch. „Qualität für alle“ lautete sein Konzept. Was ein „Theater der Gegenwart“ war (Ulrich Khuon, Indendant Centraltheater und Skala Leipzig) und dem großen Schiller-Bewunderer Hoffmann auch bedeutete, populäre Blockbuster-Größen aus Hollywood ins Revier zu holen. Für ein schillerndes Recklingwood, für Weltoffenheit mit internationalen Stars. Das aber ist eine andere Geschichte. Reich und wunderbar illustriert, wird sie im Bilanzbuch lobend, ehrend erzählt.

Beim Schmökern drin fand ich folgende schöne Stelle vom Theaterregisseur Sebastian Hartmann zu Frank Hoffmann notiert: „Frank, der ist bescheiden und ein ruhiger Mensch, ich glaub, recht fein und sensibel, und ich glaube, er macht, was er sagt, und kann sich erinnern und hat die Hand drauf, muss nicht laut sein, hat es einfach gemacht und gar nicht mal so schlecht!“ Das Understatement ist ein Riesenlob.

Auf der vierstündigen Abschiedsgala für den scheidenden Festivalchef setzte es sich fort: „stehende Ovationen für Minuten und ein Festival der Umarmungen.“ (Jens Dirksen, NRZ) Für einen, der die Ruhrfestspiele prächtig renoviert hat, „A World Stage“, auf Kohle inszeniert, zukunftsträchtig draus machte: „Wir sitzen hier sozusagen auf schwarzer Erde, das Herz ist schwarz und es pocht sehr heftig. Das sind die Ruhrfestspiele. Wir sind auf Kohle geboren und in die Welt hinausgegangen, haben großes Theater hierhergeholt und haben hier, im Herzen des Ruhrgebietes, großes Theater gemacht“, ist selbst ein sonst eher bescheiden auftretender Frank Hoffmann stolz. 

Aber es stimmt ja, der Mann hat dem Mythos „Kohle für Kunst – Kunst für Kohle“ Zukunft verliehen. „Dafür gebührt ihm großer Respekt, hohe Anerkennung und aufrichtiger Dank!“ (Werner Müller) 


Abbildungen: 

(1) Frank Hoffmann sagt Adieu Foto: © KRUSEBILD

(2) Die verlorene Oper. Ruhrepos, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Staatsschauspiel Hannover, Bild v.l.n.r: Katja Gaudard, Mathias Max Herrmann, Maximilian Grünewald, Aljoscha Stadelmann, © Katrin Ribbe

(3) Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, © Torsten Janfeld

(4) Dr. Frank Hoffmann, Festspielleiter Ruhrfestspiele, Recklinghausen GmbH, © Ruhrfestspiele

Auf Kohle inszeniert