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19. Januar 2017 - von Claudia Posca

Auf der Oberfläche der Stadt

Ruhrgebiet

So, jetzt ist es soweit. Ich habe gefunden, was, gefühlte Ewigkeit lang, brauchte, um gefunden zu werden: ein schlaues Buch zur schlendrigen Kunst von Urban Art, von Graffiti bis Culture Jamming, Titel: „Street Art - Die Stadt als Spielplatz – Bekleben verboten.“

Culture Jamming? „What`s that? Nie gehört.“

Dabei brodelt das Phänomen weltweit, vorzugsweise in Städten, egal ob groß oder klein.

Trotzdem weiß so ziemlich keiner genau, worum es geht. Außer, dass es etwas „mit Schrift, Comic, Bildern, manche nennen das auch Schmierereien, zu tun hat“, „unter freiem Himmel auf der Oberfläche der Städte prangt“, sich„sexy“ anhört, „cool“ oder „krass klug“ klingt.

„Aber braucht man es?“

Ich weiß es nicht. Was Culture Jamming ist, will ich trotzdem wissen, weil es durch den Äther geistert. Und falls ich Genaueres weiß, vielleicht brauche ich es dann.

Zunächst einmal aber bin ich ahnungslos unter Ahnungslosen, höre es wispern in Ecken, Nischen und Winkeln, Halböffentliches, genauso versteckt wie gut sichtbar, das sich nicht wegschubsen lässt, jedenfalls nicht in jener gewissen Zeit, bevor es übermalt, überkleistert, abgenommen oder verwittert wieder verschwindet. „Wichtig sind mir mittlerweile die Orte, an denen ich meine Plakate kleistere. Und ich will ein einigermaßen gutes Foto davon bekommen, denn ein gutes Foto ist oftmals das einzige was übrig bleibt“ sagt SEÑOR B., ein Street Artist.

Die Rede ist von Graffitis, von Urban Art, von Cut-Outs, von Roll-Ons, von Pochoir (frz. Schablone), Kreidezeichnung und Päckchen-Aufklebern auf den Oberflächen unserer Städte, allesamt mehr oder minder bildmächtige Anwendungen, um den urbanen Raum als ein allen gehörendes Medium zu nutzen. Bochum ist voll davon, Essen und Dortmund auch. Viele regen sich auf, andere sind begeistert. Street Art,  Graffiti, Mural Paining, Wall Street Journals erobern die Stadt.

Kunst oder gemeinschädliche Sachbeschädigung? Ist ein ernstes Thema.

Hier und heute aber steht davor besagtes Fund-Buch. Lesend zu lichten, was Dschungel ist, hat was. Zumindest ist es den Versuch wert, das Dickicht auf dem Feld von Makulaturpapier, Spraydose und Kreiden zu durchforsten. Zwischen Eigentums-Attacke, Social Design und Augen-Sex ist alles möglich. Kunst und Gesellschaftskritik auch.

Es war der Zufall, der mir die handliche Studie „Street Art - Die Stadt als Spielplatz - Bekleben verboten“ in die Hände spielte. Denn eigentlich wollte ich schon nach Hause, die Weltkulturerbe- Zeche „Zollverein“ in Essen hatte mich geschafft. Nur noch eben kurz im dortigen Buchladen gucken, der genauso gut auch überall woanders hätte sein können, in diesem Fall aber nun mal hier im Revier ein gutes Angebot bietet, da fand ich, was ich suchte: eine - fast - lexikalische Schrift zur Haltung dessen, was Urban Art des 21. Jahrhunderts ausmacht: „Street Art - Die Stadt als Spielwiese - Bekleben verboten.“

Herausgegeben hat das 207-Seiten-Kompendium das „Archiv der Jugendkulturen e.V.“ in Berlin, die 2. Auflage erschien 2010. Übrigens: Das „Archiv“ ist ein höchst engagierter, zum Großteil ehrenamtlich arbeitender Verein.  „großen Wert“ legt er „auf eine Kooperation mit Angehörigen der verschiedenen Jugendkulturen“ und ist daher „immer an entsprechenden Reaktionen und Materialien jeglicher Art interessiert.“ Wen junge und jüngste Ästhetik interessiert, der kommt ums Surfen auf www.jugendkulturen.de nicht drum rum.

So. Jetzt wissen Sie, woher das Nachfolgende stammt, das mit Street Art im Allgemeinen und mit Culture Jamming im Besonderen zu tun hat.

Auf Seite B. 062 (das ´B` signalisiert Kapitel B - Diskursraum) des originären Bandes steht zum schillernden Phänomen geschrieben: „Unter dem Begriff Culture Jamming werden zunächst alle Aktionen zusammengefasst, die sich in kulturelle Kommunikation als Störfaktor einmischen, um alternative, um oppositionelle Sicht- und Lesearten zu provozieren. Die Bewegung der Culture Jammers ist eine Form von Konsumkritik… Culture Jamming ist eine aus ihrer Zeit heraus geborene Bewegung, keine Vereinigung oder Organisation. Ihre Akteure sind kritisch, politisch, sie agieren lokal und punktuell. Die Aktivisten verbindet eine ähnliche Geisteshaltung. Sie vereint das gleiche Unwohlsein angesichts eines immer aggressiver werdenden kapitalistischen Systems, als Teil dessen sie sich wahrnehmen, in dem sie aber nicht einfach kritiklos funktionieren wollen. Ihre Absicht ist Irritation… Die gemeinsame Utopie ist wohl am ehesten ein mit Sinn erfülltes Leben. Culture Jamming ist Kritik mit ästhetischen Mitteln.“

Heißt: Culture Jamming ist „eine Kunstform, die sich selbst als gegen die herkömmliche Werbung gerichtet versteht“ skizziert Wikipedia. Weiter recherchiert, finde ich, dass 2005 die Cultur Jamming-Gesellschaftskritik durch das Buch von Kalle Lasn: „Culture Jamming - Die Rückeroberung der Zeichen“ in einen allgemeineren Fokus rückte.

Ästhetische Anti-Werbung wider den Werbeterror durch eine, zumeist nachts agierende, Kommunikations-Guerilla?

Dazu hat das „Archiv“-Buch Bedenkenswertes parat: „Reklame und Street Art nutzen den gleichen Raum, die gleichen Flächen für die Veröffentlichung ihrer Bilder. Dabei sind diese mehr als je zuvor umkämpft. Street-Art-Macher fragen nicht, ob man hier oder dort ein Bild anbringen kann. Sie machen es einfach. Aus der Perspektive vieler Akteure spiegelt das nur die übliche egoistische Diktion der heutigen Gesellschaft wider. Es wird ja auch niemand gefragt, ob das Anbringen der Werbung an einem Ort erwünscht ist.“

Ob Sie und ich das so schon einmal betrachtet haben?

Der Perspektivwechsel hat jedenfalls gute Gründe. Und deckt sich mit dem, was Künstler, Macher, Akteure, Aktivisten, Street Artisten - so bunt ist das Eigenbezeichnungslexikon! - fordern: „Reclaim the city!“

Das Schöne daran am Fund-Buch ist dabei: Ees lässt durch O-Ton kapieren, wie ernsthaft Culture Jamming und Street Art betrieben werden: „Der urbane Alltag versorgt einen ungefragt mit einem Overkill an Input, irgendwann schaltet man auf Stop und drückt die eigene Play-Taste. Damit sorgt man unter Umständen auch ein bisschen für seine eigene geistige Gesundheit. Mir hilft das, mich in einem relativ unabhängigen Zeichensystem zu orientieren, in dem ich mich geborgener fühle als mit all den offiziellen Codes. Die richten sich ja nicht an mich als Mensch, sondern sehen mich lediglich als Zielgruppe für ständig neue Bedürfnisse“, meint der für die Aussendung kleiner schwarzer Geister mit leuchtend roten Augen bekannte Street-Art-Künstler AEM. Materialien wie Stickerfolie und dünnste Makulaturfolie sind seine Werkstoffe.

Dass ich dennoch anders als Gould, der Berliner „Plakatierer“, wie er sich selbst nennt, durch die City laufe? Ist eine andere Geschichte.

 Aber -, was er sagt, kriecht ins Hirn: ´vogelfreie` Bilder  gegen eine zum Naturzustand gewordene Warenwelt. „Ich weiß gar nicht, was ich draußen ohne Urban Art und Writings machen sollte, also wo ich hingucken und wo ich lang laufen sollte. Wären die Wände ohne Spuren, würde ich mir in den Straßen vorkommen, als hätte ich lesen wollen, und ein Buch mit leeren Seiten aufgeschlagen.“

So tiefgründig kann es auf der Oberfläche der Stadt zugehen. Ein taffes Buch zum turbulenten Thema!

Auf der Oberfläche der Stadt