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14. März 2018 - von Claudia Posca

Arme Muse, armer Genius

Essen

Ich will kreativ sein. Sofort. Jetzt. Der Blog muss raus. Es ist schon spät. Blöd nur, dass sich Muse und Genius schleichen, je kreativer ich sein will. Das Phänomen kennen Sie? Willkommen im Club. Hier trifft sich, wer an eine bunte Lebensgestaltung glaubt. Neues, Ungewöhnliches, Andersartiges zu schaffen aber ist gar nicht ihr Ziel?

Vielleicht ist es das ja nur nicht ´auf Deubel komm raus`. Aber so ganz ohne Esprit wäre das Leben mausgrau. Zeigen Sie mir irgendjemanden, der nicht witzig, spritzig, innovativ sein will. Alle, zumindest die allermeisten wollen - und müssen wohl auch - auf die eine oder andere Art schöpferisch sein, um nicht verschnarcht rüber zu kommen.

Seien wir doch ehrlich: Es herrscht so etwas wie ein Kreativitäts-Imperativ. Inzwischen gibt es schon Life-Style-Overstressed-Opfer, weil Originalität zur sozialen Verpflichtung, zu einer gesellschaftlichen Norm geworden ist: Kreativwirtschaft, Kreativquartiere, Kreativprogramme, Kreativgärtnern, Kreativkochen, Kreativevent.

Was ein Stress! Tagaus tagein, souverän, authentisch und phantasievoll das Leben gestalten zu müssen, ist nicht immer ein inspirierendes Paradies.

„Was auch immer man macht, entweder fühlt man sich also noch nicht oder nicht genügend kreativ“, bringt es der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich auf den Punkt. Das Kreative ist hip, alles andere ist hopp. Die Inflation der Kreativität ist in vollem Gange.

Da finde ich es gut, wenn Muse und Genius beim Ranking aussteigen.

Im Internet fand ich: „Kreativität gewinnt! Ein Plädoyer für die Kreativität - denn sie ist Umsatzbringer, Kundenmotivator, Mediationswerkzeug, Ergebnislöser, Erfolgsgarant, Ideenmaschine und unendlich viel mehr.“

„KreatiVita“ nennt das ein Start-up-Plan für erfolgsorientierte Werbung.

Ist DAS kreativ?

„Ich würde, wenn ich wüsste, wie es wäre, wenn ich’s täte“, es genauer wissen. Habe ich geklaut von den Rhythmus-Poeten „Faltsch Wagoni“, was ein kabarettistisches Gesamtkunstwerkler-Duo ist. Aber ich schweife ab.

Tatsächlich habe ich im Nachgang zu einer Podiumsdiskussion des LaB K, was das Landesbüro für Bildende Kunst als ein Projekt des Kunsthaus NRW ist (Kornelimünster Aachen), und zwar im Auftrag des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW (www.labk.nrw ), eine schlaflose Nacht lang Schäfchen gezählt. Weil dieses LaB K mit dem MobiLaB, was die Mobile Akademie des Landesbüros für Bildende Kunst ist, - sehen Sie, auch diese Wortkürzel wollen nichts weiter als up-to-date-kreativ sein -, im Kunsthaus Essen zu Gast war, und ich an diesem Abend eben dort diese Veranstaltung besuchte habe.

Schuld allerdings an meinem Schlafmangel war vor allem eine diskussionsbestimmende Frage: Was ist Kreativität?

Sie haben da viele Ideen? Genau darum geht es. Keiner weiß wirklich, was Kreativität ist, aber alle denken, es zu wissen. Bis es ans Definieren geht. Nie war ein Wort wabbeliger, schwabbeliger, elastischer, fransiger.

Ich probier es mal mit einer Skizze. Kreativität ist: „eine Haltung, „eine Einstellung“, „eine Art zu sein“, „ein Muskel, der trainiert werden kann“.

Daraus folgt: Kreativität ist aktiv, schafft Neues, gestaltet Überdauerndes, löst Probleme, geht neue Wege, denkt quer, maximiert Profit, entdeckt Freiräume, ist innovativ, denkt flüssig, ist flexibel, macht „noch aus Scheiße Gold“, ist originell, imaginär, visionär. Und geht davon aus, dass frei nach Joseph Beuys „jeder Mensch ein Künstler ist.“

Oder wie es die Hamburger Psychotherapeutin Meike Parussel sagt, die Menschen hilft, ihre Kreativität wiederzufinden, wenn sie sie z. B. hinter Schreibblockaden verloren haben: „Kreativität bedeutet, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als sonst und bewusst den Ritualen im Alltag entgegenzusteuern.“

Was Künstlern, Künstlerinnen, Kreativen äußerst vertraut sein dürfte.

Gesellschaftlich akzeptiert allerdings ist genau das nur dann, wenn sich die künstlerische Arbeit in irgendeiner Weise als funktional nützlich bzw. als qualitativ und quantitativ messbar erweist.

Ranking-Methoden und Faktenkorsetts aber können Kreativität schnell ersticken. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe, die Evaluierbarkeitsansprüche lassen nicht schlafen.

„Mit dem Evaluieren biste wohl so ganz und gar nicht einverstanden? Weil, ergo dann vornehmlich nur jenes Künstlerische gefördert wird, was einer Leistungs- und Nutzenprüfung stand hält? Arme Muse. Armer Genius. Die beiden müssen einfach extrem viel lauter und vor allem präsenter im Alltag trommeln, damit sie um ihrer selbst willen Anerkennung finden.“

Da sagst Du was. Die Aufgabe: mit künstlerischer Kreativität wider den Hype ums funktional Kreative antreten -, auf dass das genuin Schöpferische, selbst wenn es scheitert, ein Zuhause in Alltag und Gesellschaft hat.“

Essens Kunsthaus-Chef Uwe Schramm hat vollkommen recht, wenn er zur Diskussion stellt:

„Die Frage ist doch die: Ist eine Gesellschaft bereit, in eine Kreativität zu investieren, bei der möglicherweise am Ende gar nichts herauskommt, die aber als schöpferisches Potential für eine gelingende Gesellschaft existentiell notwendig ist? Und: Wie lässt sich Akzeptanz etablieren für den Wert eines solchen künstlerischen Tuns an sich.“

So, jetzt haben SIE mal eine schlaflose Nacht: Schafe zählen und kreativ denken! 

Arme Muse, armer Genius