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19. September 2018 - von Claudia Posca

Apropos Katalog

Jetzt also ist es Fakt: Ende, aus, vorbei: Tschüss „Kunst & Kohle“. Vergangenen Sonntag hat die stupende Schau zum Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland Abschied gefeiert. Und man kann ruhig sagen: Famos, das Ausstellungsmammutprojekt in 17 RuhrKunstMuseen (RKM) in 13 Städten nebst opulentem Begleitprogramm erlebt zu haben. Sowas nämlich wird`s sobald nicht wieder geben. Vermutlich sogar überhaupt nie wieder, ist historischer Wandel weiter fortgeschritten. Sozusagen futsch die Kohle, anders die Sicht. Künste sind sensible Seismographen.

Was also bleibt von fünf Monaten „Kunst & Kohle“ auf musealem Parkett? Mindestens dieser Eindruck: Es war aufschlussreich und provokant, regional und international, spannend, tiefgründig, komplex, erkenntnisreich. Dunkel und schwarz war`s natürlich auch. „Grubengold is ja nu ma so.“

Weshalb die Ausstellung der Ausstellungen Klartext redete. Über Zukunfts- und Ewigkeitsaufgaben. Über den „Coal market“ und dessen Licht- und Schattenseiten, über den Strukturwandel im Revier und darüber hinaus. Und darüber, dass bildmächtige Ästhetik im Blick aufs schwarze Gold unweigerlich zusammenhangsentlarvend wirkt. Wie Alltag, Menschen, Umwelt und Politik in den globalen Fallstricken hängen ist da nur ein Guckloch im schwarzen Kosmos Kohle. Da stellte sich ob solcher Programmatik bei manch einem zur Finissage Katzenjammer ein: „Son Mist, ich hab` doch lange noch nicht alles gesehen.“

Das allerdings kratzt die kapitale Schau nicht, hat sie doch alles gegeben, hat gezeigt, gelockt, brüskiert und informiert. Das tat sie gut, sehr gut sogar. Vielleicht als Impulsgeber, sicher als Erinnerungskultur. Selbst für Bummler gibt`s noch Chancen. Ein paar der siebzehn Schauen laufen länger: im Quadrat Bottrop (bis 23.9.),  im Lehmbruck Museum Duisburg (bis 7. 10.), im Bochumer Museum unter Tage (bis 14.10), im Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (bis 28.10).

Also nur zu: spätestens Ende Oktober heißt es dann endgültig final Schicht im Schacht für „Kunst & Kohle“ im Rahmen der Initiative „Glückauf Zukunft!“, die die RAG-Stiftung gemeinsam mit der RAG Aktiengesellschaft, der Evonik Industries AG und dem Sozialpartner IG BCE gestemmt hat.

Aaaaber: Was „so ein von“ historisches Ereignis ist, das braucht was für die Ewigkeit. Von wegen,Schluss, Ende, Aus. Zumal „Kunst & Kohle“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier stehen.

„Sag` bloß nicht, es gibt noch`n Katalog mehr.“

Genau, Du sagst es. Und ich sage dir: Gut so.

Die Lizenz zum Drucken ging an den renommierten Kölner Wienand-Verlag. 17 Einzelbände sind`s an der Zahl, zwischen 39 und 203 Seiten dick und jeweils drei Zentimeter breiter als DIN 4-Format. Herausgegeben haben das wuchtige Kompendium Ferdinand Ullrich und Thomas Hensolt im Auftrag der RuhrKunstMuseen, kaufbar zum Vorzugspreis von 100,- Euro in den Museen oder auch als Einzelband zu unterschiedlichen Preisen. Wer zuschlägt, erhält Nachhaltiges, dauerhaft und farbig reich bebildert auf 1400 Seiten 150 Gramm/qm-LuxoArt Samt-Papier gedruckt. Ein bisschen Luxus muss sein. Hauptsponsor des „Kunst & Kohle“-Katalogs ist die Kunststiftung NRW.

Dazu ist das Buchprojekt klar gestylt, minimalistisch im Outfit: ein Design für alle Bände. Was klar symbolisch steht für jene Einheit in der Vielfalt beim Schulterschluss der RuhrKunstMuseen. 

Und innen drin? Zwischen Hardcover-stabil-gebundenen Deckeln stellen Bilder fest, - ausstellungssituativ dokumentierend -, was Kunst vor Ort im Raum machte, schaffte, änderte und anstieß. Wer Weiteres wissen will, liest. Informative Texte führen ein, vertiefen, öffnen Diskussionen. Über das, was „Kunst & Kohle“ ist und war, was der Ausstieg aus der Kohle mit uns macht.

Zweifellos, der knappe halbe Meter im Regal hat Nachschlagequalität: Welche Facetten hat das Thema Grubengold? Wer war beteiligt, wer erlebte einen Relevanz-Kick? Welche Museen haben welche Themen favorisiert? Wie spiegelt sich in Kunst, Ausstellungsmache und Kuratorenschaft Kultur und Politik? Dient der Katalog, ist er selbst Kunstwerk? Wie sehen internationale, wie regionale Künstler das Revier und dessen Kultur zwischen Kumpel, Pütt und Glückauf? Welche Visionen, welche Kritik stecken drin im Blick der Kunst aufs Ende vom Flöz und die Folgen in Deutschland und der Welt?

Ja, doch, unbedingt: Gerade weil`s Bücher in Zeiten von Copy, Paste und Click schwer haben, ist der Katalog der Kataloge für die Ausstellung von Ausstellungen, liebevoll oder auch nicht „der Klotz“ genannt, von Gravität. Rund 15 Kilo schwer ist er was Feines im Regal, ist Stattliches fürs Hirn.

„Du öffnest das Buch, das Buch öffnet Dich“ lautet ein chinesisches Sprichwort.

„Ja nee, is` schon klar. Trotzdem stapelt sich bei mir alles!“

Das kann ich verstehen. Wem Bücher Freunde sind, dem geht`s nun mal so. 

Dafür kannst Du genüsslich im „Klotz“ blättern, dich in fesselnde Plots über Raum und Zeit hinweg einfuchsen, surfen vom Hier zum Damals für Zukunftsblicke. Was mit Katalogbuch in der Hand dem Ganzen, buchstäblich handfest, Dauer, ja eine kleine Ewigkeit verleiht. Und sag jetzt nicht, das wär nix. Wo`s doch genau das Gegenteil vom Rumzappen auf Tablet & Co ist, die Sinnlichkeit vorgaukeln, um beim nächsten Wisch wegzuwischen, was grad noch Bild, noch (Schein-)Präsenz war.  

Jaja, auch wenn es tausendundein Gegenargument aus dem Programmiercampus hagelt, - ich bleib` dabei: Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Und das ist explizit sinnlicher als Bits und Bytes. Liebe Nerds, es tut mir leid, ich mag blätternde Hände und das, was man Buchdeckel und Titelblatt, Cover, Buchrücken und Kopfschnitt, DIN-Format, Beschreibmaterialien, Papiergewicht und Schnittverzierung nennt. Verflüssigte Bildwelten auf LCD-Schirmen machen Auge und Tastsinn und schon mal gar nicht das olfaktorische Riechorgan satt. Ja, Bücher riechen! Aber natürlich stimmt auch euer Argument: Lesen und gucken geht ebenfalls im World Wide Web.

So oder so: Der „Klotz“ hat was, hat individuelle Einzelbände, ist ausgestattet mit sattem, mit heute ausgesprochen seltenem Schwarzschnitt, - dreiseitig umlaufend als veredelnde Verzierung. Ich lüge nicht, wenn ich das sexy nenne. Ganz ehrlich: Der „Klotz“ ist wirklich ästhetisch. In allen Teilen kann man ihn wiegen, wägen, halten, kann Eleganz und Minimalismus spüren. Im kleinen Schwatten kommen die Bände daher, sind außen schwarz wie Kohle, aber überhaupt nicht rabenschwarz. Zwar ziert ein je anderes Bild die Buchdeckel und ist auf je unterschiedlich dickem Rücken der je anders lautende Ausstellungstitel aufgedruckt. Doch im Regal zusammengerückt ergibt`s ein Fast-Quadrat in Schwarz-Optik à la Malewitsch. 

Nimmt man dazu noch das Blau von erster und letzter Seite in jedem Band, dazwischen sich Geschichte und Geschichten vom Schwarz in der Kunst, von der Kohle im Revier aufblättern, dann hat man ikonisch entdeckt,  was Willy Brandt 1961 forderte: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“

Offensichtlich steckt viel drin im „Kunst & Kohle“-Katalog-Kompendium. Chapeau dafür!


Abbildungen: © Ruhr Tourismus

Apropos Katalog