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3. März 2016 - von Claudia Posca

Appetithäppchen für Video-Muffel

Dortmund

„Keine Zeit. Videokunst in unter sechzig Minuten“ - das ist ein Wort. Und eine Einladung ins Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg, bis zum 27. März. Die Ansage ist gut, das Versprechen auch. Weil die Krux mit Videos-on-show nämlich genau die ist: Kunstfilm dauert. Meistens. Was nicht mal tragisch wäre, würde es nicht zu lange dauern.

Langeweile? Damit hat es nichts zu tun. Aber mit langer Weile schon. Wie oft wollte ich eine Videoausstellung komplett gucken, bin aber gescheitert. Nicht, dass ich etwas gegen den Intensivblick hätte. Überhaupt nicht! Müßig finde ich nur, was Muße strapaziert. Weil‘s auslaugt, die Muße und mich.

Zu Hause dagegen ist das anders mit dem Filmgucken: Fläzen auf dem Sofa, gut postiert vor der Mattscheibe, und schon berieselt einen, was laufende Bilder und der Kanal hergeben - dauernd. Andauernd.

Fernsehen aber ist keine Kunst. Und macht deswegen auch kaum Hirn und Augen satt. Also hin zur Dortmunder Film-Kunst-Stunde.

Zumal - und jetzt wird es erst recht interessant - ein Künstler, der kein Videokünstler ist, die Ausstellung kuratiert: Cornelius Grau, Jahrgang 1986, geboren in Ostercappeln bei Osnabrück, Mitglied im Künstlerhaus Dortmund seit 2012. Normalerweise macht der Meisterschüler von Richard Deacon farbintensive Installationskunst in Gestalt imitativ-verfremdeter Alltagsgegenständlichkeit. Was den minutiös elementaren Nachbau eines alten Transistorradios in Holz  bedeuten kann, aber auch Fahrrad, Wischer, Kehrschaufel oder Bohrmaschine ins bunte Farbkleid von De Stijl und Pop Art steckt. „Naivisierung“ nennt Cornelius Grau das. Tatsächlich sind‘s ironische Kommentare, die Kunst- und Künstlermythos vom Sockel holen.

Wie geht der Mann mit „langer“ Kunst um, wie kam er auf die geniale Idee „Videokunst in unter sechzig Minuten“ auszustellen?

Ankunft im Künstlerhaus, freitags, kurz vor 18 Uhr am Eröffnungstag. Und schon sitz‘ ich mitten drin in der Runde beim Begrüßungsmahl vor Vernissage-Beginn. Ihr kennt euch alle? „Nö“. Dann kennt ihr aber Cornelius Grau? „Nö“.

Jetzt frag ich mal den Kurator, ob er die Angereisten kennt? „Nö.“ Die Runde ist entspannt. Alle haben sich auf die Ausschreibung beworben, veröffentlicht wurde die vor allem im Internet, einzige Vorgabe: Maximal drei Minuten Spielzeit, „gesucht werden Videoarbeiten von kurzer Dauer…Interessierte können sich gerne einfach per Mail mit einer Online-Verlinkung zu einem Stream oder per Dropbox bewerben oder postalisch mit DVD. Bitte nur gängige Abspielformate nutzen und einen Lebenslauf und vollständige Kontaktdaten mitschicken.“

Von 200 Bewerbungen haben es 19 Positionen in die aktuelle Schau geschafft. Bewerbungsschluss war der 29. November 2015. Vorhin bin ich schon an einem frei im Raum hängenden, langsam um die eigene Achse rotierenden Monitor mit sprechendem Heidi-Klum-Lippen-Mund vorbei gelaufen: „Ich habe leider kein Foto für Dich“ sagt der, und verfolgt einen als Endlos-Loop: „Leider habe ich kein Foto für Dich“, was in der Top-Model-Fernsehshow ein Karriereende der Bewerberinnen bedeuten kann: Aus-Zeit möglicherweise für alle Zeit.

Hast Du das Kurzzeit-Gucker-Mammutprojekt allein gestemmt?

„Na ja, die letzten zwei Wochen war‘s kein Nebenjob, da gab es jede Menge zu tun: das Sichten der Bewerbungen, die Auswahl, die Hintergrundlogistik, der Aufbau, die Künstler reisen an, brauchen einen Schlafplatz…Für die Auswahl hab‘ ich mit wechselnden Leuten zusammen gearbeitet, eine feste Jury gab es nicht“, erzählt Cornelius Grau. Und ist dabei kein bisschen nervös, obwohl er doch gleich Eröffnungsredner ist, die Ausstellungsteilnehmer gerade aber erst kennenlernt.

„Möchtest Du etwas trinken?“ fragt er mich. Danke nein, dann aber doch. Ich muss erst mal klar kommen, mit der so ganz anderen Preview-Situation am großen Tisch. Die lockere Atmosphäre macht Spaß, die hier sitzen, sind neugierig wie ich. Und haben viel Zeit.

„Ehrlich gesagt, werde ich nicht über die einzelnen Arbeiten sprechen. Sondern über das Ausstellungskonzept. Ich werd` mich kurz halten. Sonst wär es bei so vielen Beiträgen ein 2-Stunden-Vortrag.“

Sympathischer Ansatz: In der Kürze liegt die Würze.

Und dann macht Cornelius Grau einen Schlenker dahin, was ihm beim Philosophieren über Wahrnehmungszeiten in der Kunst auch noch am Herzen liegt: „Also, ich hab‘ den Tag heute damit verbracht, Leute zu fragen, ob sie nicht noch einen Schlafplatz frei haben. Und war dann vorhin noch schnell Großeinkaufen für das Begrüßungsessen. Ich dachte, dass wäre nett, sich so kennenzulernen in einem offenen Rahmen. Aber auch, um die Angereisten zu versorgen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, die Hungrigkeit, wenn man zur Ausstellung anreist und es dann vergisst oder einfach keine Zeit mehr ist, am Bahnhof etwas zu essen. Für mich gehören solche Überlegungen mit zu den kuratorischen Aufgaben.“

Das wiederum braucht viel Zeit. Weil hier Kunst vom und für Menschen kommt. Cornelius Grau hat ein Händchen dafür. Leute mit Ästhetik zu überfordern, davon hält er nichts, von 2007 bis 2008 hat er Kunstpädagogik und Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück studiert. Das Motiv eine Video-Ausstellung zu kuratieren?

„An Videokunst interessieren mich die Möglichkeiten, mit dem Bild zu spielen, ähnlich den Möglichkeiten in der Malerei. Nur, dass zusätzlich noch die Bewegung, die Dynamik dazu kommt. Im Video kann man eine konkret komplexe Story erzählen. Oder auch das ganze Gegenteil, also man kann damit spielen, dass Leute eine Story erwarten, aber sie kommt nicht. Die analoge Kunst, ob Malerei oder Skulptur, ist da relativ starr. Dass eine Story straight durcherzählt wird, das ist für mich eine Eigenart des Videos.“

Aber genau das braucht doch Zeit?

„Ja, sicher. Aber ich habe bei mir selbst gemerkt, dass ich bei Videokunst-Ausstellungen schnell überfordert bin, wenn die Beiträge lange dauern. Vor allem, wenn man mehrere hintereinander sehen will. Das eigentliche Problem ist nicht das Format selbst, sondern die Zeit. Auch wenn man Videokunst-Fan ist, lässt irgendwann die Konzentration nach. Im Dortmunder U zum Beispiel, wurde mal eine Arbeit, die aus mehreren Serien bestand, einen ganzen Tag lang durchgespielt. Da musste man, für nur ein einziges Werk, Stunden in der Ausstellung verbringen. Die Gesamtausstellung zu sehen, hätte eine Woche gebraucht.“

Deshalb also Videokunst in unter 60 Minuten. Den Eigenerfahrungs-basierten Ansatz finde ich gut. Kann man Dich als Kurator buchen?

„Ja, das würde ich machen. Es ist auf jeden Fall ein großes Interessengebiet von mir, darüber nachzudenken, wie ich eine Ausstellung durchkomponiere. Der Reiz liegt darin, mit großen Diversitäten zu spielen. In gewisser Weise sehe ich das als Teil meiner künstlerischen Arbeit.“

Dass dazu auch die Reflexion des Ausstellungstitels gehört, hat Cornelius Grau perfekt bewiesen. Mich als Video-Phobiker jedenfalls hat die „Videokunstausstellung in unter 60 Minuten“ in kürzester Zeit zum potentiell längsten Medium der Kunst gelockt.

Appetithäppchen für Video-Muffel