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20. Juli 2017 - von Claudia Posca

Anti-Aging-Folkwang-Pop

Essen

Das wäre toll: Flächendeckend ist ab sofort der Eintritt in alle Museen des Reviers frei. Immer. Und dauerhaft. Stellen Sie sich das mal vor: Häuser voll, Publikum satt. So wie im Essener Museum Folkwang, wo ja dank einer großzügigen Millionenspende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung der Eintritt seit 2015 gratis ist und sich schon nach einem Jahr die Besucherzahlen verdoppelt hatten.

Aber bedeutet das auch ein Bad im Jungbrunnen? Wo es doch in vielen Museen offensichtlich ist, dass sich vor allem die Generation 50plus in der Kunstlandschaft vergnügt?

„Im ersten Jahr haben nach Museumsangaben mehr als 100.000 Besucher das Angebot genutzt. Vielleicht der größte Erfolg: Durch den freien Eintritt sind vor allem mehr Kinder und Jugendliche (Zuwachs +186 % und +98%) ins Museum gekommen. Nicht nur Schulen haben das Angebot lebhaft angenommen. Auch die Volkshochschule hat unlängst berichtet, dass durch den freien Eintritt nun viele Kurse das Museum Folkwang für Exkursionen nutzen können“, steht`s auf „DerWesten“ nachzulesen.

Was aber ist mit denen dazwischen, die weder Jugend noch Generation 50plus sind? Auch die braucht das Museum für eine gelingende Verjüngungskur. Ganz klar: Ein Fellwechsel muss her.

Perücke gefällig?

Nein, ich habe sie mir nicht aufgesetzt. Weder die rote noch die grüne noch die gelbe. Aber es gab den Fetisch letztens tatsächlich im Essener Museum Folkwang als so eine Art Anti-Aging-Kit. 

Erst einmal aber habe ich dem Perückenrücken nur zugeguckt. Obwohl ein schräges Portrait mit grüner Ornament-Tapete im Hintergrund lockte. Das hätte ich von mir im Haarersatz-Wahn mit Warhol-Mähne auf dem Kopf schießen lassen können, um es im Anschluss vom nostalgischen Fotobox-Apparat ausgespuckt zu bekommen, hätte ich denn „Bing Bang: Pop und die Folgen“ mitgespielt: Fusselmatte auf, 70er-Jahre-Klamotte an, Posing for Posting im Essener Museum Folkwang, ein Riesenspaß. Foto: Florian Wagner

Soll ich? Soll ich nicht? Pop Art-Feeling, jetzt, später oder nie? Brauche ich eine Perücke? Bin ich jung, bin ich alt?

Dazu fällt mir der wunderbare Billy-Wilder-Spruch „kill your darling“ ein. Mit dem lassen sich Erwartungshaltungen kippen. An diesem Freitagabend ist das nicht schwer. Graumeliertes Haar ist in der Minderzahl, das Durchschnittsalter um mich rum liegt bei geschätzten  25/30 Jahren.

Also habe ich ´my darling` gekillt. Schließlich war `ne Menge Jungvolk in den ´heiligen Hallen` unterwegs.

Was war passiert?

Der altehrwürdige Kunstring Folkwang, 1901 zunächst als Museumsverein gegründet, heute eine Institution, die rund 200 Veranstaltungen im Jahr zur Kunstförderung und -vermittlung stemmt, hat ein „junges Segment mit Partizipationsmöglichkeiten“ initiiert, sagt Christine Heim, die Ansprechpartnerin des Kunstring Folkwang. „Wir versprechen uns davon einen Wandel, wir wollen Input von den jungen Leuten.“

Mit denen treffe ich mich später, während draußen im Museumsgarten DJ Simon Hildebrand auflegt und drinnen ein Großplakat entsteht. Gigo Propaganda hat zur Mit-Mach-Kunstaktion aufgerufen: malen, zeichnen, schreiben für eine gemeinsame Sache. Der Konzeptkünstler „hält seit Jahren Eindrücke aus Gesprächen mit Menschen im Ruhrgebiet fest, im Film und in Wilden Typografien.“ Eine davon sehe ich gerade entstehen.

Kurz nach 18 Uhr beginnt es zu regnen. Trotzdem kommen immer mehr zum Museumsplatz, Eingang Kahrstraße: „Die Veranstaltung ist kostenfrei. Wir freuen uns auf Dich“. Unter den vielen Jungen fühle ich mich nur ein bisschen weniger jung.

Bis 22 Uhr wird gefeiert: „Leben im Pop“. Das Party-Motto ist angedockt an die laufenden Folkwang-Ausstellungen. Der Grund fürs Feiern ist eine Gründung, die Fete ein „junge freunde Kunstring Folkwang“- Gründungsfest. Was ein markantes Date im Anti-Aging-Kurplan ist. „Vielleicht doch mal eine Perücke ausprobieren?“

Mick Jagger flimmert über die Wand. Kurzführungen laufen, eine Lesung in drei Akten mit dem Schauspieler Stefan Kuk mit Aphorismen und Sponti-Sprüchen startet später, dazu gibt`s Lecker-Essen, Lecker-Eis, die Button-Druck-Maschinen sind der Hit für Kids. Der eben erst gegründete Nachwuchs-Ableger des alten Kunstring Folkwang hat mächtig was auf die Beine gestellt. Man gibt sich selbstbewusst: „Du bist herzlich eingeladen unser Ideengeber oder Programmgenießer zu werden.“ Zehn Euro jährlich nur soll`s kosten.

Foto: Florian Wagner Dafür sind die „junge freunde Kunstring Folkwang“-Veranstaltungen exklusiv und gratis for members. Von denen man sich erhofft, dass sie das Museum zu ihrem ganz eigenen, urbanen Treffpunkt mitten im Alltagsleben machen. „Schade ist doch, dass es keine echte Bindung zum Museum vor der Haustür gibt.“

Mir wird klar: Der ´Meetingpoint Museum` ist gefragt, für Rendezvous und Kaffeepause.

Die Gründungsparty trommelt für „kunstbegeisterte Menschen zwischen achtzehn und fünfunddreißig Jahren, um Kunst und Leben im und um das Museum Folkwang zu verbinden.“ Self-Made-Siebdruck-Beutel mit Infos drin werden verteilt: komm ins Museum, hier spielt die Musik. 

Und während ich zögere beim rituellen Pop-Perückentausch mitzuspielen, tun die anderen spontan, sofort, unbekümmert, was ich nur gucke: „So?“ Oder lieber die rosafarbene?“ Es wird probiert, was Ironie und Spaß hergeben, der Kopfputz wechselt im Minutentakt. Dazu fotografiert ein Fotograf, wie die Fotobox fotografiert. Davon wiederum mache ich ein Foto. Am Ende gibt`s serielle Perückenkunst digitalisiert fotografiert. Oder fotografierte Portraits seriell. Oder serielle Fotografie von und mit Zottelmähne analog oder digital aufgenommen. Möglich vielleicht, dass genau das Pop ist? Foto: Florian Wagner

Jetzt aber stehen andere Fragen an. Vor mir sitzen Gregor Jahner und Katharina Bruns, der eine 20 Jahre, die andere 26 Jahre jung, beide fühlen sich vom alten Kunstring Folkwang „willkommen geheißen. Wir werden freundschaftlich unterstützt, man freut sich über unsere Ideen, Vorstellungen, Vorschläge.“

Heißt was? Die beiden sind für die Pressearbeit des „junge freunde Kunstring Folkwang“ zuständig, leidenschaftlich, ehrenamtlich.

„Es ist nicht so, dass wir etwas vorgesetzt bekommen. Wir werden gefragt. Was und wie wir denken ist wichtig. Das ist eine komplett offene Begegnung. Wir können unser eigenes Programm gestalten, haben eigene Räume, betreiben einen selbstverwalteten Facebook-Auftritt, planen eine umfangreiche Vernetzung. Sozusagen sind wir die Stimme nach außen, wir sind der Kanal für junge Leute, wir kommunizieren über Social Media.“

Ich verstehe das so, dass es einen Unterschied macht, ob die Generation 50plus Facebook nutzt oder die 20-Jährigen, bin mir da aber nicht sicher. Finanziert wird die Verjüngungskur vom etablierten Kunstring Folkwang. Der junge Ableger hat jetzt schon über 30 Mitglieder.

Als ich die „jungen freunde“  frage, warum sie sich engagieren, kommt prompt professionell: „Jeder hat einen anderen Antrieb. Aber wir alle wollen etwas bewegen, junge Leute ins Haus holen, die Kapazitäten nutzen, die es eigentlich gibt. Wir sind dabei ein Terrain zu erobern.“

Mir gefällt die Idee vom Museum als urbanem Setting für Zwischenmenschlichkeit. Mit oder ohne Perücke.

 

Fotograf: Florian Wagner

Anti-Aging-Folkwang-Pop