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28. März 2018 - von Claudia Posca

Anpirschen

Duisburg

Nein, ich habe mich nicht verlesen. Da steht schwarz auf weiß: „Lehmbruck Museum in Duisburg erwirbt ein kapitales Werk.“ Platzhirsche im Museum?

Schon sehe ich die Schöpfung vor mir. Ein Zwölfender? Ein Achtzehnender? Ein maßvoller Wenigerender, mit immer noch genügend Verzweigung? Was die schmückenden Spitzen über Wald und Flur hinaus, ich schwör`s, tatsächlich und im Fall des „kapitalen Werkes“ zum sagenhaften Kapital in Raum, Zeit und Geschichte macht.

So viel sei verraten: Duisburgs musealer Neuzugang trägt Fortsätze, neun schlanke elegante an der Zahl. Fährtengehen lohnt sich. Um Wind vom Phänomen zu kriegen. Die majestätische Kunst jedenfalls meldet: Stille und Schönheit, Verlangsamung und Achtsamkeit ist der Kreatürlichkeit schönste Zier. Anmut, Grazie, Zauber zeichnen das Kapitalwerk aus.

Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Meditative Haltung ist angesagt. Im Wald übrigens genauso wie bei der Spurenlese im Ausstellungssaal. Gäbe es skulpturale Haikus, -  Sie wissen schon: das sind die drei betörenden Zeilen mit einer 5-7-5-Silbenstruktur im traditionellen japanischen Gedicht –, dann sähen skulpturale Haikus glatt so aus wie Duisburgs kapitales Werk, das von ebensolcher Eleganz ist wie das asiatische Gedicht. Oder wie der kapitale Hirsch.

Sorry, ich komme ins Revieren. Ästhetisches Jägerlatein. Bis dato wusste ich nur, dass Platzhirsche, nicht aber Kunstwerke kapital sein können.

Jetzt aber ist klar: Im renommiertem Zentrum für Internationale Skulptur – Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg steht seit ein paar Monaten besagtes Alpha-Werk, prächtig gewichtig für Gegenwart, Zukunft, Forschung und Genuss. Dem triumphalen Gewinn würde jedes Haus Platzrecht gewähren. Es ist „der wichtigstes Erwerb des Museums in den letzten zehn Jahren“ vermeldet die Pressestelle. Da kann man doch mal auf den Busch klopfen, oder? 

Zumal der Glückstreffer von der wunderbar multimedial versierten, 73jährigen Rebecca Horn stammt, deren Lebenswerk aus bedeutendsten internationalen Sammlungen nicht mehr wegzudenken ist. Der große Fang hat größte Attraktion weit übers Ruhrland hinaus. Und zeigt einmal mehr, dass Kunst- und Naturschutz in der Metropolregion einer „City of the cities“ bestens gelingt.

Damit aber nicht genug. Dem charmanten Neuzugang ging eine schönste Ehrung voraus. Als erste Frau überhaupt wurde die Grande Dame experimentell-kinetischer Bildhauerei mit dem nach über zehn Jahren reaktivierten, mit 10.000 Euro ausgestatteten Wilhelm-Lehmbruck-Preis im vergangenen Jahr prämiert. Was ja auch mal Zeit wurde, nachdem zuvor ausschließlich Platzhirsche wie Eduardo Chillida, Norbert Kricke, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Joseph Beuys, Richard Serra und Richard Long das Terrain beherrschten. Der Jury erschien Rebecca Horn von allen Künstlerinnen, die in dieser höchsten Liga Gegenwartskunst spielen, „als würdigste Künstlerin“, so Lehmbruck-Museumschefin Söke Dinkla.

„Allein vier Mal auf der documenta und bei vielen weiteren wichtigen Ausstellungen vertreten, war Rebecca Horn nie „Quotenfrau“, sondern immer eine Künstlerin, auf deren Werke alle neugierig waren, die diskutiert wurden, und deswegen ist die Ehrung mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis (…) richtig und folgerichtig“, fasst Jury-Mitglied Georg Elben den Entscheid der Preisvergabe zusammen.

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(von links nach rechts): 
Prof. Dr. Ferdinand Ullrich (als Halbfigur am Rand), Detlef Lehmbruck (guckt im Hintergrund auf´s Handy), Dr. Silke Walther, Kunsthistorikerin (mit Einladungskarte), Ulrike Lubek, Direktorin des LVR (verdeckt von den Stangen), Ministerin Pfeiffer-Poensgen und Dr. Hildegard Kaluza (Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW), Milena Karabaic, Leiterin des LVR-Dezernat 9 - Kultur und Landschaftliche Kulturpflege, Kuratoriumsmitglied (helle Jacke), Dr. Söke Dinkla, Christine Rotermund-Lehmbruck mit Ehemann Hermann Rotermund, Prof. Dr. Horst Bredekamp (zwischen den Stangen), Dr. Ingrid Stoppa-Sehlbach (Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW)

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Na? Witterung aufgenommen? Die Zeit drängt. Noch bis zum 2. April ist die Rebecca-Horn-Kunst-Schau zu sehen. Samstags und sonntags verlängert sogar bis 18 Uhr. Die außerordentliche Hege des kapitalen Werkes ist dem Museum Herzenssache.

Ob ich Sparten verfranse? Das Museum zum Revier küre?

Eine Freundin ist Jägerin: „Das geht gar nicht.“ Zusammen, meint sie. „Weil sich Äpfel mit Birnen nicht vergleichen lassen. Und wenn Du mich jetzt im Ernst noch einmal fragst, ob man kapitales Wild mit kapitaler Kunst verähneln kann, bin ich der Meinung, dass da einer gerade den Schuss nicht hört“, lacht sie quer übern Tisch.

Aber so leicht lass` ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Schließlich hat eines der bedeutendsten Revier-Museen die  Fährte gelegt. Von wegen kapitalem Werk. Das Angebot: Aufs Korn nehmen, um in den Fokus zu stellen, was ein Prachtstück ist.

„Die kinetische Skulptur mit dem Titel „Tanz in einer Pirouette“ ist eines der Hauptwerke der Künstlerin und fügt sich perfekt in unsere Sammlung ein, neben Werken von Zeitgenossen Rebecca Horns wie Jannis Kounellis, Christian Boltanski und von ihr hochgeschätzten Künstlern wie Joseph Beuys und Jean Tinguely“, heißt Söke Dinkla ihren neuen Schützling im Bestand willkommen.

Noch genießt der die Nähe eines makellos funktionierenden Mehr-Generationen-Clans. Heißt: Die Duisburger Schau hat Retrospektivcharakter. Ältere Werke stehen neben jungen und Jüngsten.

Gerade einmal ein Jahr alt ist das mit großzügiger Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen erstandene Exemplar, dessen goldschmucke Nadeln, bis zu 320 Zentimeter hoch, kaum merklich, die Vertikale verlassen, um sich einander – eher sehnsüchtig denn tatsächlich – zuzuneigen. Stille Natur: Erotik pur. Mit einem Hauch pieksiger Widerständigkeit. 

Das kinetische Werk aus der Familie der „Hauchkörper“ dehnt die Zeit, lässt den Raum zur Auszeit gerinnen, darin die Eile keine Weile hat. Demnächst soll das kapitale Werk singulär auf weiter Flur im bald fertig restaurierten, am 24. Mai wiedereröffnenden Glashallenbau stehen. Zur dauerhaften Beobachtung. Für intensivste Pirsch.

Auf dass deutlich wird: „Das künstlerische Werk von Rebecca Horn besetzt heute mit seinem ganz eigenständigen skulpturalen Ansatz eine feste Position in der Kunstgeschichte. In ihren Arbeiten kommt eine mitreißende Freude am Experiment und an der Erfindung des Neuen, des Noch-Nicht-Gesehenen, zum Ausdruck“ begründet Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen den Ankauf aus Überzeugung.

Sehen Sie: nicht nur Sie haben Lunte gerochen, sich faszinieren lassen von dem erhabenen „Tanz in einer Pirouette“. Oder habe ich jetzt einen kapitalen Bock geschossen? 

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