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9. Februar 2017 - von Claudia Posca

„Anpacken, machen.“

Ruhrgebiet

„Kennst Du KaM in Essen?“ Freunde lieben Fragen. Aber diese? Nach einem der bekanntesten Public Art-Projekte im Revier?

Doch gern, ich steige ein, Kunstgeschichte ist Krimi-verdächtig. Die auf dem Moltkeplatz im Essener Moltke-Viertel besonders. Zuletzt noch hab` ich auf der skulpturalen Riesen-Welle von Martin Pfeifle relaxt. Sollte jeder mal tun, ist ein Ommm-Erlebnis im Großstadt-Dschungel.

Vom kuratierten Schutzraum unter freiem Himmel wurde schon Mitte der 1980er Jahre erzählt. Damals war es  noch provokant, dass moderne, abstrakte Kunst in aller Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit zugänglich installiert wurde. Ein paar Jahre später war der Essener Skulpturenpark ´mit ohne Zaun drum rum` für uns Kunststarter  ein geheimer Geheim-Tipp. Mit Großwerken von Friedrich Gräsel, Ulrich Rückriem, Ansgar Nierhoff. Neben dem Bochumer „Terminal“ von Richard Serra schillerte der Essener Moltkeplatz als exotische Adresse für Gegenwartskunst outdoor: Seltsamschönes auf der grünen City-Wiese.

„Was denkt ihr? Dass ich von KaM nichts weiß?

Die Fopperei ist meine Chance. Bedeutet: Tief tauchen in archäologischen Schichten. Das erste, was ich ausgrabe: „Essens grünste Galerie“. Wovon ich allerdings nicht weiß, ob dieser Titel schon von Beginn an existierte, also seit 1981/82 mit Aufstellung der ersten Großskulptur auf dem Moltkeplatz. Oder ob das Open-Air-Projekt ab irgendwann einmal so genannt wurde. Ist aber letztlich auch schnurzpiepegal. Denn bis heute steht dort in Huttrop, Nähe Hauptbahnhof („1,2 Kilometer Luftlinie südöstlich vom Hauptbahnhof“, sagt das Internet) in einem bauhistorisch extrem interessanten Viertel, Kunst im Grünen. Eine Broschüre spricht ob des ganzheitlich-sozialreformerischen Stadtbildes und bildschöner Reformarchitekturen drum rum von „weltweit einzigartiger RaumKunst.“ Alle Sicht-, Tast- und Kommunikationserlebnisse in Baumgesäumter, Wiesebewachsener Parkanlage sind umsonst und draußen zu haben, treffend also ist der Name „grüne Galerie“.

Dass ich allerdings auf „Essens grünste Galerie“ als Erstes komme, ist vielleicht Symptom dafür, dass Kunst im öffentlichen Raum hier schon ziemlich früh ziemlich markant und möglicherweise auch in einer Art wirkungsgeschichtlicher Seelenverwandtschaft zu den ersten Münsteraner Skulpturprojekten `77 als richtig, wichtig, gut befunden wurde.

Jedenfalls hatte der Essener Galerist Jochen Krüper ab 1981/82 den kleinen Moltkepark gegenüber seinem Galerie- und Wohnhaus in Absprache mit der Stadt und dem Museum Folkwang zur besagten „grünsten Galerie Essens“ ausgebaut. Das „Hannover Tor“ von Friedrich Gräsel war die erste Großskulptur, es folgten weitere im Rahmen des von Jochen Krüper und Uwe Rüth, dem damaligen Direktor des Glaskasten Marl, gestemmten Projektes „Material und Raum“, ein Konzept der Koexistenz unterschiedlichster Skulpturen.

Heute stehen acht Werke vor Ort, ein schönstes Ensemble dreidimensionaler, zum Teil ortsspezischer Kunst des 20./21. Jahrhunderts auf höchstem Niveau. Die Namen dazu: Heinz Breloh, Hannes Forster, Gloria Friedmann, Lutz Fritsch, Jo Schöpfer. Mein Favorit: „Eine echte falsche Geschichte“ von Hannes Forster. Nicht zu vergessen diejenigen, die die Moltkeplatz-Kunst nach dem Tod von Jochen Krüper 2002 nicht verkommen oder abwandern lassen wollten. 2006 schlossen sie sich zum bürgerschaftlichen Verein „Kunst am Moltkeplatz“, kurz KaM genannt, zusammen.

Mittlerweile wird KaM „von einer dreistelligen Anzahl von Mitgliedern getragen, die auch in anderen Teilen Essens und Deutschlands wohnen sowie im Einzelfall aus dem Ausland kommen“, steht`s im aktuellen Vereins-Infoblatt geschrieben.

Was zeigt: Kunst auf dem Moltkeplatz strahlt in Essen für Essen und weit übers Revier hinaus: feinste Kunst-Kulinarik, unterstützt auch vom Museum Folkwang.

Meine Freunde sind perplex, „ein Highlight zum demnächst mal Intensivgucken.“

Das wiederum freut mich, denn KaM hat`s verdient: Lob, Zuspruch und Öffentlichkeit. Zur tollen Reihe „junge Kunst am Moltkeplatz“ mit jährlich wechselnden, temporären Kunstwerken lohnt ein Sonderbericht, die Riesenwelle „onda“ von Martin Pfeiffle ist bis April auf dem Moltkeplatz zu sehen. Ab Herbst gibt es ein siebtes Werk in dieser Reihe, wer`s macht, bleibt noch geheim. Schauen wir mal.

Dafür aber verrät KaM unter www.kunst-am-moltkeplatz.de eine Auszeichnung: Am 9. September 2016 wurden die beiden Vorstandsmitglieder Volker Wagenitz und Lisa Lambrecht-Wagenitz stellvertretend für den KaM-Verein vom Bundespräsidenten zum Bürgerfest in den Park von Schloss Bellevue nach Berlin eingeladen: „Es werden Bürgerinnen und Bürger zu Gast sein, die das Ehrenamt in herausragender Weise mit Leben erfüllen“ heißt es auf der Einladungskarte. Chapeau für diese Ehre! Und für das über Jahre hinweg betriebene Engagement von urban-gesellschaftlicher Bedeutung.

Erzählt haben mir die beiden das aber nicht. Sich in den Mittelpunkt zu spielen, liegt ihnen fern. Überhaupt sprechen sie mit mir nur stellvertretend für andere Engagierte im und um den KaM-Verein. Das aber tun sie so herzlich Vollblut-engagiert-optimistisch, dass besser nicht repräsentiert werden könnte.

Ich werd` den Eindruck nicht los: Das Moltke-Viertel ist ein besonderes Pflaster.

„Ja, das Moltke-Viertel ist besonders. Es entstand vor rund 110 Jahren, ist aus einem Guss. Es wurde nach sehr modernen städtebaulichen Konzepten geplant. Die Stadt brauchte aufgrund des industriellen Wachstums Wohnraum fürs Bürgertum. Heute würde man sagen fürs Mittel-Management. Hier sollten Wohnen und Arbeiten eine Einheit bilden“, sagt Volker Wagenitz.

Was sich fügt zu dem, was Tankred Stachelhaus 2010 in dem Heftchen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz schreibt: „Es waren die Bewohner des traditionell selbstbewussten Viertels selbst, die sich mit der „Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung des Moltkeviertels“ von 1981 nicht nur vielfach erfolgreich gegen die Auflösung der alten Substanz wehrten, sondern auch an den immensen städtebaulichen Wert erinnerten. Die Flamme wurde erneut durch den 2006 gegründeten Verein „Kunst am Moltkeplatz“ entzündet, dem es nach langen Verhandlungen gelang, das einzigartige Ensemble von zeitgenössischen Skulpturen und Plastiken auf dem Moltkeplatz zu retten.“

Dabei denken Städte woanders doch übers ´Entsammeln` nach: Kunst-Kappen, Kosten sparen?

„Dass in manchen Städten rückgesammelt wird, hängt auch mit fehlenden finanziellen Mitteln für die Pflege zusammen. In Süddeutschland, in Bayern und Baden-Würtemberg ist das anders als im Ruhrgebiet.“

„Genau. Das müsste sich bei uns ändern. Deshalb haben der Moltkeplatz, KaM  und die bürgerschaftlichen Kunstwerks-Patenschaften Modellcharakter.“

Bedeutet was?

„Ganz einfach: Anpacken, machen. Im Rahmen der Patenschaftsverträge reinigt KaM ehrenamtlich die Skulpturen, kümmert sich um Neuanstriche, das Verlegen von Hinweisschildern, sammelt Müll ein, pflegt die Homepage, initiiert Aktionen mit Anwohnern, Kindern, Jugendlichen, Künstlern, führt Führungen, Feste und Vorträge durch, kümmert sich um Sponsoren. Vor allem aber sprechen wir Menschen an, informieren und vermitteln.“

Und dann fügt Lisa Lambrecht-Wagenitz tief überzeugt noch hinzu: „Es ist wichtig, dass Menschen, die nicht gewohnt sind, ins Museum zu gehen, die Möglichkeit haben, Kunst sehen zu können. Und zwar sozusagen ganz nebenbei im öffentlichen Raum. KaM ist eine Chance.“

„Anpacken, machen.“