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6. November 2019 - von Claudia Posca

Anders? Eigen!

Bochum

Ich bin ziemlich sicher: Farb-Ausstellungen hat es viele schon gegeben. Und es warten weitere darauf, dass es weitere geben wird. Wovon es wiederum einige schon geschafft haben, dass es sie gibt. Hier und heute. Akut und aktuell. Scheinbar liegt Farbe in der Luft. Das Thema ist angesagt. Farbe zieht an. Farbe gefällt. Farbe ist sexy.

Derzeit trotzen gleich mehrere Präsentationen dem Blues von Grau-in-Grau. Mit „Farbe absolut“ im MKM Duisburg, mit dem „Aufbruch ins Land der Farben“ im Clemens-Sels-Museum Neuss. Und gar im „Rausch der Farben“ befindet sich das Münsteraner Kunstmuseum Pablo Picasso. Ich kann das gut verstehen. Ein Lieblingsmonat ist November wahrlich nicht. Sie kennen das, man hängt am Hoffnungszipfel: Heute ein Streifchen Morgenrot? Und morgen ein Sonnengelb? Oder wenigstens ein Safrankolorit in den Baumwipfel, wo der Indian Summer gerade einpackt.

Und dann das: „Farbanstöße“. Am 30. Oktober wurden sie vom Bochumer Museum unter Tage/Situation Kunst eröffnet. 85 Exponate vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, geschaffen von 58 Künstlern. Farbsensationen, -vibrationen, -räume und -perspektiven. Für Farbechos in Herz und Hirn. Wider graue Mäuse und darüber hinaus. 

Es geht um Farbe, die sich selbst ermächtigt, die kühn zur Eigenbedeutsamkeit steht, die weder abbildet noch illustriert, die konkret, konstruktiv, minimalistisch und emotional ist, die als Bild, als Film, als Installation oder Plastik daherkommt. Und umgekehrt steht Farbe im Licht, die formt, die abstrahiert, die Figur und Landschaft, Tier und Garten in Farbbäder taucht, so umfänglich, dass kein Motiv ohne Farbe, das Motiv Farbe ist. Wer da Angst vor Rot, Gelb, Blau hat, hat verloren. Wer aber ihren Entgrenzungen und den optisch-prekären Grenzerfahrungen folgt, gewinnt einen Schatz. Gut möglich dann, dass Paul Klees Tunis-Reise-Zitat von 1914 unweigerlich ums Eck kriecht: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr suchen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins.“ 

Mir jedenfalls kam es versunken im Farbparcours ´unter Tage` so vor, als bestünde heimliche Zustimmung unter nicht wenigen der Beteiligten. Farbe forever, „Farbanstöße“ unlimited.

„Oha, das klingt nach mächtig viel Kunstgeschichte, ein aufzählender Marathon durch die Farbkosmen des 20./21. Jahrhunderts.“

Ehrlich gesagt: Gedacht hatte ich das auch. Stimmt aber nicht. Stimmt sogar so überhaupt nicht. Und dass, obwohl die „Farbanstöße“ größtenteils dicht an dicht hängen. ABER: trotz additiver Präsentation geht der Groove gedachter, geträumter, imaginierter, konstruierter Farben als energetisches Konzept auf. Fabelhaft vielfarbbunt, analytisch, betreffend, existentiell, verstörend, komplex. Eine Art Kaleidoskop, das sich erschöpfend nicht erklären, nicht fixieren, nicht in Raster sperren lässt, das aber die ´Melody of Love` zwischen Abstraktion und Konkretion, zwischen gestern und heute mit und in Farbe zelebriert. Ein weites Feld. „Ein Schwefelbild, das auf den ersten Blick wie eine abstrakte Farbfeldmalerei anmutet, zeigt in Wahrheit den polaren Kontrast der Existenzdimensionen von Feuer und Asche - dies zudem in einem Bildformat, das an der Statur des Menschen orientiert ist“ hat der Theologe Reinhard Hoeps das Gravitationsspektrum von Schwefelgelb im Blick auf ein Bild von Ingeborg Lüscher im Aussstellungskatalog beschrieben. 

bild

 

Man könnte das auch Denkanstöße durch Farbanstöße nennen. Bewirkt wiederum durch Farben aller Couleur, Form und Gestalt. Einige sieht man schmatzen, andere seufzen, flüstern und kreieren, funkeln, leuchten, strahlen, irritieren - „im Zeichen einer Emanzipation (…) von hergebrachten Kriterien zugunsten eines subjektiven, mitunter auch verstörenden Ausdrucks.“ (Irina Lammert)

„Jetzt mal ehrlich: Du willst mir doch nicht im Ernst verkaufen, dass Farbe schreit, verliebt ist oder hochfliegt?“

Doch. Genau das. Obwohl Du ja in der Tat ein Stück weit recht hast: Die Vorstellung pulsierender, atmender Farben ist nicht weit verbreitet. Farbe färbt. Ist Dekor. Punktum. So denken viele. Und haben sich vielleicht nur nicht in der Farbe verloren. Denn wer denkt, dass Farbe kein Eigenleben hat, wer meint, dass Schwarz nur schwarz ist, Pigmente nur Inhaltsstoffe, aber kein Inhalt sind und Gemaltes nur mehr ´Flachware` im Passepartout an der Wand ist, wird mit den „Farbanstößen“ sein blaues Wunder erleben. Jedenfalls hat die Ausstellung die Sache mit dem Kolorit so drauf, dass kein Weg am klugen Maß maximaler Farbimpulse vorbeigeht. Die Message: Es ist an der Zeit hinzugucken. In der Kunst. Im Leben. 

Mein Tipp: Ein paar Minuten Leon Polk Smith` magisches „Twighlight“-Querformat gucken. Versprochen: Es öffnet sich eine Welt. Grandios polyphon. Überzeugend ausfransend. Tief, weit und ehrlich befreiend.

Ein immenses Narrativ in vielen Schichten. Anders? Eigen!

Fotos: Claudia Posca

Anders? Eigen!