gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

6. Oktober 2016 - von Claudia Posca

Am Anfang war die Tüte

Wesel

„Das kommt nicht in die Tüte!“ wetterte Frau Marzak, wenn ihr etwas auf dem Schulhof quer ging, also strikt verboten war. Ich lernte: In die Tüte kommt, was gefällt. An Kunst dachte ich nicht.

Dafür tüte ich jetzt ein, was nicht aus der Tüte kommt, und für manchen in dieselbe auch nicht gehört: Denn ob der Kreis Wesel mit seinen knapp 460.000 Einwohnern ein Subkontinent des Kunstgebietes Ruhr ist, - u.a. würden Dinslaken, Kamp-Lintfort, Moers und Xanten dazu gehören -, hängt davon ab. Nämlich, ob man sich höchst und persönlich über eine unsichtbare Grenze begibt, in diesem Fall, weil Tüten-Kunst von einem Herrn Thitz verspricht: In eine Sekunde Stadt passt die Welt. Zu sehen ist die Weltstadt-Zeit auf Tüte noch bis zum 31. Oktober im Museum Wesel, Städtische Galerie im Centrum, dorthin geholt vom Niederrheinischen Kunstverein.
Komplizierte Verhältnisse zwischen Rhein und Ruhr? Aber hatte ich nicht gelernt: was gefällt, kommt in die Tüte? 
Außerdem: Immerhin gehört der Kreis Wesel zum Regionalverband Ruhr. Basta. Deal for bag! 
Vergangenen Donnerstag stand ich bei Jörg Happel in Wesel auf der Matte. Der Mann ist Geschäftsführer und Kurator des Niederrheinischen Kunstvereins. Im Gepäck hatte ich den Vorsatz: Frage nicht danach, wie es dazu kam, dass jedes Kind die Antwort kennt, wie der Bürgermeister von Wesel heißt. Um zwölf Uhr kam ich an, keinen blassen Schimmer von Wundertüten-Wimmelbilder-Kunst.
„Bitte nach Ihnen. Die Ausstellung beginnt im Foyer.“ Dort lässt mich Jörg Happel staunen. So viel Tüte vom Boden bis zur Decke. Aufgefädelt. An langen Schnüren. Wie kostbare Perlen. Rundum, Etagen-übergreifend aufgehängt, mindestens zehn Meter hoch, ein in sich schaukelndes, vor Windbö und Berührung erschauerndes Riesen-Raum-Kunstwerk, geschaffen von Jung und Alt aus Wesel, jede Tüte ein Unikat, das Ganze zusammen ein Kaleidoskop dessen, was dem Weseler so in die Tüte kommt. Kein Beuysches Fett darunter. Dafür, klar, mal hier, mal da, ein graues Tier mit langen Ohren. „Viele Tüten zeigen, wie die Leute ihre Umgebung wahrnehmen, wie und wovon sie in der Umgebung, in der sie leben, betroffen sind.“ Die Aktion ist Marke Mit-Mach-Kunst, das Konzept heißt Thitz und hilft gegen Schwellenangst vor Kunst.
Auch, was die Weseler schätzen, ist zu sehen: Dieter Nuhr etwa, der 1960 in Wesel geboren wurde. Oder Rechtschreibpapst Konrad Duden, der in dem Weseler Ortsteil Lackhausen 1829 zur Welt kam. Und natürlich im Tüten-Meer zu finden: der berühmteste Weseler von allen, Peter Minuit, der zwischen 1585 und 1594 in der Hansestadt geboren wurde, 1638 auf den Westindischen Inseln starb, ein Seefahrer gewesen war und als (vermeintlicher) Begründer von Nieuw Amsterdam, heute New York, gilt. Weshalb er als großer Sohn der Stadt gehandelt wird. 
Ganz schön prominent, dieses Wesel. 
Was wohl auch der Künstler dachte. Schließlich reist der 1962 in Frankfurt a. M. geborene, heute in Stuttgart lebende, dreifache Vater seit Anfang der 1990er Jahre auf der Suche nach dem urbanen Herzschlag sonst in der großen Weltgeschichte herum, ist in den Metropolen Tokio, New York, Manhattan, London und Berlin zu Haus. Um was zu tun? 
Richtig: Thitz, der eigentlich Matthias Schemel heißt, bei K.R.H. Sonderborg Malerei studiert hat und inzwischen weltweite Ausstellungen stemmt, sammelt die gemeine Tüte. „City-Bag-Art“ macht er draus. Eine wunderbar farblichtleuchtende noch dazu. Zwischen New Pop Art, Comic, Collage, Karikatur, Graphic Novel, Paul Klee und Gustav Klimt ist sie beheimatet. 
„Der Alltagsgegenstand Tüte schafft die Nähe zu den Menschen, die mir so wichtig sind. Meine Tüten-Projekte sind die künstlerische Aufforderung zur Kommunikation…“ hat der Stadtbild-Bilderhexer einmal gesagt. Hätte ich eher von seiner Tüten-Kommunikation gewusst, ich hätte ein paar schmucke Papierbeutel aus Afrika beigesteuert.
Aber stopp. Das Ganze ist gegenteilig: Fröhlich-bunt hat Thitz-Kunst Tiefgrund. ´Je suis Charlie` taucht auf einer T. Shirt-tragenden Figur auf. Auf dem Big Apple-Bild umfließen blaue Flüsschen das berühmte Flatiron-Bügeleisenhaus. Und weiter hinten an der Wand stellt ein Meter-langer Bilderfries,  als Galerie aller Ethnien und Religionen, die eine große Frage: Warum es kein friedliches Miteinander gibt? 
Ist das politische Kunst? 
Ich nutze die Gelegenheit mit Kurator Jörg Happel dem Phantasiegärtner Thitz auf die Schliche zu kommen. Was nicht einfach ist. Es wimmelt und wuselt im irre dichten Lebenswartezimmer des Herrn Thitz.
„Ich würde das nicht als politische Kunst bezeichnen. Soweit geht Thitz` Kunst nicht. Aber der Künstler bezieht Stellung. Er selbst würde wahrscheinlich sagen, dass er schließlich nicht in einem luftleeren Raum lebt.“
Was aber doch im ziemlichen Kontrast zum Ersteindruck von Guter-Laune-Kunst steht?
„Ja, sicher. Aber ohne diese Spannung würden diese Werke hier nicht hängen. Thitz hat eine Utopie von einer anderen Welt, von einer anderen Metropole. Beide sind grün, sind organisch.
Der Künstler, ein Urban-critic?
„Ja, die Urbanität ist wichtig. Urbanität in dem Sinne, dass sich Städte entwickeln müssen, hin zu grünen Städten. Sie müssen eine ökologische Ausrichtung bekommen, damit sie für Menschen lebenswert werden.“
Ist es da nicht seltsam, Plastiktüten als Bildträger zu benutzen? 
„Kann sein. Aber: Die meisten Tüten sind aus Papier. Auch die, die die Weseler für die Thitz-Installation gestaltet haben. Zudem: Auch Joseph Beuys hat seine politische Kunst auf PVC vorgetragen. Er hat eben das Material benutzt, das zur Verfügung stand. Trotzdem war Beuys ein ökologisch denkender Mensch.“
Ich schaue ein weiteres Mal hin. Und noch einmal. Und noch einmal. So viele Facetten gibt es. Offensichtliche, versteckte. Fabelhafte, realistische: „Die Figuren von Thitz sprechen mit Händen und Füßen. Sie kommen auf den Betrachter zu, schlängeln sich durch Häuser hindurch, sie fliegen. Das ist eine aufregende Dynamik. Aber es gibt daneben auch die Anonymen, die uns aus den Fenstern heraus einfach nur stumm anblicken.“
Jörg Happel kennt Thitz gut. Aus dreißig Schaffensjahren hat er den Tüten-Tempi-Temperamente-Überblick zusammengestellt. Selbst das Markenzeichen des Künstlers, das ungleiche Schuhpaar aus einem roten und einem gelben Schuh, hat er in die Vitrine gestellt. Etwas ungewöhnlich für eine Kunstausstellung. Aber warum nicht. Manch ein Henkel wächst ja auch über (Bild-)Grenzen hinaus.
Eine Tüte allerdings hat absolute Priorität: die Rechteck-Tüte. Im Fachjargon Flachbeutel, Kreuzboden-Beutel oder Klotzboden-Beutel genannt. Meine schnöde Spitztüte dagegen, geliebt, gewickelt und geklebt für Klümpkes oder Pommes bleibt außen vor.
Ich verstehe: ohne Henkel, keine Kunst. Thitz versteht charmant zu beuteln - die Kunstgeschichte, das Publikum, mich. Klar, dass mir das in die Tüte kommt.
 

Am Anfang war die Tüte