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31. Oktober 2018 - von Claudia Posca

Als Imdahl die Neue Kunst nach Bochum brachte

Bochum

Heute gibt es etwas zu berichten, das ist eine schönste persönliche Historie aus studentischen Urzeiten. Wenngleich der Anlass traurig und unfassbare dreißig Jahre her ist. Erinnerungen.

Am 11. Oktober 1988 verstarb der große Kunsthistoriker Max Imdahl, Gründungsordinarius des Kunsthistorischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum, ein Querdenker seines Fachs, der die Kunst vor der Geschichte betonte, ohne letztere auszuschließen. Auf dass Bildmächtiges uns anpackte, weil Kunst fortan, - die bilderlos konkrete besonders-, so, wie Imdahl sie sah und wie er sie uns sehen lehrte, jeden betraf. 

Das Überzeugende daran: Wir übten wahr zu nehmen. Buchstäblich. Intensiv. Präzise. Immer dienstags, immer donnerstags im großen Hörsaal um 12 Uhr, plus ein akademisches Viertel. Die Treppen waren proppenvoll. Die Erwartung gespannt. Manchmal begannen Imdahl-Vorlesungen so: „Mädchen, gib` mir mal `ne Zigarette.“ Damals qualmte es im Hörsaal. Vor allem aber, weil unsere Köpfe rauchten, wir Feuer und Flamme waren, zu sehen, zu hören, was es mit Barnett Newmans Riesenformat „Who`s afraid of red, yellow, blue“ auf sich hatte. Und egal, was wir an Beobachtungen, an Zweifeln oder Unkenntnis ins Forum warfen, - es wurde ernst genommen, weil es ja wahr genommen, also gesehen worden war: „Kinder, das ist sehr wichtig!“ Imdahl-Rede machte Mut, traute zu. Ikonik und Hermeneutik als Lehre von der Auslegung sinnlicher Bildkunstwerke waren knisternde Krimi-Wissenschaft.

Taffe Bildstrukturen, rätselhafte Widersprüchlichkeiten, unvordenkliche Kompositionen schubste uns Imdahl an, sie aus dem Bildganzen zu präparieren. Das wirbelte kühne Gedanken durch den Raum, belohnte mit Erkenntnissen von Bedeutung fürs eigene Leben. So und nicht anders lernten wir gucken. Imdahl half im Bildlichen Bild- und Lebensstrukturen zu entziffern. Er machte aber auch klar, dass es ein Risiko zu scheitern gibt: Wie das Leben, so die Kunst. Wir waren überzeugt, dass Ästhetik uns alle betraf, lebensrelevant und gar nicht abgehoben, keine bloße ´Spielwiese` war.

Bücher des Kunsthistorikers Max Imdahl Ja mehr noch: Als außergewöhnlicher Lehrer zeigte uns Max Imdahl mit phantastischen Denkschlenkern und manipulierten Dias,- wo einem Degas-Bild zwecks Vergleich kompositorischer Finessen schon mal die Zigarre wegretuschiert worden war -, was für einen Schatz man an originärer Bildlichkeit hatte. Das war magisch und jedenfalls unglaublich nah dran an den Besonderheiten von Malerei und Skulptur, - ohne deren letztlich Unfassbares einzukerkern: „Anschauungstatsachen eigener Art.“ Imdahl pointierte, sichtete Phänomene weitsichtig. Und meinte die oft paradoxalen, auch übergegensätzlichen Erfahrungsangebote von nachhaltiger Wirkung.

Klar, dass ich guckig wurde, als mir der Flyer „Mit Imdahls Augen - Gespräche über Moderne Kunst - ein studentisches Projekt der Bochumer „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ unter die Augen geriet: „Was sehen Sie?“ Schöner kann Wirkungsgeschichte nicht sein. Es ist eine originäre des Ruhrgebiets von internationaler Strahlkraft. Aber dazu später mehr.

Das Bochumer Projekt „Mit Imdahls Augen“ hat vor Ort dialogische Werkgespräche vor unterschiedlichen Kunstwerken an verschiedenen Kunst-Orten in Bochum vorangetrieben. Flankiert wurde es von Gastvorträgen zum wissenschaftlich-sinnlichen Erbe des legendären Kunstprofessors an der Ruhr. 2010 hat ihm Christoph Böll ein filmisches Denkmal gesetzt: „Sehenden Auges.“ Es ist eines, das mit Max Imdahl Ruhrgebietshistorie schreibt. Denn als dieser 1979 einen ehrenvollen Ruf nach Zürich ablehnte, zeigte er Kante für die Ruhr-Uni, für die Studenten im Pott, für ´sein` Revier. Mitten im Kohle- und Stahlland berührte er uns mit dem Zauber des Staunens: „Erkenntnis ist immer etwas, was darüber hinausgeht, was man schon begriffen hat.“

Soll was bedeuten? Wir alle kannten sie, die geometrisch vieldimensionalen „Strukturalen Konstellation“ von Josef Albers:

Publikum: Ich sehe da eine Räumlichkeit – eine vierte Dimension schon. 
Max Imdahl: Was ist eine vierte Dimension?
Publikum: Ja, die kann man nicht wahrnehmen, die ist unserem Begreifen nicht näher fassbar.
Max Imdahl: Sehen Sie, dass ist unglaublich, was Sie da sagen. Sie sagen: ich sehe da die vierte Dimension; dann frage ich: was ist die vierte Dimension? Ja – sagen Sie, die kann man nicht sehen, die entzieht sich meiner Wahrnehmung und jetzt, sagen Sie aber, Sie sehen sie. Was ist nun los?

Die geometrisch vieldimensionalen "Strukturellen Konstellationen" von Josef Albers

Unbedingt nachlesen, der O-Ton steht im grandiosen Buch „Arbeiter diskutieren moderne Kunst - Max Imdahl - Seminare im Bayerwerk Leverkusen“, was ein dokumentarisches Zückerchen fabelhafter Diskussionskultur ist. Und dafür sensibilisiert, dass Erfahrungen und Offenheit, nicht Fakten und Definitionen alles sind.

Einmal Imdahl-Fan, immer Imdahl-Fan?

Ich war gespannt auf den Abschlussvortrag anlässlich des 30. Todestages von Max Imdahl, zu dem das Bochumer Museum unter Tage (MuT) Angeli Janhsen von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eingeladen hatte. Die Gesammelten Imdahl-Schriften hat sie mit herausgegeben, wurde 1987 in Bochum von ihm promoviert, arbeitete an der Ruhr-Uni als Assistentin Imdahls.

„Die Einladung war eine besondere Ehre für mich. Vor 42 Jahren habe ich mein Studium bei Max Imdahl begonnen. Er ist mein Lehrer. Ich finde, dass muss man würdigen.“

Keine zwei Stunden habe es gedauert bis ihre Zusage kam. Ich finde, das will was heißen. 

Und dann beamt uns Angeli Janhsen mit einem wundervollen Vortrag in jene Zeit zurück, wo wir mit Kunst übers Leben nachdachten, weil wir einen Lehrer hatten, „der Bilder vorstellte, weil er dachte, dass sie uns etwas angehen könnten. Auch ältere Kunst hat er aus heutiger, aus seiner Perspektive gezeigt.“ 

Genau so war das. Subjektive Betroffenheit machte Imdahl-Lehre menschlich, hatte existentielle Wucht. Und ließ uns zu aktiven Große-Augen-Guckern mit Riesenohren mutieren. Denn was Max Imdahl dozierte, wenn er Präsenz und Widerständigkeit, Zumutung und Kräfteverhältnis, Materialverletzung und Ortlosigkeit in den Fokus schob, überzeugte: Wir sahen, was wir hörten und hörten, was wir sahen. Grandios.

Wobei es in den 1970er Jahren „überhaupt nicht zu erwarten war, dass ein Kunsthistoriker überhaupt zeitgenössische Kunst sah, sie ernst nahm, darüber schrieb. Und sie an der Uni auch verbreitete.“ Angeli Janhsen im Bochumer Museum unter Tage

Stimmt. Vom Kunsthistorischen Institut Bonn munkelten wir damals, dass die Kunstgeschichte dort im 19. Jahrhundert endete. So oder so, Max Imdahl war „kein Wissenschaftler, der im Elfenbeinturm sitzt und für Fachleute forscht. Sondern Imdahl war jemand, der anspruchvollste Gegenwartskunst so rüber brachte, dass jeder es verstehen kann, vielleicht nicht bis ins Letzte, aber doch verstehen kann. Es waren Sternstunden, die wir erlebten.“

Stimmt. Schon wieder. Ja, wir Ruhris fühlten uns am Kunsthistorischen Seminar zu Bochum schon ein klitzekleines bisschen privilegiert. Hier hatte man mit der „Abteilung Moderne Kunst der Kunstsammlungen an der Ruhr-Universität, die Max Imdahl engagiert betreute, „echte“ zeitgenössische Kunst. Und - man ging zu einem schon damals legendären Prof. 

„Man ging dort hin und redete über Dinge, die man sah. Und zwar nicht, weil man bürgerliche Kunstsachen lernen wollte, sondern weil man wissen wollte, wie das Leben ist. Da waren auch nicht die höheren Töchter, sondern: Das war ja Bochum. 1962 gegründet, 1965 eröffnet, die Ruhr-Uni war eine Lehranstalt im Industriegebiet. Imdahl war da absolut richtig und machte daraus einen Ort, zum ersten Mal in Deutschland, an dem zeitgenössische Kunst auf ganz hohem Niveau besprochen und auch in die Öffentlichkeit gestellt wurde. Stichwort: „Terminal“ am Bochumer Hauptbahnhof. Also: Was wir in NRW an Neuer Kunst sehen, hat über zwei Ecken immer mit Max Imdahl zu tun. Er hat es geschafft aus so einer Art Nachteil, den das Ruhrgebiet ja ganz sicher hat, einen Vorteil zu machen. Die Museumslandschaft gerade in NRW etwa ist von Imdahl-Schülern geprägt. Er ist jemand, der eine Menge Schüler hat. International wird er zunehmend mehr wahrgenommen.“

Aber, auch das sagt Angeli Janhsen: „Es wäre bedeutsam, Max Imdahl nicht zu einer Heiligenfigur zu stilisieren, sondern zu gucken, was interessiert an seinen Texten? Wo sehe ich etwas Anderes? Wo sehe ich anders?  Das ist richtig wichtig.“ „Kunst selbst sehen - Ein Fragenbuch“ heißt eine ihrer Publikationen.

Und dann kommt noch ein Satz, den unterschreibt an diesem Abend jeder aus dem Herzen: „Ich möchte Max Imdahl so stehen lassen: als ganz großen Lehrer.“

Als Imdahl die Neue Kunst nach Bochum brachte