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27. Oktober 2016 - von Claudia Posca

Alles eine Frage der Seele

Ruhrgebiet

Das ist jetzt einfach mal dran: Hans Scharoun, seine Architektur-Ikonen im Revier, organhaftes Bauen. Seit Wochen schon steht's im Kalender.

Im Ruhrgebiet ist der Ausnahme-Architekt, - Baumeister der berühmten Berliner Philharmonie - , mit gleich drei Meisterwerken vertreten. Lünen, Marl und Bochum heißen die Glücksstädte mit je einem echten Scharoun, zwei Schulen, ein Sakralbau sind`s im Detail.

Die wurden in den 1960er Jahren erbaut, sind heute, wunderbar restauriert, wieder buchstäblich im Gebrauch: Baudenkmale bespielt vom Leben. Den 1893 in Bremen zur Welt gekommenen, in Bremerhaven aufgewachsenen Hans Scharoun hätt`s gefreut.

Seine Vision: Eine humane Baukultur fürs Leben etablieren, Architektur mit Phantasie betreiben, Bedürfnisorientiert bauen. Häuser dagegen, die Menschen stapeln, formieren, funktionalisieren waren Hans Scharoun ein Greul. Sein Zauberwort im Widerstand? Hat wohl Mensch-maßstäblich geheißen, so wohl fühlt man sich in seinen ´fließenden`, abwechslungsreich strukturierten, Lichtdurchfluteten Raum-Bauten à la Lünen, Marl und Bochum.

Selbst wenn diese Revier-Sharouns nicht ganz so berühmt sind, wie Berlins phantastisches Konzerthaus, so einmalig wie dieses sind sie doch! Denn nirgendwo sonst hat der langjährige Präsident der Akademie der Künste Berlin (1955 – 1968) überhaupt Schulen oder eine Kirche gebaut. Nur Lünen und Marl haben Lehranstalten aus des Meisters Hand. Und Bochum gar hat die allereinzige Kirche, die je vom großen Architekten entworfen wurde.

Dabei hätte es anders kommen können. Nach des Vaters Willen wäre Hans Scharoun Jurist geworden. Mal- und Kunstsessions waren dem jungen Hans streng verboten. Genutzt hat es nichts. Hans Scharoun wurde, was er werden wollte: Architekt.

Schon als 16-Jähriger zeichnete er die neuesten Bautechniken der Werften Bremerhavens aufs Papier, stromerte umher, um Schiff und Kran tektonisch zu analysieren. Das Selbststudium machte fit, bereitete bestens das ersehnte Architekturstudium vor. 1912 erfüllte sich der Traum, die Königlich Technische Hochschule in Berlin hatte einen neuen Studenten. Später wurde Hans Scharoun dort selbst Professor, lehrte von 1946 bis 1958 eine Architektur mit Menschenmaß.

Was Hans Scharoun bis zu seinem Tod 1972 zauberte, bewegt die Welt bis heute. Wie wir leben wollen, wie wir leben werden,  sich das zu fragen, kommt keiner drum rum. Das Ruhrgebiet setzt auf innovative Diskussion, guckt, was Kunst und Kultur an Kreativ-Power ins Rennen schicken.

Für mich, ganz klar, muss da einfach irgendwann die herrlich lebendige Architektur des Hans Scharoun in den Fokus rücken, zumal seine wunderbare Trias herausragender Nachkriegsarchitektur in Lünen, Marl und Bochum vor der Tür liegt.

Das Besondere an Scharouns Bau-Kunst: Sie ist plastisch konzipiert, hat Schrägen, Winkel, Nischen, Außen- und Innenräume, eine Liebe zu Licht, Farbe und Natur, zu Klarheit, Struktur, Phantasie und Individualität. Der Architekt selbst sprach von Lebensräumen parallel zu den Wirkungsgesetzen der Natur. „Organhaft“ nannte er das. Häufig wird „organisch“ draus gemacht, was nicht ganz stimmt, weil seine Baukunst - anders als es die Anthroposophie denkt - nicht aufs Nachbilden von Natur-Erscheinungsformen setzt.

Doch Organik hin oder her: Aus dem Berliner Atelier Scharoun kam Nachhaltiges mit Wohlfühl-Effekt in den ´Pott`. Egal, ob als Schule errichtet, wie das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lünen 1956-1962 oder die Scharoun-Schule in Marl 1960 bis 1971 oder die Johannes-Kirche in Bochum 1966, mit Null-Acht-Fünfzehn-Haus- und Sakralbauten haben diese Meisterwerke nichts zu tun. Seinerzeit ausgesprochen revolutionär, - und bis heute hochmodern-, waren sie mit Herz und Empathie angetreten, künstlerisch-sinnliches Denken ins öffentliche Bauwesen einzuschleusen. Reform-Architektur pur. Vorbildlich.

Was Wunder, dass man stolz auf diese Juwelen blickt. Zumal sie jetzt, so gut es nur irgend originalgetreu ging, frisch restauriert in magischem Glanz erstrahlen.

Dabei sind sie, recht betrachtet, ziemlich schräg. Was doppelt gemeint, einerseits exzeptionell bedeutet und andererseits den rechten Winkel vermeidend heißt. Hochallergisch reagierte Hans Scharoun auf Seelenlose Zimmer-Additionen. Eine heftige Phobie hegte er gegenüber Achsen, Geometrien und Regelmäßigkeiten. Alles, bloß keine Architektur in Marschformation, das war das Credo des von Nazi-Deutschland traumatisierten Architektur-Humanisten. Dynamisch, offen und zur freiwilligen Versammlung von Menschen mit Menschen einladend, wollte der Reformpädagogisch beseelte Mann bauen. Gelungen sind ihm Schulen, Häuser, Konzertsäle, die die Großen umarmen, den Kleinen ein Nest sind.

Interessiert war Hans Scharoun an Raumgestaltungen fürs Kommunikative, fürs gesellschaftliche und soziale Miteinander. Schnöde Allzweck-Bauten lehnte er ab, technologische Baukunst à la Mies van der Rohe, mit dem er neben Walter Gropius befreundet war, reizte ihn nicht. Individualität, ästhetische Erziehung, Dialog und Austausch dagegen ankerten seine Bauphilosophie. Hans Scharoun war überzeugt: Am menschlichen Maßstab orientierte Architektur wirkt positiv auf Sinne und Verstand.

Was auch wieder so ein typisches Scharoun-Prinzip ist. In Lünen, Marl und Bochum entwickeln sich Räume von den inneren Funktionen ausgehend empathisch: ausdrücklich zum Wohle des Menschen. Und nicht, um ihn besser funktionalisieren zu können.

Keine Beschulungsräume etwa, sondern „Klassenwohnungen“ zum Heimisch-werden hat Hans Scharoun gebaut, mit Lese- und Spielecke, mit Klassengarten und Gruppenarbeitsort, mit kommunikationsfreundlichen Pausenplätzen. Das Ganze hell und freundlich dazu, mit Wandbildern und einer ausgeklügelten Lichtregie ausgestattet. Dem normalen Maß des kindlichen Wachstums angepasst sein sollte das Lernen und „deshalb durch die Schule wie durch die Familie der Umstand gefördert werden, dass die Erde eine gute Wohnung sei und wird.“

„Dass die Erde eine gute Wohnung sei und wird“ - was für ein Satz! Er verdient es, vergoldet und noch mehr in die Tat umgesetzt zu werden.

Keine Frage, ich bin Scharoun-Fan. Auch, weil sich dieser Architekt immer wieder für ein ethisches Fundament im Baugewerbe stark machte. Fast mahnend erinnerte Hans Scharoun auf der Triennale in Mailand 1960 daran, dass „die wichtigste Aufgabe der Erziehung die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft, seine Entwicklung zu einer persönlichen Verantwortung ist… So sollte ein Schulbau nicht Symbol politischer Macht oder Ergebnis technischer oder künstlerischer Perfektion sein. Wie jedes andere Gebäude sollte eine Schule eine Vorstellung von Leben vermitteln, die dem universalen Prinzip von Demokratie entspricht.“

Was, brandaktuell, nichts anderes bedeutet, als dem Plural menschlichen Lebens Raum und Räume zum Leben zu geben. Nehmen wir sie ernst, die Seele der drei Revier-Scharouns!

Alles eine Frage der Seele