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9. Juni 2016 - von Claudia Posca

Ad hoc - gefunden

Bochum

„Tschuldigung, suchen Sie auch die Ausstellung?“ Woher weiß die Frau das? Seh ich so aus? Wie jemand, der an einem frühen Freitagabend im Bochumer Westend, Nähe Bermuda-Dreieck, auf der Suche nach Kunst von Karim Noureldin ist?

Bis mir einfällt: meine Kamera am Schulterriemen ist verräterisch. Na klar, wer läuft schon Objektivbewaffnet durch ein Wohnviertel, wo weder Architektur-Highlight noch Mega-Event locken? Hausfassade links, Hausfassade rechts, die Schmidtstraße ist ziemlich unaufgeregt. Etwas weiter geht`s um die Ecke, ein Garagenhof ist zugesperrt, man läuft auf die Türkisch-Islamische Gemeinde zu.

Ich grinse: „Sie auch auf der Pirsch? Irgendwo hier muss der Ausstellungsraum doch sein. „ad hoc“, Nummer 35.“ „Hmmm, genau da sind wir. Nur sehen tut man nix, echt merkwürdig.“ Ihr Sohn nölt rum, vor Ort ist`s  aber auch echt öde. „Komm, wir suchen noch `n bisschen weiter.“ Wenn Kunstenthusiasten erst mal Witterung aufgenommen haben, gibt`s auch für Kinder kein Entkommen, „da muss er durch.“ Vielleicht weiß der Mann da vorn Bescheid? „Nee. Eine Ausstellung? Wo? Hab` hier noch keine gesehen.“ Ob wir doch falsch sind? Es ist fünf vor sieben, um 19 Uhr sollte es losgehen. Publikum ist weit und breit keins da. Seltsam.

Vor allem weil der Künstler kein Newcomer ist, auf dem internationalen Kunstparkett einen Namen hat. In Deutschland wird er von den Galerien Clement & Schneider in Bonn sowie von Bernhard Knaus Fine Art Frankfurt vertreten. Dazu unterrichtet der 1967 in Zürich geborene Karim Noureldin an der renommierten Ecole cantonale d` art de Lausanne (ECAL), hat in vielen Museen europaweit ausgestellt. Jetzt also Bochum. Was einen Karim Noureldin wohl zu einem Off-Ort ins Revier treibt, der sich vor Ort mit keinem kleinsten Hinweis als ein solcher zu erkennen gibt? Spannend!

Wir suchen weiter. Gelesen hab` ich zum „ad hoc“-Konzept: „Das Ziel des Projektes definiert sich, neben dem künstlerischen Diskurs, einerseits über die Förderung der eingeladenen KünstlerInnen durch eine Einzelausstellung, andererseits wird die Vernetzung und Kooperation zwischen den unterschiedlichen Kunstinstitutionen, Off-Spaces, der freien Kunstszene Bochums und den Künstler-Gästen angestrebt. Aus diesem Grund ist es dem adhocraumteam ein großes Anliegen, nicht ausschließlich Künstlerinnen und Künstler aus der lokalen Kunstszene zu einer Ausstellung zu bitten, sondern dezidiert NRW- und deutschlandweit, sowie international einzuladen.“

Klingt gut, jetzt müssen wir die ambitionierte Location nur noch finden.

Off-Orte haben es so an sich keine Kunsthäuser im auffälligen Design zu sein. Im Gegenteil. Schließlich steht off für außerhalb, auch raus. Was in jedem Fall heißt: weg vom institutionalisierten White Cube rein in die Szene ohne die Mächtigen der Kunstszene: Bye-bye Mainstream, bye-bye Establishment. Bisweilen erscheinen Off-Orte als Trainingslager der Subkultur, profitorientierte Absichten stehen hintan, Experimentelles dagegen ist willkommen. Und natürlich der Talk übern Gartenzaun, Publikumsnähe für das wo, warum, wieso, wozu zeitgenössischer Kunst - grenzüberschreitend.

Das Bochumer „ad hoc“ ist da keine Ausnahme. Durchschnittlich sieben Ausstellungen, Laufzeit jeweils zwei Wochen, werden in der Zeit von April bis Oktober gestemmt. Im vierten Jahr jetzt schon. Die drei Künstler Tim Cierpiszewski, Christian Gode und Max Rentrop stecken dahinter. Auf www.adhocraum.com findet man Infos. Viel Interessantes hat das Trio schon gezeigt. Nur wo?

Fest steht: „ad hoc“ ist unter uns, liegt irgendwo hier in der Bochumer Schmidtstraße, mitten drin, umgeben von links: Hausfassade, rechts: Hausfassade und von Hausfassaden geradeaus. Alle Anwohner, Nachbarn und Passanten sind eingeladen. Theorie und Praxis gibt's zum Anfassen. Off-Orte ticken anders als der etablierte Kunstbetrieb. Das Suchen gehört dazu. Im übertragenen Sinne ist es sogar Programm.

Also suchen Mutter, ihr Sohn und ich weiter. „Vielleicht dort?“ Möglich immerhin ist es, dass sich der Underground-Ground auf dem Dachspeicher, in einem Keller, in einer Privatwohnung oder einer Garage eingenistet hat. Auf jeden Fall werden wir keinen musealen oder kommerziellen Ausstellungsraum finden.

Inzwischen macht mir das Ostereier-Suchen richtig Spaß. Sich auf eigenes Risiko der Kunst auszusetzen, hat was. Angekündigt wurde eine ortsspezifisch-rauminstallative Arbeit im Dialog von Architektur und Zeichnung. Karim Noureldin ist Profi für solche Interventionen. Was nach Traditionsbruch riecht: weg vom Papier, rauf auf Boden, Decken, Wände.

„Da vorn tut sich was!“ Ein großes Garagentor quitscht, wir marschieren hin: „Karim Noureldin?“ „Der Künstler kommt gleich.“ Aha. Noch immer sind wir unter uns, aber staunen kann man auch so: Es quitscht wieder, weitere Flügeltore öffnen sich: Magenta-Lichtleuchten in einer Doppelgarage.

„Ad hoc“ gefunden! Publikum trudelt almählich auch ein.

Kunst im Carport. Mir dämmert, warum der Ort den etablierten Künstler reizt. Der nicht allzu hohe Raum ist eine schnörkellose Alltagsschönheit von nahezu perfekter Ebenmäßigkeit. Fünf mal fünf Meter ist der ins Garagenhaus eingezogene White Cube, davor die Ödnis eines funktionalen Hofes. Eigentlich ein Un-Ort. Aber Karim Noureldin hat einen Ort draus gemacht.

Die eigentlich clean-weiße Raumschachtel mit Direktzugang nach draußen hat der Mann mit dem schönen Namen behutsam definiert: Magenta total unter die Decke, darunter auf den Boden legte er einen im Auftrag und nach seiner Maßgabe geknüpften, konstruktiv-geometrisch ornamentierten Teppich. Fast schon rituell wirkt das Ganze. Und erinnert an einen Gebetsraum. Ist aber keiner. Obwohl der genius loci ähnlich meditativ rüber kommt. Kaum traut man sich in den Space einzutreten.

Erstmals überhaupt hat Karim Noureldin ein stoffliches  Objekt auf der Basis seiner Zeichnungen entworfen „Ich wollte Akzente setzen, was oben und unten, was Himmel und Erde betrifft. Außerdem ist es mir wichtig die üblicherweise wenig beachteten Bilder der Horizontale - also das Bild-Dekorum auf dem Boden oder unter der Decke - in den Blick zu rücken: Ornament, Mosaik, Fliesen- und Teppichkunst etc. Das ist ein weites Feld, hat mit Zeichnung zu tun.“

Stundenlang könnte ich mich mit Karim Noureldin über Berberteppiche, über Ornamentsymbolik, über Zeichnerisches in der Web- und Knüpfkunst unterhalten. Die Dame mit ihrem Sohn ist längst schon weg.

Und dann erzählt Karim Noureldin, wie ihn „ad hoc“ anpackte: „So einen Ort findet man nicht mal so nebenbei. Als ich „ad hoc“ das erste Mal gesehen habe, war klar, da musst Du unbedingt was ausprobieren. Der Teppich ist der Auftakt zu einer neuen Serie mit textilen Objekten im Rahmen von Zeichnung, Raum und Architektur.“

Richtig richtig gut, dass wir beide „ad hoc“, wenn auch nicht ad hoc, gefunden haben!

Ad hoc - gefunden