gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

15. Oktober 2015 - von Claudia Posca

Achtung! Vorurteil!

Ruhrgebiet

Plaudern aus dem Nähkästchen. Weil mich so viele danach fragen: Wie kriegt man die vielen Facetten des Kunst-Reviers unter einen Hut? Ganz klar: gar nicht. Aber: Die Vielfalt ist spannend. Und: Den immensen Input gilt es auszuhalten. Wobei der perspektivische Blick eigener Wahrnehmung mehr als einmal verrückt wird. Ganz ehrlich: Homogener, gleichförmiger, verlässlicher wäre das Kunstgebiet Ruhr einfacher.

Tragisch ist die Vielfalt dennoch nicht. Sie zehrt. Vor allem an gefühlter Sicherheit. Der Grund: Sind die Vorurteile, die auf den Prüfstand kommen, weil andere dieselbe Sache ganz anders sehen. Meine Erfahrung: Die Sehnsucht, im Lot zu sein mit sich und der Welt, hat auf dem Feld der Kunst selten ein zu Haus.

Ein Beispiel: Vor einigen Wochen gab‘s zwei Einladungen zu zwei Galerie-Vernissagen, nennen wir die eine Galerie X, die andere Galerie Y. Zu Galerie Y wollte ich immer schon mal gehen. Interessehalber, wegen des mich ansprechenden Programms, ein Profil, das Hand und Fuß hat, wie man so schön sagt, weil es eine Message, ein ernsthaftes Anliegen vermittelt. Die Galeristen: versierte Kunstkenner. Die Vernissage: eine Einladung mit dem Versprechen, ausgewählte Kunst, die ans existentiell Eingemachte rührt, überzeugt vertreten zu sehen. Zur Begrüßung gab es ein Glas Wein, keine Eröffnungsrede. Das Publikum soll selbst gucken.

Galerie X dagegen ist ein Newcomer, zeigt eine erste Ausstellung, hat erklärtermaßen kein Programm, will aber was „auf dem Feld der Kunst machen“, weil „die Räumlichkeiten nun mal da sind“, der Betreiber aus seinem Erst-Beruf ausgestiegen ist. Welche Kunst ihn interessiert, welche er kennt? „Keine Ahnung, mal gucken.“ Mir bleibt die Galerie ohne Programm ein Rätsel. Vielleicht hat der Betreiber Ghost-Finder im Kunstbetrieb? Die Vernissage: Ist ein fröhlicher Event mit Live-Musik, Lecker-Essen, guter Stimmung. Ein echter Mini-Hund in feiner Handtasche durfte auch mit zur Premiere. „Und wer das kleine Format liebt, der sollte sich nicht scheuen auch zum Klo zu gehen, da gibt‘s noch mehr Kunst zu sehen“, sagt american-like die taffe Eröffnungsrednerin. Namentlich hebt sie den Rahmenbauer sowie den Einladungskarten-Designer hervor. Einige rote Punkte kleben schon neben der Kunst: verkauft.

Wie mir die Bilder gefallen, werd‘ ich gefragt. Hätte ich Räume zu dekorieren, könnte ich mir das Format dort links vorstellen, lautet meine Antwort. Man versteht, was ich meine. Und guckt mich schräg an. „Die Künstlerin hat Grafik und Design studiert, beschäftigt sich intensiv mit Materialien.“ Stimmt, das sehe ich auch. Und es kommt mir gefällig vor. „Gibt es etwas gegen Schönheit einzuwenden?“ Nein, ganz und gar nicht! Ja, mehr noch, ich hab‘ sogar ein Faible für süßlich Schönes, manche nennen es Kitsch. Aber im Kontext Kunst möchte ich mich mit einer unter die Oberfläche dringenden Schönheit beschäftigen. Was ich in der Ausstellung vermisse, ist eine über die materiale Schön-Inszenierung in perfekter Rahmung hinausgehende Haltung, so etwas wie ein Statement zum und fürs Leben. Dass hier Sinne angeregt werden? Das ist ein Passt-immer-Argument. Und na klar, regt Sinnliches die Sinne an. Das schafft nahezu jedes Bild auf die eine oder andere Weise. „Sind Sie nicht zu streng, ja voreingenommen?“

Bin ich das? Habe ich Vorurteile? Verstelle ich mir durch den Abgleich mit kunsthistorischem Wissen und persönlicher Erwartungshaltung den offenen Blick?

Ich komme mir als Spielverderberin vor. Warum nicht unbefangener sein? Warum nicht philosophieren: „Heiter sei die Kunst, hilfreich und gut“, wie das mein Hirn gerade in Abwandlung des Goethe-Zitats variiert?

Der Kopf raucht. Meine Empfindung: Inhaltliche Zerreißproben, Parallel-Welten, high culture versus low culture, Inner-circle-Diskussion versus Peripherie-Gespräch, Profi-Künstler versus Hobby-Künstler, Berufsgalerist versus Nebenjobgalerist. Und so fort. Wo verlaufen die Grenzen? Sind diese überhaupt von Belang? Oder zählt einfach nur: Hauptsache kreativ sein, Hauptsache der Phantasie freien Lauf lassen, Hauptsache und überhaupt etwas machen? So, wie Galerist X das bei guter Laune experimentiert, um zu gucken, was draus wird. „Jeder fängt schließlich mal an. Vielleicht kommt Großes raus beim Drauf-Los-Ausstellen.“

Die Unbefangenheit finde ich bewundernswert. Die Beliebigkeit des Anything-goes aber nicht. Da bin ich geprägt. Und stehe zum Vorurteil, überzeugt davon, „dass irgendein Mensch auf Erden ohne Vorurteil sein könne, ist das größte Vorurteil.“ (August von Kotzebue)

Ach ja, und überhaupt: Beim Vorurteil halte ich mich an den semantischen Sinn des Begriffs, der besagt, dass das Vorurteil zunächst einmal eine neutrale Instanz auf dem Weg hin zur „endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente“ ist, wie das Hans-Georg Gadamer so brilliant in „Wahrheit und Methode“ formuliert. „Vorurteil heißt also durchaus nicht notwendig falsches Urteil. In seinem Begriff liegt, dass es positiv und negativ gewertet werden kann… Das Verstehen ist selber nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln.“

Tatort Galerie X: Auch hier ist das Gucken aufs Bild abhängig von der Prägung desjenigen, der da guckt. Ohne Reisegepäck (darunter ältere und neue Bündel) ist niemand unterwegs. Kunstgeschichte, -theorie, -journalismus stecken in meiner Box. Und werden als Erfahrungsschatz beim Blick aufs Bild vor Ort mit aktuell entstehenden Eindrücken abgeglichen. Wie ich die Bilder finde? Begründet sich in eben diesem Zusammenspiel, ähnlich dem Dreiklang „Synthese aus These und Antithese“.

Wollte ich nur mal sagen. Wegen Voreingenommenheit und so.   

Achtung! Vorurteil!