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30. April 2015 - von Claudia Posca

Achtung: Umleitung! Unterwegs im Kunst-Verkehr

Ruhrgebiet

Ich hab‘s noch im Ohr: „Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn, vor uns liegt ein weites Tal, die Sonne scheint mit Glitzerstrahl, die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand…“ Hätte nicht gedacht, dass ein Autobahn-Song mir mal zur Kunstgeschichte einfallen würde.

Aber der Reihe nach: Es geht um zwei Mal B1! Auf der Straße, im Atelier. Wir schreiben die 1970er Jahre im Ruhrgebiet.

„Autobahn“ von Kraftwerk war damals ein Ohrwurm, trotz über 22-minütiger Monotonie. Cool wirkte der Song, zeitgeistig, eine, wenn auch ironische Verbeugung vor Mobilität, vor Modernität. 30 Jahre nach Nazi-Deutschland und Kriegsende herrschte gute Stimmung im Industrierevier, die Wirtschaftswunderjahre nährten ihre Kinder, Rimini an der Adria gönnte sich, wer konnte. In Duisburg, Essen, Hattingen und Bochum glühten die Hochöfen, an der Ruhr boomten Montan- und Auto-Industrie, der Bergbau auch.

„Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn“… Auf der berühmt-berüchtigten B1 etwa, Hauptverkehrsschlagader des Reviers, heutige A 40, wichtigste Ost-West-Tangente mit Stau-Potential, prädestiniert für Wutanfälle, Herzinfarkte, cholerische Ausbrüche. Sich mit ihr abzugeben, ist Brechreiz-Thema Nr.1 für Berufs-Pendler und Transit-Reisende.

Ähnlich hatten das vor über vierzig Jahren auch die zehn Revier-Künstler Helmut Bettenhausen, Bernd Damke, Günter Dohr (†), Rolf Glasmeier (†), Kuno Gonschior (†), Friedrich Gräsel (†), Ewerdt HilgemannFranz-Rudolf KnubelFerdinand Spindel (†) und Günter Tollmann (†) gesehen, damals, als sie sich 1969 zur gleichnamigen Gruppe B1 als Anspielung auf eben diese ungeliebte Schnellstraße zusammenschlossen: „B1 macht Objekte, Projekte, Plastiken, Bilder und Räume, B1 arbeitet kinetisch und statisch, mobil und stabil, B1 ist produktiv, B1 ist auf Fabrikation und Industrie eingestellt, B1 spielt und ist immer neugierig, B1 sind 10, die an der B1 leben und die B1 führt zu B1, die Umwelt an der B1 wird von der B1 mitgeprägt“, heißt es im Manifest.

Ich rufe den in Herne lebenden Helmut Bettenhausen an: Die Grundidee von B1? „Wir haben die B1 als Gegebenheit genommen, wollten sie künstlerisch gestalten und für das bewusst machen, was hier vor Ort war.“

Als Herzensangelegenheit, der von moderner Industrie zerstörten Landschaft „einen humanen Wert zurückzugeben“, beschreibt es der Kunstgebiets-Revier-Kenner und ehemalige Direktor des Marler Skulpturenmuseums Glaskasten Marl, Uwe Rüth. Und hat 2009 die intensive Mehr-Stationen-Ausstellung „Industrial Land Art im Ruhrland“ rund um die Künstlergruppe B1 und die Folgen realisiert.

Der Gründungsort von B1? Das war die inzwischen kaputt-sanierte, legendäre Künstlersiedlung Halfmannshof in Gelsenkirchen. Ganz genau war es dort das Atelier Ferdinand Spindels, wo dieser rosa Schaumstoff zu verschnürten Plastiken verarbeitete. Hier packte B1 an, was nicht Mainstream der 1970er Jahre war: die Vision einer schönen Autobahn.

Allerdings: „Jeder auf seine Art. Gemeinschaftsprojekte hat es nie gegeben, obwohl wir alle im Bereich konkreter Kunst arbeiteten“, erinnert sich Helmut Bettenhausen.

Was die Zehn einte, war das Postulat, dass „eine zwingende Wechselbeziehung zwischen konstruktiv-künstlerischen Bestrebungen und industrieller Umwelt besteht und dass entlang der B1 aktuellste Tendenzen der Gegenwartskunst auf hohem Niveau existieren.“

Die B1 als Kunst-Boulevard mit Haupt- und Nebenwegen, raus aus dem Atelier, rein in die Landschaft, hin zu den Menschen wurde von der Presse als „Traumstraße der modernen Kunst“ kommentiert. „Das Ruhrgebiet soll eine Pracht werden!“ lautete die Schlagzeile. Vieles davon blieb Vision.

„Damals war lange nicht möglich, was heute möglich ist. Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, wie man das negative Image des Ruhrgebietes verändern könnte. Schließlich lebten wir hier“ erinnert sich der Gründervater der Künstlerzeche „Unser Fritz“ in Herne, Helmut Bettenhausen. „Ein öffentliches Bewusstsein gab es nicht. Heute ist das anders.“

„Pimp up my highway“ etwa empfiehlt das „Gestalthandbuch zur A40/B1“: „Über einzelne Stadtgrenzen und Zuständigkeiten hinweg kann man der Region ein Gesicht geben. Dafür haben die Anrainerstädte zusammen mit dem Straßenbaulastträger das Gestalthandbuch A40/B1 erarbeitet.“

Wow, dass Kunst eine solche Wirkungsgeschichte haben kann! Sage noch einer, die Schhönen Künste seien nutzlos! Die B1-Künstler haben es vorgemacht. Obwohl nur von kurzer Dauer - 1970, nach nur einem Jahr, war Schluss mit den gemeinsamen Treffen-, hat die Gruppe Bleibendes angestoßen: Nicht zuletzt Ideen der Internationalen Bauaustellung Emscherpark der 1990er Jahre oder auch die „Lange Tafel“ auf der für einen Tag stillgelegten B1 mit 23.000 Tischen im Rahmen der „Kulturhauptstadt 2010“ sind ohne B1-Bewusstseinsschärfung nicht vorstellbar. Mit „Kurvensignalen“ von Helmut Bettenhausen, mit dem „Kurvenmunument B1“ von Bernd Damke, mit Neon-Installationen von Günter Dohr, mit Friedrich Gräsels röhrenförmigen Beton-Skulpturen als Wegmarken wollten die Visionäre auf den Weg bringen, was schon 1952 Werner Graeff postuliert hatte: „die künstlerische Gestaltung des Ruhrlandes“.

Mir fällt das Autobahndenkmal am Standort zwischen den Autobahnanschlussstellen Wuppertal Süd und Wuppertal Ost auf dem Parkplatz Ehrenberg ein. Hat B1 die Autobahn auf den Sockel gehoben?

Die Recherche ergibt: Peter Brüning, kein B1-Mitglied, hat es 1968 aufgestellt. Nachdem er ein Jahr zuvor in Ratingen formuliert hatte, was B1 an der Ruhr ebenfalls umtrieb: „Ich glaube, dass es ein ganz natürliches Unterfangen für einen heutigen Künstler ist, auf eine Umwelt zu reagieren, wie sie die des Verkehrs mit all ihren optischen und bildnerischen Zeichen darstellt.“ Dazu wiederum kommen mir die Anfang der 1960er Jahre entstandenen „Verkehrszeichen & Signale“ des Ende 2003 gestorbenen Düsseldorfer Künstlers Winfred Gaul in den Sinn.

Anscheinend hat damals Verkehrskunst in der Luft gelegen? Helmut Bettenhausen überlegt: „Es interessierte uns sehr, was unser Lebensumfeld, was Städtebau und Infrastruktur ausmacht. Wir hatten Zweifel.“

Der wiederum nagte nicht unbedingt am optimistischen Fortschrittsdenken der B1-ler. War aber ein Stachel im Alltag, wo das Leben unsinnlich auffiel: „Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn…“, damals roch der Pott dunstig und schlecht, Drecksluft, zerstückelte Landschaft, graue Innenstädte.

Das nahm B1 der B1 übel: Kunst zur Intensivierung von Auge und Verstand in den Öffentlichen Raum schicken, den Ruhrpott bunter  machen, mit Kunst funktionell einwirken - selbst, wenn nicht viele B1-Visionen realisiert wurden, Public Art ist ihr Kind, und das Ruhrgebiet ist bunter geworden.

Achtung: Umleitung! Unterwegs im Kunst-Verkehr