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20. Oktober 2016 - von Claudia Posca

Achtung! Fertig! Pause! Zen!

Ruhrgebiet

Auch mich hat es erwischt: Die Melancholie lauert, der Kunst-Sommer 2016 ist vorbei. Schön war's. Durchatmen, ausatmen, her mit den Teelichten! Schließlich ist kein Viertel vom Jahr per se vor Lichtblicken gefeit.

Mein Lichtblick? Hat seit immerhin zwei Tagen charmante Mini-Mehr-Zeit. Weil auch die Kunst mal verschnauft, gern in dunkler Jahreszeit. Bedeutet: Entschleunigen. 2016 war echt viel los im Revier.

Ab jetzt freu` ich mich auf Slow-Motion. Denn Crossover all over hat als temporeiches Rendezvous zwischen Kunst, Urbanität und Gesellschaft, zwischen künstlerischen Sozial- und bildnerischen Ökologie-Projekten bisweilen auch geschlaucht. Truck Tracks Ruhr, Emscherkunst, Ruhrtriiiennale. Das Alles begleitet von einem auffälligen Sparten-Hopping. Wir als aktives Publikum waren und sind gefragt. Klammheimlich hat sich da manch einer gefragt, ob nicht die  boomenden Kontextualisierungskünste der Tendenz nach einen Hang zur Hyperaktivität zeigen.

Innehalten? Tagträumen? Trödeln? Das Hamsterrad anhalten? Geht das? Können wir vor einem Kunstwerk Zeit vergehen zu lassen, ohne dass das Gewissen zubeißt? Sind wir noch fähig Zeit zu genießen?

Schließlich heißt es nicht von ungefähr: Wer nach der Zeit lebt, muss damit rechnen, dass ihm sein Leben mit der Zeit auf den Wecker geht.

Eine leise Ausstellung stellt Fragen: Chen Ruo Bing im Kunstmuseum Bochum. „Die Leere des Bildes ist die Quelle der Sinnhaftigkeit.“

Pause. Hammer! Das haut rein. Gerade nach den Sommer-Kunst-Erlebnissen im 50-Kilometer-28-Positionen-Open-Air-Emscherkunst-Parcours. Oder auch nach dem phantastisch Ort-Zeit-wechselnden Brummi-Brummen durchs Revier.

Sie ahnen es schon, Chen Ruo Bing-Kunst ist anders. Anders jedenfalls als performative Mit-Mach-Kunst. Nichts an ihr ist turbulent, nichts darin ist rasant. Die reduziert-elementare Malerei des 1970 im chinesischen Nantong geborenen, heute in Düsseldorf lebenden Künstlers kommt ohne explosiven Gestus aus. Zwischen Fernost- und West-Traditionen oszillierend, genügt der meditativen Malerei ein zumeist zweifarbiges, höchsten dreifarbiges, dünnflüssiges Kolorit. Annähernd runde Kreisformen, Quasi-Quadrate und -Rechtecke, Nahezu-Ringe und -Balken prägen die Szene. ´Weniger ist mehr`, das geflügelte Wort steckt in jedem Bild: Auszeit als absolute Zeit, Sekunde für Sekunde, Bild für Bild.

Ruhe, bitte! braucht in diesem Parcours niemand zu raunen. Denn Stille ist das grundlegende Prinzip: Durchatmen, ausatmen, Pause. Ich habe lange vor den Bildern gesessen: „Die Leere des Bildes ist die Quelle der Sinnhaftigkeit.“

Das könnte dem „Verein zur Verzögerung der Zeit“ gefallen. Dessen Mitglieder machen sich  als „derzeit größter interdisziplinärer Zusammenschluss von Zeitexperten im deutschsprachigen Raum“ dafür stark dem „ständigen Rausch der Optionen“, der „ungebremsten Ökonomisierung“ und der „zunehmenden Verdichtung von Zeit“ (Zeitvereins-Vorstandsmitglied Martin Liebmann) ein Innehalten und Nachdenken entgegenzusetzen. Sympathisch. Da könnte ich glatt einsteigen.

Seit 1990 gibt es diesen Verein. Gemeinnützig und außerparteilich ist er an die Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildnung (IFF) der österreichischen Alpen-Adria-Universität Klagenfurt angegliedert. Hauptamtlich besetzt, hat das Vereinsbüro seine Adresse in der 100.000-Einwohner-Stadt. Gegründet wurde der inzwischen häufig nachgefragte Verein von dem österreichischen Philosophen und emeritierten Professor Peter Heintel. Heute zählt der Verein 700 Mitglieder.

Und die machen sich stark für das, was Michael Ende mit seinem 1973 erschienenen Märchenroman „Momo“ so grandios beschrieb: in der Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das, die Stunden-Blume in der Hand und Schildkröte Kassiopeia unter dem Arm, den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.

Ich liebe dieses Buch. Weil es phantastisch geschrieben und herrlich  gleichnishaft ist. Momo habe ich nie vergessen. Vielleicht war das Buch so etwas wie mein Nadelöhr zum ZEN.

„Wenn ein Betrachter diese Kunst ansieht, muss er lange und intensiv schauen und die Herausforderung akzeptieren, sie mit seinem ganzen Wesen, mit seinen Sinnen und seiner Seele aufzunehmen. Die Menschen müssen Wissen, verbale und rationale Erklärungen außer Acht lassen und zulassen, dass sie in eine intime Beziehung mit der Leinwand eintreten, alles andere müssen sie vergessen“, sagt Chen Ruo Bing. In Jiaxing hat man dem Mann 2006 ein eigenes Museum eingerichtet: „House of Light“.

Was sich ganz außerordentlich nach Lichtung anhört. Und nach ´der Weg ist das Ziel`. Und mir die buddhistische Weisheit in Erinnerung ruft: „Es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist, aufzuwachsen. Diese Zeit ist jetzt.“

Aber wie läuft sich dieser Weg in der Jetzt-Zeit, in Momos „Heute-Land“, im Moment vor Chen Ruo Bings Bildern sitzend?

Vielleicht hat es Cézanne geahnt, als er schrieb: „Der Maler soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit, vergessen, vergessen, Stille machen, ein vollkommenes Echo sein. Wenn ich beim Malen denke, ist alles verloren.“

„Die Leere des Bildes ist die Quelle der Sinnhaftigkeit“, malt Chen Ruo Bing was er sagt. Und weiter: „Das ist der Weg, wie die Menschen die spirituelle Welt der Kunst selbst erleben und beginnen werden, die Macht der Visionen kennenzulernen.“

In einer beispielhaften, anderen ZEN-Geschichte heißt es: „Der junge Zen-Schüler Joshu fragt voller Neugierde seinen alten Lehrer und Zen-Meister Nansen: „Was ist der Weg?" Und Nansen antwortet: „Der alltägliche Geist ist der Weg". „Ja, und wie findet man diesen Weg?" fragt Joshu weiter. „Je mehr du versuchst ihn zu finden, desto mehr entfernst du dich von ihm" antwortet der Meister.

Also sitze ich weiter im Kunstmuseum Bochum vor Chen Ruo Bings vermeintlich leeren Bildern. Die wiederum beginnen, sich auszudehnen, beginnen sich zusammenzuziehen. Atmende Bilder. In ihrem Rhythmus kommt man an. Weil einen langen Atemzug lang alles ist, so wie es ist: Auszeit, nicht Pause.

„Wer redet, weiß nicht, wer weiß, redet nicht“ hat Laotse gesagt. Dogen hat geschrieben: „Den Weg zu studieren, heißt, sich selbst zu studieren. Sich selbst zu studieren, heißt, sich selbst zu vergessen. Sich selbst zu vergessen, bedeutet, eins zu werden mit allen Existenzen.“

Erfüllte Zeit. Ich bin gespannt.

Achtung! Fertig! Pause! Zen!