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30. März 2017 - von Claudia Posca

Ach du liebe Zeit

Ruhrgebiet

Gemein! Mir läuft die Zeit weg! Immer schneller. Immer weiter. Die Zeit rennt. Wohin? Zum Sinn? Schön wär`s. Jaja, Zeit haben oder nicht haben, das ist hier die Frage. Im Leben, in der Kunst. Zeit hat keine Nischenexistenz. „Welcher Bazillus hat Dich denn erwischt? Ist doch Frühling und nicht Herbst?“

Tja, so kann es gehen. Kunst ist schonungslos. Ich bin „DERZEIT“-infiziert. Was über eine gleichnamige Ausstellung hinaus damit zu tun hat, dass ich es nicht lassen konnte, einem Großen aus dem Revier hinterher zu reisen: Klaus Rinke, dem Weltrang-Künstler aus Wattenscheid, bekannt für harte Fakten zu Angst- und Zeit-Korridoren. O-Ton Rinke: „Ich bin ein instrumentaler Metaphysiker“.

Was der denkt, konstruiert, verbildert ist in der Wuppertaler Craig-Foundation zu sehen - eine Zeitreise vor und zurück mit Normalzeit-Uhr und Wasserströmen. Ach ja, und mit einem Jesus am Kreuz, dem frisches Donauwasser zu Füßen ruht. Kein Weihwasser! Wer Rinke-Kunst guckt, kommt um Katholizismus und Mythos nicht drum rum.

Tatsächlich musste der im Wattenscheider Watermannsweg 1939 zur Welt gekommene Klaus Rinke „mittels eines Schlauches das faulige Wasser aus den hohen, schmalen Vasen im Kirchenraum durch frisches ersetzen.“ Weil er beim Großvater aufwuchs. Und der wiederum war Küster an der Heilig-Geist-Kirche am Pfingstborn in unmittelbarer Nähe zur Zeche Zollverein.

„Mein ganzes Werk besteht aus Rückschlüssen, wodurch die Vergangenheit zur Zukunft wird und nach vorne prescht.“ Ich nenne das mal die Einschleusung moderner Vanitas-Symbolik in den Kunstbetrieb.

„Meinst Du den Künstler, dessen Vater, Großvater, Urgroßvater Eisenbahner waren? Und der oft und gern betonte: ´Ich bin unter der Bahnhofsuhr in Gelsenkirchen-Wattenscheid groß geworden`?“

Hmmm, genau das ist Klaus Rinke, ein Promi-Ruhri unter der Welt-Künstlerschaft. Heute wohnt er in Los Angeles und in Österreich, liebt aber ganz offensichtlich das Revier: „Die ganzen Zinkeimer“, - Klaus Rinke zeigt auf die „Insel“-Installation mit dem Eimerberg und den Gummischläuchen -, „das ist Schrebergarten.“

Bis heute macht der Künstler-Philosoph Kunst mit Wasser, das wie Zeit verrinnt. Seit er Menschen über einen Riesen-Wassersack laufen ließ, gilt es als ausgemacht: Klaus Rinke ist Fachmann fürs Lebenselixier. Seit 1968 ist das so. Übrigens bedeutet der Name seiner Geburtsstadt ´Wasserscheide`. Nomen est omen!

Das Leben aber vergleicht der faustische Meister mit einem Eisenbahnzug, „mit Wartesälen, mit Ankommen und Abfahren und Umsteigen, mit Weichen, allerdings ohne Notbremse und ohne die Möglichkeit auszusteigen.“

Weshalb ich froh bin, den nicht mehr allzu oft vor Ort an der Ruhr weilenden Visionär live zu erleben.

Früher, bis 2004, hat Klaus Rinke viel Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie verbracht. Über dreißig Jahre sind es gewesen. Jetzt ist Klaus Rinke so etwas wie eine lebende Kunstgeschichte, in der der große Performance-Künstler noch Wuschelkopf trug, in Wasserbehälter abtauchte, Kakteen sammelte, das Lot „als Fingerzeig Gottes an uns Erdgebundene“ nutzte, mit Pina Bausch Tanz diskutierte und zusammen mit Joseph Beuys die „weltbeste Schule“ gegen engstirniges Denken installieren wollte: „Wir lernten uns 1969 anlässlich der „Gymnasia“ in Düsseldorf kennen, als er die Badewanne und das Tonband mit dem „Jaja Neene“ machte und ich mein großes Wasserbecken mit den Schwimmtonnen…Wir haben uns gut verstanden, er von der älteren Generation  und ich von der jüngeren. Er war fasziniert von meinen Haaren, die damals sehr üppig waren, während seine immer weniger wurden. Deswegen habe ich ihm seit seinem sechzigsten Geburtstag fünf Jahre meiner Haare geschenkt“ steht es im „Kunstforum International“ von 1992 zu lesen.

Aber wie das so ist mit der Zeit. Sie treibt Entwicklungen voran. Heute ist auch für Klaus Rinke Schluss mit Afro-Look und Löwenmähne. Man trägt Käppi und den Verlust mit Würde. Im April wird der achtundsiebzigste Geburtstag gefeiert.

Was kaum zu glauben ist, so unfassbar energiegeladen kalauert der notorische Querdenker über sein Leben: „Ich bin ein apokalyptischer Greis geworden.“

Wie bitte? Was sind Sie?

Der Mann steht sportlich kerzengerade in Sartre-Schwarz vor uns, sieht aus wie ein Jahrzehnt jünger. Dass ihn die Zeit beschäftigt, hat er mit denkwürdigen, mit analytisch-komplexen Projekten gezeigt. Im Düsseldorfer Volksgarten ist eins zu bewundern: „Zeitfeld - Alles hat seine Zeit! Ach du Liebezeit!“ Das sind vierundzwanzig Normalzeit-Uhren, Bahnhofs-Uhren würden die meisten sagen, aufgeständert auf hoch-schlanken Zylindern, U(h)r-Kosmen im Universum. Nie wird man ihre Zeit auf einen Schlag fassen können.

Eine Zeit aber hat Klaus Rinke höchst persönlich an die Kette genommen. En miniature vor der Brust getragen, ist das kleine Chronometer für ihn das „Ur-Ich“. Das Wortspiel zwischen Ur und Uhr ist gewollt. Zwischen Natur und Vergänglichkeit ist der Mensch verspannt.

Klaus Rinke geht locker damit um: „Meine Mutter hat mir vorgemacht, wie Sterben geht. Das ist gar nicht schlimm“ wird er während der Pressekonferenz sagen. Die Empathie fürs Existenzielle hat er im Herzen. Die Ruhe weg hat er am Leib. Obwohl doch die Zeit rennt.

Vielleicht aber macht ja Zeit-Gärtnern froh? Der Mann wirkt gelassen, hat das Zeug zum legendären Zeitgenossen. Was sich auf Biografie und Historie gründet: Kunst, Kosmos, Kohlenpott. „Ich bin in den Schwefeldünsten groß geworden. Deshalb hab` ich überlebt. Weil kein Bakterium das überstanden hat“, sagst einer, der 2009 eine große Herz-OP überstand und heute überaus geschmeidig zwischen leise und laut das Publikum bei Laune hält.

Gut, dass Klaus Rinke einst ein Studium an der Folkwang-Schule in Essen-Werden begonnen hat. Womöglich wäre dem Ruhrgebiet sonst mächtig viel Rinke-Kunst verloren gegangen. Und so manche Anekdote gleich mit. „Das ist die Bergpredigt“ erzählt er, seine Studenten zitierend, die des Öfteren über sein launig-humoriges Tiefschürfen zwinkerten. Wenn Rinke mal wieder Rinke zum Besten gab: „Raus aus der akademischen Badewanne in den Ozean des Geschehens!“

Das Motto schnapp` ich mir! Viele vor mir taten es. Kann es Besseres als Lehre fürs Leben geben? Gegen Wüste und Trockenheit! Für alle, die sich bisweilen wie Fische auf dem Land fühlen. Mit ihnen leidet Klaus Rinke bis heute mit. Fisch, besonders Karpfen, mag er. Mit seinem  „Freitagsessen“ hat er dem Wassertier ein Denkmal gesetzt.

Andere Rinke-Kunst ist dem geliebten Kaktus gewidmet. Weil auch der mit Wasser, Zeit und Kosmos schwanger geht: „Kakteen sind Zeitbomben. Sie können über 450 Jahre alt werden und sind genial konstruierte Wasserreservoire. Ihre Stacheln sind in 3er-, 4er- oder 6er-Gruppen angeordnet, je nach Sorte. Von oben, von der Fontanelle aus, erkennt man ihre abstrakte Geometrie, sie sehen aus wie Sterne, die auf die Erde gekommen sind.“

Geht es poetischer? Wie Kunst tickt, wo sie herkommt, steckt in vielen Rinke-Sprüchen. „Ich bin aus der Steinkohle gewachsen.“

Zu den international gefeierten Multi-Media-Artisten wird der Wattenscheider gezählt. „Er ist einer der Großen der Nachkriegszeit“ (Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff) und ein Vorreiter der Prozesskunst.

Jaja, da ist sie wieder: die rennende Zeit. Prozesse verdonnern uns zur Wahrnehmung von Vergänglichkeit.

Was einem ganz schön auf die Pelle rücken kann. Das kleine „Ur-Ich“-Chronometer nämlich, am Kettchen baumelnd vor der Rinke-Brust, steht gigantisch groß gezaubert vis-à-vis im Ausstellungsraum. Ein Uhr-Biest, das die Szene beherrscht. Gänsehaut! Vor drei Metern vierzig im Durchmesser, vor einem Gehäuse, groß wie ein Haus. Selbst Alice im Wunderland hätte Respekt. Vorm unerbittlichen Takt, der runter zählt: Stunden, Minuten, Sekunden - verrinnende Lebenszeit. Die Uhr als Buchhalter. Die Uhr als Abschiedsgruß.

Und wir? Im Lebenswartezimmer?

Da nehm `ich mir doch glatt mal `ne Auszeit bevor es zu spät ist.

Ach du liebe Zeit