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7. Mai 2015 - von Claudia Posca

Abseits: Der Kunstverein Fröndenberg

Fröndenberg

„Eulen nach F… tragen“? 2014 hatte die WDR-Lokalzeit berichtet: Über die „wohl größte Eule Europas“, eine in den Rasen gemähte „Riesen-Wiesen-Eule“. Das Motiv gab‘s auch als Dekor-Mandala oder als Spinat-Spiegelei. Mit viel Elan vom Kunstverein Fröndenberg serviert.

Ich fahre nach Fröndenberg. Und habe Erwartungen. Kunstvereine wie Bochum, Essen, Dortmund, Recklinghausen machen keine „Eulen“-Ausstellungen. Und sie bieten auch keine Malkurse für Hausfrauen.

Fröndenberg aber? Liegt überhaupt wo? Im Sauerland - sagen die allermeisten. Was nur geografisch stimmt. Tatsächlich gehört die frühere Bergbaustadt mit einstiger Kettenschmiede-Industrie zum Kreis Unna. Also reise ich ins äußerste Ruhrgebiet!

Genauer noch zur „Stadt mit Aussicht“ und zwanzigtausend Einwohnern, wo NRWs Justizvollzugskrankenhaus beheimatet ist und zwei (!) Golfplätze locken. Die Kleinstadt liegt im Übergangsgebiet zwischen dem Revier im Nordwesten, zur Soester Börde im Osten und zum Sauerland im Süden.

Dass es dort Kunst gibt? Nie gehört.

Fakt ist, dass die am dortigen Himmelmann-Landschaftspark vorbeiplätschernde Ruhr die Grenze zum sauerländischen Menden markiert. Und dass das Gelände mal Drehort für die Hitler-Tagebuch-Satire „Schtonk“ mit Götz George und Christiane Hörbiger war. Und dass man - eventuell - die Fahrrad-Berühmtheit Erik Zabel in Fröndenberg treffen kann. Der nämlich hat hier einst eine 12-Prozent-Steigung auf 1200 Metern Länge den Berg hinauf trainiert. Und zwar auf der Eulenstraße. Daher die Kunst-Eulen!

Seit 2002 ist Fröndenberg sogar im Kulturprojekt „Hellweg - Ein Lichtweg“ vertreten, streift der Ruhr-RadWanderweg hier entlang und laden das Ketten-Schmiede-Museum  sowie der „Fröndenberger Trichter“, ein Industrierelikt und Baudenkmal aus der ehemals hier ansässigen Papierindustrie, zum Besuch ein. Hätten Sie‘s gewusst?

Ich sitze im Fröndenberger Kunstverein. Vor mir sitzt Peter Trautner, ein stattlicher Mann. Latzhose trägt er, gewöhnlich sehen Kunstvereinsvorsitzende anders aus. Passend dazu: Sein auffälliges Auto vor der Tür: Kennzeichen UN-ST 3001, das K davor hat er selbst dazu erfunden.

„Als ich von Unna hierher kam, haben mir viele Leute gesagt, die haben hier in Fröndenberg keinen Bock auf Kunst. Und ich hab‘ gesagt: Das stimmt nicht. Man braucht nur einen Kümmerer. Und wer, wenn nicht ich als bildender Künstler soll sich kümmern?“ erzählt mir der Kunst-Autodidakt.

Und kümmerte sich: 2009 gründet der 1951 in Essen geborene Mann den Kunstverein Fröndenberg. Kunst hat er nie studiert, ist aber „leidenschaftlicher Kulturarbeiter“. Ein Sozialarbeiterstudium hat er abgebrochen, Schlosser lernte er, war LKW-Fahrer im Ruhrgebiet, Postbote in Hemer, Antiquitätenhersteller in Siegen und Saisonarbeiter im Tierpark Dortmund. Wollte aber eigentlich immer Künstler sein.

Hat es denn mit der Kunst geklappt?

„Meine ersten Ausstellungen waren in Cafés in Dortmund. Wenn mich Leute fragen, wo ich studiert habe, sage ich immer: Bei Doerner und Wehlte. Das sind die beiden Handbücher, die sich angehende Künstler zum Studium kaufen.“

Aha. Der Mann hat Traute. Auf seiner Visitenkarte steht, was er heute macht: Skulptur, Zeichnung, Grafik, Installation, Theorie, Kunst am Bau, Gutachten, Seminare, Messen, Ausstellungen, Privatkurse, die Produzentengalerie Ku7, sculpture network e.V., die Künstlergruppe UN-art und den Kunstverein Fröndenberg.

Wie er die Kunst vor Ort unters Volk bringt, das „Kunst ja noch gar nicht kennt und von Schützenfesten und Chören, also von altem Brauchtum, geprägt ist“?

Der Lebenskünstler setzt auf Konfrontation: „Meine Frau sagt immer, Du könntest ruhig mal ans Geldverdienen denken. Und ich sage dann: Nö, mir macht das Erforschen und Ausprobieren Spaß. Also geh‘ ich zu Bürger-Schützenvereinen und sag‘ denen: Ich besorg‘ euch Schießscheiben, wie sie im Mittelalter verwandt wurden, wo der Bürgermeister mit dem Hintern drauf ist. Da kommt dann erst mal Ablehnung, aber auch Interesse: So was hat‘s gegeben? Das wussten die Schützen gar nicht, weil es nicht in ihr Metier passt. Aber so weckt man Interesse!“

Auf solche Ideen muss man erst mal kommen. Berührungsängste jedenfalls kennt Fröndenbergs Kunstvereins-Macher nicht: „Wir machen auch Weinproben. Dann aber in Kombination mit Rotwein-Malerei. Weil man so erklären kann, dass Naturfarben gar nicht so was Fremdes sind.“ Ich stelle mir die Reaktion anderer Kunstvereine vor.

Peter Trautner kommt ins Plaudern. Und wenn er erst mal in Schwung ist, klingt alles sehr einfach. „Kunst kann doch auch in den Alltag rein gehen und Tourismus fördern.“

Warum eigentlich nicht? Aber was ist mit „schwieriger“ Kunst, also sagen wir mal von einem Richard Serra? Hier, wo es schon Proteste gegen eine lichtakustische Video-Wasser-Skul ptur-Installation von Tilman Küntzel gegeben hat?

Peter Trautner lässt sich nicht provozieren: „Es gilt auszuloten: Was gibt es an Kunst? Denn offensichtlich kennen die Leute das ja noch nicht.“ Und fügt hinzu: „Ein Kirchen-Mann hat mir einmal gesagt, dass Künstler hervorragende Missionare seien. Ich bin bekennender Freimaurer. Und im Grunde genommen bedeutet Freimaurerdasein, dass ich nicht nur den Kapitalismus fördern möchte, sondern mein gutes Gefühl soll daher kommen, die Menschheit weiter gebracht zu haben. In welche Richtung das geht, weiß man natürlich vorher nicht.“

Immerhin: Sein „Kunst-Laden“ hat inzwischen das Grundschulalter erreicht, zählt 25 Mitglieder inklusive des vierköpfigen Vorstandes, darin Peter Trautner Erstvorsitzender ist, seine Frau Astrid die Kasse wartet. Noch residiert der Fröndenberger Kunstverein in einem Geschäftslokal auf der Alleestraße 15, man sucht Räume im Industriegebiet, will sich vergrößern.

Gezeigt hat man bis dato neben den Eulen: Dr. Horst Relleke, den Architekten des „Gläsernen Elefanten“ in Hamm, Richard Cox, Christiane Kling und Patrick Lemke.

Derzeit läuft „Slider - Unterwasserfotografie“ von Tina Terras & Michael Walter, elegante Model-Shootings mit Irritationseffekt.

 Wie es weiter geht?

„Kunst und erneuerbare Energie“ lautet das Programm. „Dieses Thema“, so steht‘s im grün-blauen Statuten-Flyer geschrieben, „ist relativ neu, und so werden wir in Deutschland Vorreiter sein.“

Ich staune nicht schlecht. Peter Trautner merkt das: „Wir sind der Kunstverein, wir tun Gutes. Und darüber kann man reden.“

Die Kulturrevolution auf dem Land geht weiter!

Abseits: Der Kunstverein Fröndenberg