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13. Juli 2017 - von Claudia posca

96 Schwimmflügel

Herne

Ich bin ins Schwimmen gekommen. Aber so was von. Vergangenen Sonntag, ohne Pool, ohne Beach. Nachdem mich tags zuvor Mailpost unklarer Motivik erreicht hat. Buchstäblich verschwommen. Ein milchiges Foto klappte auf: „Um dieses Bild scharf sehen zu können, sollten Sie am Sonntag, den 9.7. 2017 um 11.30 Uhr in die Herner Flottmann-Hallen kommen. Dafür braucht man nicht zum Optiker.“

Herrlich.

Und als wär`s des „weißen Negers Wumbaba“ nicht genug, - Sie wissen schon, der aus dem gleichnamigen „Handbuch des Verhörens“ von Axel Hacke und Michael Sowa, wo sich alles ums verschwimmende Reden dreht -, wurden auch noch „wahrhafte Unterstellungen“, „Bauplan nicht vorhanden“ und „Entweder Nein“ versprochen.

Wie bitte, was? „Wahrhafte Unterstellungen“? Zur Finissage der Studierenden des Fachbereichs „Plastik und Interdisziplinäres Arbeiten“ an der TU Dortmund bin ich dann nach Herne gedüst.

Die Antwort auf alles: „Pro Motionen“. Was eindeutig mehrdeutig den Nachweis meint, wissenschaftlich arbeiten zu können, aber auch für Bewegung, gegen Erstarrung steht und den Produkt-Marketingbegriff aus der Wirtschaft aufgreift.

Tatsächlich handelt es sich bei „Pro Motion“ um die druckfrische, ausstellungsbegleitende, neueste Publikation des an der Dortmunder TU seit 2007 beheimaten „Zentrums für Kunsttransfer“. Dessen IDfactory wurde 2012 von der Landesregierung NRW für gesellschaftlich impulsgebendes, interdisziplinär-künstlerisches Denken ausgezeichnet. Und aus den dortigen Laboren wiederum stammt der Herner Young-Lab-Parcours, darunter die Decken-Installation einer knappen Hundertschaft transparenter Schwimmflügel.

„Schwimmflügel sind so attraktiv, weil sie mit Symbolen aufgeladen sind, so dass sie ein tragbarer Luftspeicher sind für Situationen, in denen es eng wird.“

Das ist, als höre man dem Formen von Gedanken zu.

Faktisch aber hingen 96 Schwimmflügel zu hoch für jedweden Rettungsversuch. Und ich schwamm weiter: „Wahrhafte Unterstellungen“?

Ich brauchte Schwimmunterricht.

Gut, dass es einführende Worte gab. Ich hörte reden von der „Gleichstellung von Kunst und Wissenschaft“, von „promotionsädaquaten Arbeiten“, von „Parallel-Realitäten“ und „wie das kleine Private mit dem Großen zusammenhängt“. Was irre knistert, weil`s sogleich potenzierte Kehrtwendungen initiiert rund um den - nach Francis Picabia - nur runden Kopf, damit unser Denken die Richtung wechseln kann.

Die große Frage an diesem denkwürdigen Sonntag: Warum sollte die Kunst der Wissenschaft nachgestellt sein, wo sie ihr doch im Grundgesetz, § 5 Abs.3, gleichgestellt ist? Dort wird die Kunst auf Augenhöhe mit der Wissenschaft angeführt: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

So, jetzt wissen Sie, warum ich von diesem Date so impressionant beeindruckt war: die Schärfe, die das Unscharfe hat, mundet phantastisch pikant.

Oder wie es der Multi-Tasking-Künstler Erich Füllgrabe als Lehrbeauftragter an der TU Dortmund zu denken gibt: „Wer Forschen will, begibt sich allerdings auf sehr dünnes Eis. Zum einen weiß der Kunstforschende nicht, ob es überhaupt Antworten gibt, zum anderen, ob er oder sie auf Antworten stoßen wird. In diesem Unwägbarkeitsozean lauern ideologische Riffs, Klischeeklippen, Gedankensandbänke und Unterstellungsuntiefen. Und was ist mit dem Wahrhaften? Sind wahrhafte Unterstellungen, Hypothesen, die sich als wahr erweisen oder sind es eben nur wahrhafte Unterstellungen? Wo liegt der Unterschied zwischen falschen Tatsachen und tatsächlichen Falschheiten?“

Upps, darüber kann man ein Leben meditieren. Und im Mysterium ausfransender Bedeutungen die Wonnen und Leiden von Anders-Sinn und Sparten-Hopping experimentieren.

Klar, dass mich der von den Gründern des „Zentrums für Kunsttransfer“, Ursula Bertram und Werner Preißing, ins Feld geführte „Da Vinci Code“ „als Muster zwischen Disziplinen“, - weil ja „monokausales Denken den komplexen Anforderungen des vernetzten Systems unserer Tage nicht mehr gerecht werden“ kann -, unheimlich heimelig interessierte. Dagegen Primzahlen-Zwillinge oder Details der Faktorenfeld-Methode „zur Verknüpfung mathematisch durchdachter Strategien mit innovativen Denk- und Handlungskonzepten“ nur ein klitzekleines bisschen.

Denn an diesem Tag schlug das große Ganze zu: die Vision einer Gleichstellung von Kunst und Wissenschaft, „derzeit ähnlich umkämpft wie seinerzeit die - inzwischen nicht mehr ernsthaft diskutierte - Gleichstellung von Mann und Frau.“

Ja, Staunen ist sexy. Da standen Sachverhalte ausgesprochen klar im Raum, die mir sonst - vom Nebel „Wumbabas“ poetisiert - zwar nahe, aber verschwommen unklar, durchs Hirn flottiert waren.

Jedenfalls: Viele Spiegelneurone wurden durchs multiperspektivische Denkhorizonten angefixt. Statt kunterbuntem Empathie-Feeling also Hand und Fuß bzw. Begriff und Ausdruck: für die Dringlichkeit eines künstlerischen Verhaltens „als Impuls für gesellschaftliche Bewegung.“

Kann man es sympathischer ausdrücken? Und dann noch der Satz: „Als eigenständige Erkenntnismethode wird künstlerische Forschung in der Bedeutung und Relevanz für außerkünstlerische Fragestellungen den natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden gleichgestellt… Die Forschung versteht sich als VISUAL THINKING, die Mittel sind unbeschränkt.“

In einem früheren Interview hat Ursula Bertram zum non-linearen Denken gesagt: „Das Tolle ist, dass es beim künstlerischen Prozess keine Prinzipien gibt. Der Prozess lebt davon, dass er keine hat.“

Bei aller Fluidität, das ist jetzt doch mal glasklar und gar nicht verschwommen, ein schönstes Statement für Kunst als Erkenntnismethode. So lernt man schwimmen. 96 Schwimmflügeln sei Dank.

96 Schwimmflügel