gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

18. Juni 2015 - von Claudia Posca

44309 streetartgallery Dortmund - Cool Club Culture

Dortmund

Sie sind bunt, schrill, grell: Graffitis. Und sie sind Sand im Getriebe von Establishment und Hochkultur. Kunst oder gemeinschädliche Sachbeschädigung? An Graffitis scheiden sich die Geister. Jetzt packt eine Galerie StreetArt in den White Cube. Schluss mit „Reclaim your city“?

Das Ruhrgebiet ist nicht Berlin. Dort hatte der StreetArt-Künstler BLU 2014 durch die Übermalung eigener Graffitis Street-Artisten dazu aufgefordert, nicht zur „Coolness“ und Wertsteigerung von Wohnvierteln beizutragen.

Als ich in Dortmund, Nähe Kreativquartier, Rheinische Straße 16, ankomme, begrüßt mich ein Riesen-Mural: „Hype“, 315 Quadratmeter plastisch modulierte Buchstaben an ehemals grauer Parkplatzwand. Graffiti? Social Design? Aufgebracht hat es der international ausgezeichnete Mark Gmehling, der den Clio Award 2011 erhielt, 2012 den Artag Award, inzwischen Dozent an der privaten Dortmunder Medienakademie WAM ist und 2014 gegenüber ausstellte.

Ich geh‘ nach gegenüber. „44309 streetartgallery“ ist leicht zu finden, residiert in dem auffälligen Haus mit dem seltsamen Konstrukt in der oberen Fassade. Seit 2013 ist die vor fünf Jahren von Daniela Bekemeier (Dani) und Olaf Ginzel gegründete „Plattform für visuelle Kommunikation, Kunst und Unterhaltung im Bereich StreetArt“ im Union-Viertel beheimatet. Fünf, sechs Ausstellungen im Jahr laufen. Und laufen gut. Das schicke Lokal gibt sich trendy: Eine Ziegelsteinmauer im Ausstellungsraum blieb unverputzt.

„Mittlerweile ist StreetArt eine Kunst geworden. Also anerkannt. Weil so ein Typ wie Banksy abverkauft wurde“ erzählt mir Dani.

Die Galeristin im Nebenjob spielt darauf an, dass der 2010 vom US-amerikanischen Time Magazin als einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt (darunter 25 Künstler) eingestufte Street-Artist, gesammelt u.a. von Brad Pitt und Angelina Jolie, den Grund dafür bereitet hat, dass StreetArt bekannt wurde. Für über eine Million US-Dollar werden Banksy-Werke gehandelt. Als der Mann einmal seine Arbeiten im Rahmen einer Performance für nur 60 Dollar im New Yorker Central Park verkaufen wollte - allerdings ohne sie als „echte“ Banksys zu outen - sprang keiner drauf an. Gerade mal 8 Werke für insgesamt 420 Dollar gingen über die Theke, zum Teil als Deko fürs Kinderzimmer. No name, no expertise, no money - der Kunstmarkt hat eigene Gesetze.

Ist Graffiti Kunst?

Dani kennt die Fallstricke dieser Diskussion: „Das ist eine subjektive Frage. Ich kann sie nur subjektiv beantworten: Ja. Andere würden Graffiti als Vandalismus abtun.“ 

Meine eigene Beurteilung schwankt zwischen Eigentums-Attacken und Augensex. Denn schließlich gibt es klasse Tags (Schriftzüge). Aber natürlich gibt es auch ziemlich gruselige Stencils (Schablonen-Sprühs). Und es gibt viele Formen dazwischen.

Interessant ist die Geschichte von StreetArt und Graffiti. Ursprünglich ist es eine Ästhetik der Bronx- und Ghettowirklichkeit. In den 1980ern schwappte sie aus den Staaten rüber, motiviert von Hip Hop, Beat-Boxen und Break-Dance. „Creative battles anstelle von Fight battles“ analysiert Dani. In der Folge wurde das Phänomen aufgesogen von umfassender Pop-Kultur.

Mich interessiert, wie eine Galeristin damit umgeht, dass Sprayer Fremdeigentum okkupieren. Und zwar mit dem schlagenden Argument, dass ihre Privatsphäre schließlich auch von Werbung und Deco missachtet wird, was allerdings straffrei ist und nicht als Delikt gilt.

„Egal wie gearbeitet wird, es ist illegal, da kann man ruhig eine Folie, einen Sticker, eine Schablone aufbringen...“ Das ist dann aber doch keine Sachbeschädigung? „Doch, doch. Es lässt sich nur leichter von der Wand lösen. Aber: Selbst das Kleistern ist illegal.“

Dani weiß wovon sie spricht. Stundenlang könnte sie mir von der „kosmopoliten Sache StreetArt“ erzählen. Wobei es ihr nicht darum geht „illegale Leute“ zu legalisieren. „Und wir wollen auch nicht diesen Hype betreiben, dass wir die absolut originäre Graffiti-Kunst vertreten.“

Steckt Ihr damit nicht Sub-Kultur in den Weichspülgang? Wem gehört der Öffentliche Raum?

„Streetart ist auch Lifestyle. Und ja, das ist Kommerz. Aber ich will ja auch keine Illegalität verkaufen. So anmaßend will ich gar nicht sein.“

Daniela Bekemeier ist studierte Sozialpädagogin. Ihre Diplom-Arbeit hat sie im Bereich Angewandte Sozialwissenschaften an der FH Dortmund geschrieben. Das Thema: Sub-Kulturen, StreetArt, Graffiti. Und wie diese Sub-Kultur zum Life Style wird.

Warum sie eine Galerie betreibt?

„Es ist die Form von Kunst, mit der ich mich identifizieren kann. Ich bin in den 1980ern groß geworden. Und - wir machen das, um Nachhaltigkeit zu generieren. StreetArt, wenn sie im Öffentlichen Raum ist, ist dort schnell auch wieder verschwunden. Es ist eine Ephemeral Art. Dabei hat sie eine große Kunstfertigkeit. Und das möchten wir nahe bringen.“

Dafür sucht „44309“ Wände, fragt in der Presse und in Zusammenarbeit mit der Stadt nach, ob Hausbesitzer ihre Fassaden für großflächige Wandarbeiten zur Verfügung stellen. In der Ritterstraße gleich um die Ecke etwa sind zwei solcher Murals zu sehen, ein großes Portrait des Brasilianers Luis Seven Martins. Und „Graffiti Birds“ von L7m. Zu weiterer StreetArt in Dortmunds City gibt es Public Art-Führungen in Kooperation mit dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte.

Und was sagen Graffiti-Künstler zu einer Galerie-Ausstellung?

Telmo&Miel“ beispielsweise, (das holländische Künstler-Duo ist aktuell bis zum 13. Juni mit ihren „Glove stories“ ausgestellt) haben als Teenager illegal gearbeitet. Dann aber haben sie ihre Talente kanalisiert, sind zur Akademie gegangen. Das machen die meisten, selbst die, die aus einer harten Graffiti-Szene kommen. Weil es irgendwann nicht mehr reicht, sich nur über die Gruppe zu identifizieren oder dort Anerkennung zu bekommen. Wenn dann ein gewisses Talent vorliegt, dann will man sich steigern, denkt, dass es mit einem akademischen Überbau möglich wird, irgendwann - im bestmöglichen Fall - davon leben zu können.“

Dann ist meine Vorstellung von Graffiti als rebellischer Kunst von unten romantisch?

„StreetArt will gefallen, will viele Leute erreichen, Graffiti soll eher im eigenen Kreis wirken, um Respekt zu bekommen. Und warum soll man die Straße nicht zu einer Barriere-frei begehbaren Galerie machen. StreetArt ist ein gefälliges Sujet, hat Anerkennung. Mir gefällt der basisdemokratische Ansatz.“

Mit „think global, act local”, Pop-Art-Pragmatismus und Cool Club Culture im Kopf fahr` ich nach Haus. Erstmals halte ich für das StreetArt-Mural in Hattingen-Blankenstein an. Die Cartoon-Figur auf der Mauer kenne ich: Inspektor Clouseau aus dem „Rosaroten Panther“. Ganz klein steht auf seiner Nase aufgesprüht: NPD bekämpfen. Von weitem sieht es aus wie ein Comic-Strip: Ein grüner Drache boxt, Buchstaben tanzen und die Welt kracht aus den Fugen.

44309 streetartgallery Dortmund - Cool Club Culture